"Two steps back" –Zehn Tänzer*innen erobern die Bühne. © tqw

Mit zehn Tänzer*innen zeigt Elio Gervasi sein neues Tanzstück “Two steps back” im Tanzquartier. Die Premiere der in sämtlichen Tanzsprachen komponierten Choreografie hat am 16. Oktober 2018 stattgefunden. Großartige Tänzer*innen aus allen Weltgegenden zeigten in der Gruppe, in Solos, Trios und Duos, teilweise zu Livemusik, wie Bewegung im Raum funktioniert.

Nathalie Baert: Solo vor der Graffiti-Wand. Im Hintergrund leuchtet eine weiße Wand, mit bunten Graffiti bemalt. Ganz oben sehe ich die Zahl 1984. Es ist das Jahr, in dem der Italiener aus Cosenza sich endgültig in Wien niedergelassen hat. 1987 hat er nach reicher Erfahrung als Tänzer seine eigene Compagnie gegründet. Doch der Titel seiner neuen Kreation, „Zwei Schritte zurück“ bedeutet keineswegs, dass Gervasi zurückrudern will, sondern bezieht sich auf die Vokabel im Volkstanz. „Zwei Schritte vor, zwei Schritte zurück, Wechselschritt.“ so beginnt auch das Stück, allerdings nicht mit österreichischem Bezug, sondern mit einer Flamencofantasie, Michael Bruckner gibt mit der E-Gitarre den Rhythmus an. Die Tänzer*innen müssen sich fügen und versuchen, die dem spanischen Tanz eigenen Schritte fest in den Boden zu stampfen. Riccardo De Simone kommt aus Bologna und hat bei SEAAD in Salzburg studiert. Zwischen den Live-Musik-Passagen wird die Gruppe nur von einer knisternden, rauschenden, seufzenden, manchmal aggressiven, unheimlichen, dann schmeichelnden Toncollage begleitet. Jetzt können sie sich frei bewegen, ihre Solos in der eigenen Bewegungssprache zeigen. Arnaud Blondel zeigt seine akrobatischen Künste im Break Dance; Riccardo de Simone und Laurent Delom de Mezerac tanzen geschmeidig und biegsam ihre Soloauftritte. Lia Ujčič aus Slovenien hat 2015 in Leeds mit Auszeichnung ihr Tanzsstudium abgesclossen.Unter den sieben Frauen fallen mir Hannah Timbrell, Evgeniya Glazunova und Nathalie Baert besonders auf.

Die gesamte Gruppe bildet eine gleichförmige Riege, bewegt sich synchron, marschiert immer wieder nach vorn bis nah an die erste Reihe, bis sie auseinanderfällt, sich kleine Grüppchen bilden, die Solist*innen freien Raum haben. Das Thema der ersehnten Zugehörigkeit zu einer Gruppe und dem Wahrgenommen werden als solitäres Individuum beschäftigt Gervasi immer wieder.Hannah Timbrell hat in Australien studiert und tanzt mit Erfolg in Wien.

Klar und strukturiert ist Gervasis Choreografie, in die sämtliche Tanzformen und Bewegungsvokabel einfließen und auch Genregrenzen verschwimmen. Die bewegten, sprechenden (der bewegte, sprechende) Körper im Raum sind (ist) die eigentliche Botschaft. Ein ständiges Wechseln zwischen Rhythmus und Schrittfolgen, zwischen Strenge und Freiheit ist verlangt, damit der pure Tanz in schöner Linie und Geometrie zu diesem gelungenen, durchaus auch unterhaltsamen und spannendes Stück, in dem Wiederholungen sinnvoll sind und Überraschungen für Abwechslung sorgen, zu genießen ist.

 Katerina Andreou: "BSTRD". In den Studios zeigt die Tänzerin und Choreografin, unmittelbar nach Gervasis Company in der Halle G, ihr eigenes Solo im Studio: „BSTRD“. Katerina  Andreou beginnt ihren Tanz abgewendet vom Publikum. © Patrick BergerDas Akronym ist leicht zu entschlüsseln: „Bastard“, und darum geht es auch, um eine, wie bei Gervasi, hybride Choreografie, die sich nur den eigenen Regeln unterwirft. Andreou, geboren in Griechenland, Absolventin des Jus Studiums in Athen, nach dem Tanzstudium Master in Choreografie an der Pariser Universität III Saint-Denis, lebt in Frankreich und ist 2016 im Rahmen des ImPulsTanz Festivals für ihr Stück „ Kind of Fierce“ mit dem Prix Jardin d’Europe ausgezeichnet worden. Ihr „Bastard“, ein Begriff, der erst im 19. Jahrhundert zum Schimpfwort mutiert ist, kommt als aufregender, energieraubender Hybride auf die Bühne. Kann beides sein, Mann und Frau, ist Tänzerin und Tanzmaschine (was Andreou an Energie und Rhythmus, an Tritten, Drehungen und kleinen Sprüngen aufbietet, kann ein Mensch kaum leisten), eine Botschaft oder keine. Katerina ist das Zentrum, der Körper der Tänzerin Katerina Andreou, ohne Rücksicht auf Traditionen, irgendwelche Regeln und alles was sein oder nicht sein darf. Nicht der Tanz ist authentisch, also echt. Echt im Vergleich wozu? Katerina Andreou tanzt "Bstrd" mit überwätigender Bühnenpräsenz und Energie. © Patrick Berger Es ist die Tänzerin, die echt ist. Sie schafft ihre eigene Authentizität und Bühnenpräsenz. Fiebrig tanz sie zu einem Beat, der auch das Publikum einfängt, ihr Körper ist elektrisiert, ihre Miene bleibt meistens starr, sie blickt ins Leere, die nassen Haare fallen ihr ins Gesicht, nur hie und da blitzt ein selbstvergessenes Lächeln auf. Hie und da geht das Licht für ein kurzes Blackout aus.
Andreou erscheint in einer eleganten grauen Hose und einem weißen T-Shirt. Darunter weitere weiße Shirts, die sie, nassgeschwitzt, nacheinander ablegt, immer ist darunter noch eine Schicht. Pausen, die unvermittelten „Go“-Rufe, die sie befolgt oder auch nicht, sind feinst geplant, wie auch ihr Abgang. Während die Musik den Beat verlässt und sanft schmeichelnd wird, bleibt die Bühne leer, bis die Künstlerin frisch und munter zurückkehrt und scheu lächelnd die Ovationen entgegennimmt. Selten hat mich eine Tänzerin allein 40 Minuten lang so gefesselt.

Tanzquartier, 19. Oktober 2018:
Elio Gervasi: „Two Steps back“, mit Nathalie Baert, Laura Beschi, Arnaud Blondel, Laurent Delom de Mezerac, Alexandra Pholien, Evgeniya Glazunova, Hannah Timbrell, Riccardo de Simone, Sherise Strang, Lia Ujčič. Bühnenbild Valter Esposito; Lichtdesign Markus Schwarz; Livegitarre Michael Bruckner; Kompositionen (Gitarre und zugespielter Sound) Michael Bruckner und Albert Castello.Tonregie: Albert Castello.
Katerina Andreou: „BSTRD“, Choreografie und Performance Katerina Andreou; Sounddesign Andreou in Zusammenarbeit mit Eric Yvelin; Lichtdesign Yannick Fouassier.
Beide Arbeiten werden auch am 20. Oktober 2018 gezeigt.

"Choros V" – Performerinnen. © Ulli Koch

Eine „in Bewegung geratene Installation“ nennen der bildenden Künstler Moritz Majce und die Autorin Sandra Man ihre Arbeiten, die aus Videos, gesprochenem Text, Musik, Objekten und Körpern zusammengesetzt sind. Die Nummer V sagt es, Choros ist ein mehrteiliges Projekt, das in Wien und Berlin entwickelt worden ist. Am 17. Oktober ist „Choros V“ im WUK uraufgeführt worden. Danach wird die bewegte Installation in Berlin zu sehen sein.

Ditta Rudle
Puck (Géraud Wielick) inmitten der Elfen.

Schade, „Ein Sommernachtstraum“ in der Choreografie von Jorma Elo ist für diese Saison abgetanzt. Die letzte Vorstellung am 13. Oktober in der Volksoper ist zu einem Triumph für den Halbsolisten Géraud Wielick als Puck geworden. Begeisterten Applaus haben auch Ioanna Avraam und Natascha Mair mit ihren Partnern James Stephens und Alexandru Tcacenco als die beiden ver- und entliebten und schließlich doch zur allgemeinen Zufriedenheit vereinten Paare erhalten. Ebenso gefeiert: Ketevan Papava und Eno Peçi als Titania und Oberon samt dem gesamten Ensemble des Wiener Staatsballetts.

Ditta Rudle
Anna Possarnig, Maria Shurkal: „The Church of Performance Witness“

Im Rahmen der Reihe „Raw Matters“ wurden am 15. Oktober vier unterschiedliche, thematisch jedoch sich durchaus ergänzende Arbeiten aufgeführt. Zwei strickende Frauen denken über weibliche Immigranten nach. Ein Fagott trifft auf Flamenco. Eine hochschwangere Tänzerin reflektiert über sich und den Kampf Schwangerer in der modernen Welt. Und zwei Priesterinnen beleuchten die Prägungen und Abhängigkeiten ihrer ZeitgenossInnen.

Rando Hannemann
Im Leichenschauhaus: Die Toten erwachen zum Leben.

Johann Kresnik hat sein choreografisches Theater nach William Shakespeare „Macbeth“ für TANZLIN.Z, das Ensemble des Linzer Landestheaters, rekonstruiert. Die Originalmusik, für Klavier zu vier Händen, stammt von Kurt Schwertsik. Das Bühnenbild von Gottfried Helnwein ist ebenfalls rekonstruiert worden. Die Premiere am 13. Oktober 2018 im Linzer Musiktheater hat geteilte Aufnahme gefunden. Entsetzen und Schrecken haben einige Buhs hervorgerufen, bis begeisterter Jubel mit langanhaltendem Applaus sich schließlich durchgesetzt hat.

Ditta Rudle
José Montalvo lässt viele "Carmen(s)" tanzen. © Patrick Berger

Feiert die Freiheit! Kämpft um sie! Der Choreograf José Montalvo brachte mit „Carmen(s)“ eine fulminante Arbeit auf die Bühne des Festspielhauses St. Pölten. Flamenco, klassisches Ballett, Breakdance und Zitate koreanischen Tanzes werden zu Auszügen aus Georges Bizets Opernmusik und Live-Musik auf geradezu berauschende Art und Weise miteinander verbunden. Die Premiere im deutschsprachigen Raum hat am 13. Oktober stattgefunden.

Rando Hannemann