Mick Herron beim Marlborough LitFest 2021_© Ben_Phillip

Die lahmen Pferde galoppieren wieder durch London. Nach ihren eigenen Regeln. Autor Mick Herron beobachtet zum 5. Mal Jackson Lamb und seine „Slow Horses“, die sich an keine Regel halten, auch nicht an die ungeschriebenen Londoner Regeln, deren erste heißt: „Rette deinen Arsch“. Einmal sind es die grauen Männer mit Krawatten und Köfferchen, die das Unheil heraufbeschwören, ein anderes Mal ein toter Spion und russische Oligarchen, und im 5. Band sind es Terroristen, die im Dorf Abbotsfield ein Massaker anrichten.

Ditta Rudle
der Schweizer Autor Alex Capus. © Beni Blaser / Hanser Verlage.

Gerne erzählt Alex Capus von Menschen, Schweizerinnen und Schweizer zumeist, aber nicht so bekannt wie es Uhrwerke oder Schokolade einst waren. Diesmal ist es eine Frau, Susanna Faesch, die sich später als Malerin CarolineWeldon genannt hat, deren Leben Capus als Basis für eine mit Empathie und Respekt geschriebenen fesselnden Roman nimmt. Capus recherchiert genau, besucht auch die Orte der Handlung und mischt dann gekonnt historische Fakten und einfühlsam Erdachtes. Das Bild einer eigensinnigen, freiheitsliebenden Frau, die am Beginn des industriellen Zeitalters lebt. Liebevoll verwandelt der Autor die historische Person zu einer sympathischen Romanfigur.

Ditta Rudle
Der Autor auf dem Birkenkopf bei Stuttgart. © Heinz Heiss

Einen „betrunkenen Berg“, kann nur bei Heinrich Steinfest gefunden werden. Betrunken oder Schnee bedeckt, der neue Roman des österreichischen Autors eignet sich so recht als Lektüre an einem warmen Spätsommertag, ist es doch dort oben, in 1.765 Meter Höhe eisig kalt. Die Wolken hängen tief, die Schneeflocken wirbeln, drei Menschen und eine Alpendohle warten mit warmen Herzen auf den Frühling.

 Bücherberg heißt Katharinas Geschäft hoch oben im Gebirge. © pixabay, lizenzfreiDer Autor, mit dem vierdimensionalen Sprachgefühl und jeder Pore voll von Geschichten, erzählt von den Dreien, vom Berg und dem Wetter voller Überraschungen und davon, was die Menschen im Innersten umtreibt. Bei allem Amüsement, das diese Geschichte von der Buchhändlerin Katharina Kirchner, die in luftiger Höhe Bücher über die Welt der Berge zum Verkauf arrangiert hat, bietet, verankert sie der Autor fest auf dem Grund eines gar nicht so seltenen Problems. Darüber ließe sich vortrefflich nachdenken, so die Leserin den mutig genug ist, in die dunklen Ecken der Erinnerungen zu leuchten. Doch zunächst darf man sich unterhalten und Herrn Steinfests ausgefeilte Formulierungen genießen, die schwarzen Wolken tauchen erst später auf. Katharina genießt auch, nämlich in der toten Saison, wenn die benachbarte Alpenvereinshütte geschlossen ist, 100 Meter unter dem Gipfel nahezu klösterliche Klausur. Täglich besucht Katharina n der Wintersaison den Gipfel "ihres" Berges.   © Lizenzfreie / WalterBieck auf PixabyUnerwartet, wie so oft,  jedoch wird sie zur Herbergsmutter, gibt fremden Besuchern Unterschlupf, öffnet die vorsorglich für die Wintermonate im Schutzhaus eingelagerten Vorräte und das Feuer im Kamin in ihrer kleinen Wohnung hinter dem Laden. Ob sie, trotz mangelnder Kundschaft, elegant gekleidet als „Blusen-Frau, die hart im Nehmen ist“ in ihrem Bereich waltet, oder sich doch gebirgskonform in ein Dirndl hüllt, ist mir nicht berichtet.
Auch die Alpendohle muss vor den erfrieren gerettet werden, allerdings hat sie, im Gegensatz zum Mann ohne Gedächtnis, nicht die Absicht, ihr Leen zu beenden. © Reto Barblan / waldwissen.netDen ersten Gast findet Katharina auf einer ihrer täglichen Wanderungen zum Gipfel des Kogels. An diesem Tag, der Erzähler weiß nicht mehr so genau, welcher Wochentag es war, ortet Katharina beim Aufstieg in einer Kuhle einen Menschen, der es nötig aufgetaut zu werden. Katharina verzichtet, ihren Weg nach oben fortzusetzen und macht sich samt tiefgefrorenem Mann auf den Abstieg. Dieser wird von ihr sorgfältig aufgetaut, er ist zwar ziemlich enttäuscht, dass er sein Leben nicht verloren hat, kann aber nicht sagen, wer er ist, woher kommt und wie er heißt. Es stellt sich bald heraus, dass er Kochen kann. Doch Koch ist er keiner. Katharina nennt ihn Robert und im Laufe der Geschichte erfahren die Leserinnen auch, wie er wirklich heißt und wer er ist. Würde Katharina sich für die bildende Kunst interessiert, die Autor Steinfest übrigens als malend und formend selbst betreibt, oder auch für den Boxsport, würde sie den Fremden, der sich selbst nicht kennt, sofort erkennen. Schnnekkunst am Polarkreis, Robert versucht sich ebenfalls als Schneebildhauer. © polarkreisportal.de
Bevor aus gutem Grund auch die Lawinenexpertin eintrifft, ist es eine Alpendohle, die im Bücherberg, so hat Katharina ihren Laden getauft, aufgetaut werden muss. Das Taufen wird Katharina zur Gewohnheit, das heißt feierlich getauft wird nicht, wie Robert erhält auch der Vogel einfach einen Namen: Sharp. Die Lawinenspezialistin der oberösterreichischen Landesregierung muss nicht getauft oder benannt werden, sie kann den Ihren nennen: Linda Hellmund, gebürtig in Hamburg. Könnte das "Selbstporträt eines lächelnden Mannes auf der Spitze des Berges“ sein. © nordlandblog .de
 Der Berg, nebenbei bemerkt, hat keinen Namen, er bekommt auch keinen. Doch um das für diesen fast zweitausend Meter hohen Gipfel bedeutungsvolle Personal zu vervollständigen, sei noch erwähnt, dass zwei unsichtbare Gäste im Bücherberg anwesend sind. Denn neben den Lebensgeschichten des Trios, die Autor Steinfest zu erzählen hat, wird auch die Geschichte von Simon und Emmy erzählt. Sie haben gegen Ende des 19. Jahrhunderts den Dorfklatsch beflügelt, als sie gemeinsam eine Nacht auf dem Berggipfel, also diesen Berggipfel, auf dem sich längst auch die Leserinnen befinden, verbrachten, verbringen mussten. Simon und Emmy waren gemeinsam aufgestiegen, weil Simon das Bedürfnis hatte, auf dem unbekreuzigten Gipfel, Bald fliegt die Alpendohle, von Katharina Sharp getauft, wieder, bleibt aber in der Nähe der Freundin.   © wikipedia,  gemeinfreidas fehlende, jedoch obligate, Gipfelkreuz samt dem notwendigen Büchlein, in dem sich alle Gipfelstürmer und Stürmerinnen verewigen konnten, anzubringen. Skandal? Klar. Simon war der örtliche Pfarrer und die abenteuerlustige Emmy sehr jung. Die Nacht aber hatte weniger mit Erotik zu tun als mit einem Unwetter, wie es auch Katharina und ihre Gäste heimsuchen wird. Diese Geschichte von Emmy und Simon ist zu einem Roman geworden, mit dem Katharina und Robert, später auch Linda, vorlesend die Abende im Bücherberg verbringen. „Selbstporträt eines lächelnden Mannes auf der Spitze des Berges“ ist. Autor Steinfest liebt es knapper: „Der betrunkene Berg“. Robert hat noch gar nicht gewusst, dass er ein Bildhauer ist, als er täglich, noch bevor der Morgen graute, den Schnee zu formen begann. Das letzte Werk ist „Der betrunkene Berg“, aber da wusste er bereits alles. Vor gut 150 Jahren hat Pfarr Simon das Gipfelkreuz montiert.  © lizenzfrei / pixabay
Dieses „alles“ ist das Herz des Romans, das, was die drei Hauptfiguren im Innersten zusammenhält. Sharp, die längst wieder flügge ist und nur aus der Ferne grüßt, ist damit nicht belastet. Sie entdeckt keine Schuldgefühle im Vogelherzen, zumal sie auch nicht danach sucht. Robert aber, findet angesichts des nahenden Todes sein Gedächtnis wieder, wie er tatsächlich heißt, hat Katharina schon bei einem Seitenblick in ein altes Magazin erfahren. Buchcover: "Der betrunkene Berg", © Piper Verlag.Aber auch Sie und Linda finden Vergrabenes und Verdrängtes. Wie mit den Schuldgefühlen weiterleben? Sich mit einem hingeworfenen „Ich entschuldige mich“, ist es nicht getan, bei wem denn auch? Die bekannten drei Ave-Maria oder seien es doppelt so viel, helfen auch nicht. Um sich wieder frei zu fühlen, muss man schon hoch oben den Tod nahen sehen. Irgendwie gebeichtet wird doch auch und sei es nur sich selbst. Doch Sensenmann hin, Quiqui her, die Gefahr ist gebannt, die Vergangenheit geklärt, der Himmel blau und nicht nur Linda verspürt statt des Nagens ihes Gewissens das eines knurrenden Magens. Robert macht sich an die Arbeit.

Heinrich Steinfest: „Der betrunkene Berg“, Piper 2022, 240 Seiten. € 22,70.
Für das Foto des Autors (auf dem Birkenkopf bei Stuttgart) bedanke ich mich beim Fotografen Heinz Heiss.

 Patrick Modiano, Nobelpreis 2014. © Frankie Fouganthin

Einen neuen Roman von Patrick Modiano zu beginnen, kommt dem Besuch eines geliebten Ortes gleich, den man immer wieder besucht, um festzustellen, dass er derselbe geblieben ist und doch ganz anders aussieht. Im jüngst erschienenen Buch wandert die Hauptperson nicht nur durch Paris, sondern sucht die verlorene Zeit auch im nahen Chevreusetal. „Unterwegs nach Chevreuse“ ist nicht nur für seinen Protagonisten, Jean Bosmans, eine Reise in die Vergangenheit, sondern auch für den Autor selbst, hat er doch seine Kindheit in der Straße von Dr. Kurzenne verbracht.

Ditta Rudle
Macht Geschichte lebendig: Tilman Röhrig.

Der expressionistische Maler Franz Marc steht im Mittelpunkt des jüngsten Romans von Tilman Röhrig. „Der Maler und das reine Blau des Himmels“ ist ein etwas sperriger Titel, deutet aber darauf hin, worum es hier geht: um einen Unterhaltungsroman. Franz Marc dient lediglich als Schablone, Röhrig erzählt eher eine Liebesgeschichte, mit viel Herz und noch mehr Schmerz.

Ditta Rudle
Autor Kurkow im 3-sat-Interview zum aktuellen Krieg in seiner Heimat. © 3sat-Mediathek

In seinem jüngsten Roman, „Samson und Nadjeschda“, auf Russisch unter demselben Titel erschienen 2020, erzählt Andrej Kurkow vom Bürgerkrieg in der Ukraine um das Jahr 1919 und dem Chaos nach der Russischen Revolution in Kiew. Unversehens hat der historische Roman durch den Kriegsausbruch in der Ukraine im Februar an Aktualität gewonnen. Skurril, melancholisch und auch unterhaltsam sind Andrej Kurkows Romane und Erzählungen. Selbst wenn er vom Bürgerkrieg nach der Russischen Revolution in der Ukraine erzählt, behält der Autor seinen von Leser:innen und Rezensent:innen geschätzten Stil bei. Der Ausbruch des Krieges in der Ukraine verleiht dem historischen Kriminalroman beklemmende Aktualität.

Ditta Rudle