Olga Esina, Julian MacKay im Pas de deux aus "Dornröschen"

Mit einer gut verdaulichen Mischung aus klassischem Ballett und zeitgenössischen Tanzstücken, zauberhaft schön und hinreißend bravourös, ´ konnten Kirill Kourlaev und Olga Esina (Kourlaev & Esina Production) in der zweiten Wiener Weltstar-Gala das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Dass auch am 2. Abend der Veranstaltung, Sonntag, 14. Oktober, im Volkstheater kaum ein Platz leer geblieben ist, zeigt, dass es für solche Ausnahmeabende genügend Publikum gibt.

Ditta Rudle
Aquarell von Aloys Zötl: Der Gibbon, 1833.  © de.wikipedia.org/wiki/Aloys_Zötl

Das Tanzquartier Wien ist mit „Antarktika“, einem dreitägigen „Symposium zum Thema Entfremdung“, durchgeführt in Kooperation mit der Kunsthalle Wien, in die Saison 2018/2019 gestartet. Zugleich ist die Theorieveranstaltung auch Auftakt für „Antarktika. Eine Ausstellung über Entfremdung“ in der Kunsthalle. Ergänzend zeigte das Tanzquartier die Performance „Consul und Meshie“ in der Kunsthalle.

Rando Hannemann
Fragile Performance  von Jarmila Johnson-Small. ©  Katarzyna Perlak / Carlos Jimenez

Mit der österreichischen Erstaufführung ihrer ersten Soloarbeit I ride in colour and soft focus, no longer anywhere hat sich die britische Tänzerin und Choreografin Jamilla Johnson-Small, die unter dem Künstlernamen Last Yearz Interesting Negro arbeitet, dem Wiener Publikum im Rahmen der Reihe [8:tension] des Impulstanz-Festivals 2018 vorgestellt.

Jamila Johnson-Small © Ayka Lux Gemeinsam mit dem Londoner Licht- und Raumdesigner Jackie Shemesh, Sounddesigner Josh Anio Grigg und Skulpturen von Joey Addison erzählt Johnson-Small zu teils groovigen DJ-, Dancefloor- und Party-Sounds, dann wieder harten Techno- und Elektronik-Beats von Phoebe Collings-James, Nkisi, Junior XL, Shelley Parker sowie Grigg und Johnson-Small selbst vor allem von sich. Man erfährt im Laufe der Performance nach und nach vom plötzlichen Verlust des Vaters, von Ängsten – Zeit, Wasser und Tod –, Begegnungen und einem kontinuierlichem Sich-Verorten in einer Welt der Hindernisse, Dunkelheiten und Projektionsflächen. „But you get what you are given and you take what you can get.“

Während die Tänzerin zu Beginn der Performance unter einem Plastiksack liegt, der hie und da von den sich ständig durch den Raum bewegenden Lichtspots eingefangen wird, tanzen auf der Leinwand mehrere virtuelle Kopien der Tänzerin. Projektionen des eigenen Körpers und monochrome Farbräume treffen hier aufeinander, ohne dass, abgesehen von den parallelen Lichtimpulsen, der reale eigene Körper Teil dieser Begegnungen wird. Die Projektionen selbst bilden ein Ensemble der "vielen", "humans everywhere", in unterschiedlichen körperlichen und emotionalen Manifestationen.

Während sich Johnson-Small im folgenden Teil aus ihrer Hülle schält und in einen choreografischen Dialog mit Licht, Sound und (dank schwarzer, verbrannter Styroporgebilde, die die Bühne strukturieren) nicht ganz hindernisfreiem Raum begibt, erzählen Toneinspielungen von Gesprächen, Straßengeräuschen, Liedern, Textprojektionen und drei weitere Tänzerinnen, die für kurze Zeit die im steten Dunkel gehaltene „Tanz“-Fläche mitgestalten, von all dem, was die Künstlerin „je getroffen, gesehen, gehört, gefühlt“ hat.
Auch die eigene Stimme erzählt viel davon, Johnson-Smalls Körper navigiert sich zwischen bereits Erfahrenem und im Moment Erlebtem (und vor allem Gefühltem) durch ihre eigene Performance, später auch durch das Publikum – einmal direkt durch die Sitzreihen hindurch, am Ende auf der Bühne durch einen Teil der Zuschauer*innen, die der Einladung, sich auf Plastikpölstern und mit Tiermasken im Raum niederzulassen, gefolgt sind.Jamila Johnson-Small tanzt mit Kopieren ihres Selbst.  © Katarzyna Perlak / Carlos Jimenez

Johnson-Small bezeichnet ihren Körper als „ein Orakel, eine Trance, eine rhythmische Schnittstelle, eine Atmosphäre“, eine Landschaft aus gestern und jetzt, Stimmen und Stille, Dunkelheit (vielleicht das zentralste Moment an diesem Abend) und mattem bis gleißendem Licht, durch die sich die Tänzerin navigiert. Verletzlich und ernsthaft, konzentriert und sinnlich, nachdenklich und präsent zwischen Raum, Licht, Objekten und Menschen bewegt sich die Performerin über knappe 90 Minuten durch das so geschaffene eigene Universum dieses „Nicht-länger-irgendwo“-Seins und schafft so eine Situation zwischen offener Kommunikation und persönlicher Suchbewegung.
Der Anfang liegt im Dunkel, die Tänzerin in einem Pastikgehäuse. © Ayka Lux In einem Interview mit the fifth sense bezeichnet Johnson-Small ihre erste Soloarbeit als eine Art „rhythmisches Interface“, eine Landschaft, der es gelingt, den eigenen Zustand im Moment festzuhalten, ohne diesen durch einen vorgegebenen Bewegungsablauf im Sinne einer klassischen Choreografie festzuschreiben.

Ein fragiles Unterfangen, das mit Zuständen und Zwischenräumen, S(t)imulation und Beeinflussung arbeitet, in denen sich, so die Choreografin, „die Erfahrungen des Lebens entfalten. Vielleicht könnte man sagen, dass Tanzen etwas ist, mit dem ich versuche, mich selbst zu extrahieren.“ I ride in colour and soft focus, no longer anywhere ist ein eindrücklicher Versuch, sich unaufhörlich neu aufzusuchen.

Jamilla Johnson-Small: i ride in colour and soft focus, no longer anywhere, ÖEA, [8:tension] Young Choreographers' Series, 9. August 2018, Kasino am Schwarzenbergplatz, Impulstanz Festival.

Mark Tompkins, fotografiert von Per Morten Abrahamsen.

Mark Tompkins bei ImPulsTanz 2018 im Casino am Schwarzenbergplatz gezeigte Real-Time-Solo „Stayin Alive“ ist auch eine Hommage an seine Mutter, ihr hat er seine neue Kreation gewidmet. Doch sehr bald lässt er die verstorbene Mutter in Frieden ruhen und widmet sich seinen Erinnerungen, Enttäuschungen, Verlusten und dem immer akut werdenden Problem des Alterns. Eine Performance in der es Mark Tompkins das Publikum fesselt, weil es ihm gelingt, jede und jeden auf sich selbst zurückzuwerfen.

Ditta Rudle
Willi Dorner: "many". © Lisa Rastl

Mit „many“, dessen Titel auch im Programm noch ein Arbeitstitel ist und dessen Preview eben im Rahmen von ImPulsTanz 2018 im Schauspielhaus Wien zur Uraufführung gekommen ist, setzt der Wiener Choreograf Willi Dorner seine mit dem Duett „one“ begonnene Auseinandersetzung zum Themenkomplex des Fort-, Weiter- und Überschreibens von Körpern fort. „one“ beschäftigte sich mit den Einwortgedichten des 2010 verstorbenen österreichischen Künstlers Heinz Gappmayr, vor allem mit der Frage nach der „nicht sichtbaren, der gedachten Welt“, die sich durch Worte, Zeichen, bei Gappmayr vor allem auch Zahlen vermittelt und in der Begegnung mit den Performer*innen, ihrer „Präsenz und Bewegung“, ihrem „Schreiben, Zeigen und Handeln mit dem Material Sprache und dem Körper“ zu in der choreografisch-medialen Begegnung oft überraschenden Gedankenbildern, Erläuterungen und Behauptungen führt. „many“ fragt nun im konsequent nächsten Schritt nach Bedeutung und Funktion des Körpers „in den Bilderfluten unserer digitalisierten Welt“.

Angela Heide