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Friedemann Vogel, bejubelter Gast in Salzburg

Friedemann Vogel: „Die Seele am Faden“. © Stuttgarter Ballett

Friedemann Vogel, international bekannter Tänzer aus Stuttgart, eröffnet am Salzburger Landestheater die neue Spielzeit. Auf Einladung von Intendant Carl Philip von Maldeghem zeigt der Ausnahmetänzer Friedemann Vogel das mit seinem Partner, Thomas Lempertz, erarbeitetes Solo Die Seele am Faden, ein Stück das nach der Lektüre von Heinrich von Kleists Essay Über das Marionettentheater entstanden ist. Das Publikum im ausverkauften Haus hat seine Begeisterung sowohl am Samstagabend (5.9.) als auch in der Sonntagsmatinee (6.9.) mit langanhaltendem Applaus kund getan.  

Das Salzburger Ballett tanzt „Bolero“, Musikvon Maurice Ravel, Choreografie von Yonggeol Kim.Im zweiten Teil der Eröffnungsgala hat das Ballettensemble des Hauses eine Choreografie von Yonggeol Kim zu Maurice Ravels Bolero gezeigt. Die Solopartien haben Ben van Beelen (5.9,) und Chigusa Fujiyoshi (6.9.) getanzt. Ravel hat den Boléro 1928 für die exzentrische russische Tänzerin Ida Rubinstein (1885–1960) geschaffen, die auch Claude Debussy oder Igor Strawinsky und andere gebeten hat, für sie Ballettmusik zu schreiben. Die erste Choreografie hat Vaslav Nijinskis Schwester Bronislava Nijinska geschaffen. Danach hat der Boléro (so hat Ravel den Titel geschrieben, er wollte Rubinstein im spanischen Ambiente tanzen sehen) den Konzertsaal erobert. 1961 hat Maurice Béjart mit der magnetischen Choreografie für sein Ballet du XXe Siècle ein singuläres Meisterwerk geschaffen. Auch Béjart choreografierte den Solopart für eine Tänzerin. Chigusa Fujiyoshi tanzt die Solopartie in „Bolero“ von Yonggeol Kim.Erst 1979 hat er einen Tänzer auf den runden, roten Tisch tanzen lassen: seinen Lebenspartner und Startänzer Jorge Donn. Mehrere Generationen des tanzaffinen Publikums sind von dieser weltweit bekannten und bewunderten Interpretation für sämtliche späteren Choreografien – von Roland Petit über Stephan Thoss der Sidi Larbi Cherkaoui mit Damien Jalet, für das Pariser Ballett, und auch die des renommierten koreanischen Choreografen Yonggeol Kim in Salzburg – verdorben. Wer keine Ballettaufführung gesehen hat, kann sich von Jorge Donn in der furiosen letzten Szene des FilmsLes Uns et les Autresvon Claude Lelouch verzaubern lassen. Donne beherrscht den ganzen Film als Darsteller einer Doppelrolle und erst recht das nahezu 15-minütige Finale im Freien auf der Esplanade du Trocadéro vor dem Eiffelturm, wo er das Publikum mit seiner Interpretation von Béjarts Choreografie hypnotisiert.
Kein Trick, kein Fake: Friedemann Vogel real auf der Bühne.Hypnotisiert ist auch das Salzburger Publikum, wenn Friedemann Vogel scheinbar die Schwerkraft überwindet. Das nämlich, so Her C. ein erster Tänzer der Oper in M…, sei den Marionetten angeboren, denn, so sagt der Tänzer zu Heinrich von Kleist, der das Gespräch in seinem Essay Über das Marionettentheater aufgezeichnet hat, sie hingen an einem Faden. Kleist führt aber mithilfe des Tänzers C. auch an, dass die Marionette sich niemals zierte und vollendete Anmut zeige, was dem menschlichen Tänzer niemals möglich sei, Der Gliedermann im Video.denn „Ziererei erscheint, wie Sie wissen, wenn die Seele (vis motrix) in irgendeinem andern Punkte sich befindet, als in dem Schwerpunkt der Bewegung.“ Mit „Seele“ meint Kleist den Schwerpunkt der Bewegung, die Antriebskraft. Wenn Vogel sich als Marionette, Gliedermann nennt sie Kleist, auf der Bühne bewegt, kann er die Behauptungen bestätigen und trotz anstrengender Akrobatik mit einer weichen Handbewegung, einem musikalischen Spiel seiner langen Finger widerlegen. Was ein / der Tänzer vermittelt, ist mit den baumelnden Gliedmaßen der Marionette niemals zu erreichen. Der Puppe wird zum Nachteil, was Kleist als Vorteil beschreibt: Sie wird nicht von Gefühlen beschwert, hat kein Bewusstsein, das ablenkt. Dem Gliedermann haushoch überlegen: Friedemann Vogel, Tänzer.Dadurch fehlt ihr jedoch die Möglichkeit, mit anderen, dem Publikum nämlich, in Kontakt zu treten. Der Tänzer F. V. zeigt Gefühl auch im Handgelenk, ob er nun eine Geschichte erzählt oder lediglich den perfekt beherrschten Tanzkörper, das Spiel der Muskulatur, schier unglaublichen Positionen und überraschend fließende Bewegungen vorführt.
Vogel, gebürtiger Stuttgarter, 45, Erster Solist im dortigen Ballett und neben zahlreichen Preisen auch mit dem Titel Kammertänzer ausgezeichnet, zeigt als Puppe am Faden Technik und Akrobatik und es gelingt ihm auch, die Anmut zu zeigen, die Kleist nur der Marionette zuteilt. Er scheint zu schweben und tut das später tatsächlich auf der Schaukel unter dem Bühnenhimmel. Unversehens liegt er schräg in der Luft und fliegt, an den durch das Licht simulierten Drähten hängend, quer über die Bühne. Friedemann Vogel: Ein Tanzkörper, wie er nicht oft zu sehen ist.
Faszinierend sind die eingespielten Videos wo der Tanzkörper zerlegt wird, als gehörte er einer Puppe. Man sieht sehr schön, welche Bewegungen der Gliedermann machen kann. Der Rumpf scheint abzuheben, die Arme brechen von den Schultern, das Knie vom Oberschenkel. Faszinierend.
Doch die wahre Faszination erlebt das Publikum, wenn Vogel seine Rolle als Gliedermann aufgibt und zum vollkommenen Tänzer wird. Wie diszipliniert und ohne Starallüren der Künstler ist, zeigt sich am Ende der Vorstellung, wenn er sich Zeit für eine Autogrammstunde nimmt.

Friedemann Vogel / Thomas Lempertz: Die Seele am Faden, eine Produktion des Kleist Forums in Frankfurt (Oder), Uraufführung: 9.2.2024
Konzept, Choreografie & Kostüme: Thomas Lempertz, Friedemann Vogel Der Tänzer Friedemann Vogel beherrscht jede Faser seines Körpers.
Tanz: Friedemann Vogel
Komposition & Live Musikerin: Alisa Scetinina
Digital Artist: Timo Kreitz; Lichtdesign: Henry Winter.
Boléro, Ballett zur Musik von Maurice Ravel
Choreografie: Yonggeol Kim;
Choreografische Einstudierung und Assistenz: Sewon Ahn, Alexandr Korobko; Lichtdesign: Jakob Bogensperger; Dramaturgie: Armin Frauenschuh, Florian Vogel.
Tanz: Ben van Beelen / Chigusa Fujiyoshi und das Ballettensemble
Fotos: Christian Krautzberger, Roman Novitzky, Yan Revazo, Stuttgarter Ballett
Zwei Vorstellungen zur Eröffnung der Saison 2026/27: 5 und 6. September 2026, Salzburger Landestheater.
Heinrich von Kleist: Über das Marionettentheater, in vier Folgen erstmals erschienen in der Tageszeitung Berliner Abendblätter, vom 12. bis 15. Dezember 1810.