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For Now – eine Performance , ein Abschied, eine Feier

Ouverture. „For Now“ – Finale: „The End“

Ein letztes Mal im brut nordwest. Die Performance-Installation der Choreografin Karin Pauer und des bildenden Künstlers Aldo Giannotti betrauert und feiert das Ende eines, schon bei der Eröffnung als „vorübergehend“ markiertem Standortes. For Now ist ein groß angelegtes flüchtiges Kunstwerk, das vom Ende einer Ära, vom Verschwinden eines lieb gewordenen Ortes erzählt, um dann selbst zu verschwinden.Das brut nordwest gibt es nicht mehr. die Erinnerung bleibt noch eine Weile, der Geist, der das brut angetrieben und erfolgreich gemacht hat, lebt weiter. In die Trauer mischen sich Freude und Genuss an diesem in jeglichem Wortsinn einmaligen Spektakel.

Flori Gugger, Kira Kirsch, ein Abschiedsfoto von © Franzi KreisFakten: das brut, im rechten Pavillon des Künstlerhauses als Nachfolgerin von dietheater beheimatet, wurde delogiert, und zum nomadischen Theater. Von 2017 bis 2021 war das brut in ganz Wien zu finden: brut all over Vienna. Es kann nicht oft genug erwähnt werden: Mehr als 100 Orte wurden in drei Wanderjahren bespielt. Künstler*innen und Besucher*innen hielten dem fantastischen Team, mit Kira Kirsch und Flori Gugger an der Spitze, die Treue. Das dem Abriss geweihte brut-Theaterhaus im Vordergrund, dahinter das alte Bahngelände.Für fünf Jahre hat das brut, ohne die Lust am Wandern zu verlieren, einen Ruhepunkt gefunden: Eine leere Fabrikhalle auf dem Gelände des ehemaligen Nordwestbahnhofes im 20. Bezirk, schwer zu finden, aber bald lieb gewonnen. Blackbox, ein Grey Space, Probe- und Büroräume, Lager, Infrastruktur, alles unter einem Dach. brut nordwest ist schon wieder vorbei. brut im Künstlerhaus ist bereits vergessen. Der rechte Seitenflügel, ein Theaterhaus seit 1974, wurde zu Tode renoviert und zum scheußlichen, wenig komfortablen NEST als Nebenspielstätte der Staatsoper umgebaut. Wenn Also Giannotti plant, dann zeichnet er.Nichts erinnert an den ehemaligen lebendigen Theaterbetrieb der Freien Szene. Auch in der Nordwestbahnstraße wird es keine Gedenktafel geben, das praktikable Gebäude wird abgerissen, die Ära Kira Kirsch/ Flori Gugger hat ihr Ende erreicht. Ein neuer künstlerischer Leiter ist bereits eingesetzt: Tomasz Kireńczuk. Dem brut ist eine neue Residenz in St. Marx versprochen. Einstweilen muss auf der Baustelle ein Container genügen .Installation und Perforamnce in progress: Im Gerüst oben Tänzerin und Tänzer, darunter die noch sehr lückenhafte Aufschrift (The End).2007 ist dietheater im Anbau des Künstlerhauses in brut umgetauft worden. Selbst wenn auch dieser Name nicht ewig halten wird, der besondere brut-Geist, der unter schwierigen Bedingungen durch die schöpferische Kraft des Duos Kirsch/Gugger sowie durch den Mut, die Ausdauer und Energie des gesamten Teams geformt worden ist, wird weiter leben. Auch ohne Gedenktafel.
Gedanken: Auch die eindrucksvolle letzte Vorstellung bekommt keine Gedenktafel und will sie auch nicht. For Now ist ein ephemeres Wunderwerk, das an drei Tagen zum Ort der Begegnung, der Melancholie, der unterschiedlichen Perspektiven und Blickrichtungen und schließlich des Abschiedes und ein wenig auch des Neubeginns am anderen Ort geworden ist. Aldo Giannotti hat eine begehbare Installation entworfen und gebaut, die nicht nur das brut-Gebäude und das Areal rundherum bespielt, sondern weit darüber hinaus geht. Aldo Gianotti im Gespräch, auch ein Teil der Performance-Installation.Der Tänzer Hugo Le Brigand öffnet das östliche Gittertor und beginnt, sich auf der breiten Brache zu bewegen, anmutig und präzise sie immer. Mein Blick wandert wieder nach Westen, bleibt an der hohen Mauer, die den Pausen- und -begegnungshof noch Norden hin abschirmt, hängen. Zwei Figuren sind über ein Gerüst hinaufgeklettert, nun stehen die Camilla Schierin und Alex F. Zehetbauer e einander gegenüber, bewegen sich synchron und werden von der Musik weit unten im Hof begleitet. Die Choreografie auf der Mauer ist schon eine vollständige Performance. Die beiden auf der Mauer nähern sich an, interagieren und trennen sich wieder. Regression: Wä#nde beschmieren sonst nr Kinder. Kein Problem, die Wand ist bald dem Bagger zum Opfer gefallen.Einmal sieht man nur je ein Bein über die Mauer baumeln, dann stehen wieder bei hoch aufgerichtet mit dem Rücken zum Hof, winken in den Norden, sehen vielleicht an der Nordwestbahnstraße eine Radfahrerin, weit entfernt und winzig klein. Inzwischen hat die Tänzerin Karin Pauer den einsamen Tänzer Hugo Le Brigand überrundet, ist an ihm vorbeigezogen, hat das alte Gebäude der längst aufgelassenen Nordwestbahn passiert und beginnt mit ihrem Solo. Sie ist weit entfernt und doch mitten unter uns. Hätte Karin nicht ein orange leuchtendes Shirt an, das farblich mit dem violetten von Hugo korrespondiert, man würde sie gar nicht sehen, so weit ist sie vom Hof und Theaterhaus entfernt. Dort, im Haus, wird auch gespielt und getanzt und vor allem Musik gemacht, am Piano, mit der Gitarre, mit den Stimmbändern. Außer den Toiletten, ist in jedem Raum Performance, gehört jeder Raum zur ausufernden Installation von Aldo Giannotti. Rozi Mákó,am Piano, spielt ganz im Einklang mit den mit dem gesamten künstleriscdhen Kollektiv.Es ist eine offene Installation, eine offene Performance, in der sich jede und jeder nach Belieben bewegen darf, wie es gefällt. Damit sich niemand verläuft, sind die Wege markiert und eine es lockt auch eine Wand sie zu beschreiben. Schnell stehen  kluge und auch ziemlich dumme Sprüche darauf, und wer von keiner Muse  , kennt zumindest den eigenen Namen, um die Anwesenheit zu dokumentieren. Steht oder sitzt man unten im Hof sieht man eine Performance in einer Installation; schaut man oben aus einem Fenster, ist eine ganz andere Aufführung zu sehen. Ich habe die Fenster nicht gezählt, doch es sind viele, einige öffnen den Blick nach Norden und andere nach Osten. In er Planungsphase entstanden: Zeichnung von Aldo Giannotti.Hätte ich gezählt, könnte ich ausrechnen, wie viele Perspektiven es in die Weite draußen gibt und dann müsste ich die Fenster dazurechnen und bald wäre ich bei der Unendlichkeit. 
Apropos offen, es gibt keine Altersgrenze für die Teilnahme an dieser Gemeinschaft im Jetzt, überhaupt keine Grenzen oder Zulassungsbeschränkungen. Kleine Kinder sind willkommen und große Greise, und auch Hunde wandern durch den Gang im Bürotrakt, bellen manchmal, animiert vom Schlagzeug oder der Gitarre. Nach drei Stunden geht die Performance in das Abschiedsfest über, das natürlich auch mit einer Performance, einer Dankesshow für das fabelhafte Team und die beiden Spitzen. Eine Mauer mit Gerüst wird zumr Bühne, doch auch sie wird fallen.Tränen werden versprüht und Superlative verschenkt, den Sekt gab es schon davor im Hof.Am Nachmittag des letzten Performancetages – es war Freitag, der 12. Juni – hat es noch geschüttet, doch als Camilla und Alex auf das Gerüst geklettert sind, um gemächlich und strichweise The End auf die Mauer zu malen, waren alle Wolken verschwunden, die letzten Sonnenstrahlen küssten den Hof, Kira Kirsch und Flori Gugger wurden von der Gästemenge geküsst. Kein Platz für Sentimentalitäten, auch diese Erzählung hat ein Ende.

Karin Pauer & Aldo Giannotti: FOR NOW
Künstlerische Leitung:  Aldo Giannotti, Karin Pauer
Performance & Sound: Alex Franz Zehetbauer, Camilla Schwerin, Paolo Monti, Rozi Mákó, Hugo Le Brigand, Max Plattner, Karin Pauer, Aldo Giannotti
Subchor Activators & Connectors: Laura Cemin, Josh Müller, Silvia Bulgheresi, Matteo Jamunno, Jutta Schwarz, Rudolf Kohoutek;  Produktion Christina Panholzer; Probenfotos: © Christine Miess