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Ein rätselhafter Roman von Vieh und Vögeln

Pilar Adón, 1971 in Madrid geboren, ist Autorin und Übersetzerin und in ihrer Heimat bekannt und mehrfach preisgekrönt. Im deutschen Sprachraum ist sie kaum bekannt, doch mit ihrem jüngsten, 2022 veröffentlichten Roman, De bestias y aves / Von Vieh und Vögeln, könnte sich das ändern, auch wenn die Lektüre anstrengend und der Inhalt rätselhaft ist. Es ist der Blick auf die Natur und der intensive, poetische Stil, der fesselt.
Natürlich hat mich der deutsche Titel genarrt. Mir ist sofort der verstorbene Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz und sein populäres Buch Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen, in dem er von seiner Forschungsarbeit und Freundschaft mit Tieren erzählt, eingefallen. Ein gescheites doch leicht konsumierbares Buch. Pilar Adón ist nicht leicht konsumierbar und auch nicht leicht zu verstehen. Konrad Lorenz hat mit dem „dem Vieh, den Vögeln und (sogar) den Fischen“ geredet. Bei Pilar Adón redet niemand mit niemandem, weder mit den Hunden noch mit den Menschen und auch nicht mit den Pflanzen. Und wenn doch, dann wird aneinander vorbeigeredet, niemand hört zu, niemand beantwortet eine Frage. Die Landschaft ist tot und bedrohlich, auch wenn des abends Vogelschwärme vorbeiziehen und des Morgens Gezwitscher zu hören ist.
DVermutlich hat Pilar Adón weder von Gänsevater Lorenz noch seiner Adoptivtochter Martina, der Graugans, eine Ahnung. Lorenz ist 86-jährig im Februar 1989 gestorben. Allerdings bezieht sich der Titel seines mit Witz und Anekdoten gespickten Buches auf das Alte Testament, in dem erzählt wird, dass König Salomo „…, auch von den Tieren, von den Vögeln, vom Gewürm und von den Fischen.“ redete. Die Legende lässt ihn „mit den Tieren“ sprechen. Mit der Bibel hat es auch die Autorin Pilar Adón, lockt uns doch der erste Satz ihres Romans an einen Ort, der im Neuen Testament häufig erwähnt wird –„In Betanien gab es kein Telefon“. Der Evangelist Lukas berichtet, dass in Bethania die Geschwister Marta, Maria und Lazarus gelebt haben. Sie holten den Wunderheiler Jesus, als Lazarus erkrankt ist.
Adón erzählt von Coro, einer bildenden Künstlerin, die nach einer Krise einen Neuanfang sucht und in Betanien landet, einem nahezu verwunschenem Ort, eine Art Farm, die von Frauen betrieben wird. Die Frauen sprechen kaum, doch nehmen sie Coro auf, die in der unbekannten Gegend gestrandet ist, weil ihr das Benzin ausgegangen ist. Sie hat nicht vor zu bleiben, bittet mehrmals um Hilfe, doch die alle gleich gekleideten sprachlosen Frauen, reagieren nicht. Coro bekommt eine Schlafstelle und wird zu den gemeinsamen Mahlzeiten gerufen. Als hätte sie ihren Willen, ihre Identität und ihr Selbstbewusstsein abgegeben, bleibt sie in dieser eigenartigen Gemeinschaft, wie die blinde Greisin, die von den anderen verehrt wird, und das junge Mädchen, das die unsichtbare Mauer noch nie durchbrochen hat. Allmählich wird mir unheimlich und ich werde wütend. Es gibt keine Erklärung, warum Coro diesen unguten Ort nicht verlässt, die keineswegs sanftmütigen Frauen nicht verlässt. Der Mann, der ihr sagt, ihm gehöre dieses Land und mit den Frauen Frieden schließen will, wird von den plötzlich zu Megären gewordenen scheinbar frommen Schwestern mit Gewalt vertrieben.
Von da an lese ich die schön geformten, lyrischen Texte, will aber dem Inhalt nicht mehr folgen. Diese Frauengemeinschaft scheint mir eine Sekte zu sein, in der es Gesetze gibt, die Fremden nicht bekannt gemacht werden. Coro ist sie gelähmt, fügt sich, stumm wie die anderen, in diese seltsame Gemeinschaft und genießt die Natur, lauscht den Vögeln, beobachtet das jeden Abend schwindende und am Morgen wieder auftauchende Licht.
Die Autorin lässt die Leserin bewusst im Unklaren, spricht nichts aus, deutet an. Alles ist nur Metapher für Coros Gefühle, doch warum sie geflohen ist, warum sie den unheimlichen Ort nicht verlässt, was sie wollte, als in den schwarzen See tauchte und von den Frauen wieder herausgezogen wird. Immer weiter entfernt sich der Roman von der Realität, ohne deshalb, wie manche Rezessionen behaupten, märchenhaft zu werden. Von einem Märchen werde ich wohl nicht erstickt und hinuntergezogen, sondern getröstet, aufgeklärt und orientiert. Ich lese, weil ich Klarheit finden will. Die Welt draußen ist verwirrend genug und, dass Coro diese Sekte mit Frauen die sich weise geben, weil sie nichts zu sagen haben, nicht verlässt, bedrückt mich. Dagegen kommt die Schönheit von Adóns Sprache, die natürlich vor allem in der Originalsprache zu erkenn und genießen, doch auch in der Übersetzung von Sussanne Lange spürbar ist, nicht an.
Doch für Buchpreis-Jurys und der spanischen Kritik war De bestias y aves überaus erfolgreich. Zum Premio Nacional de la Narrativa (Nationalen Literaturpreis für Erzählprosa) gesellte Preis der spanischen Kritikerhalten. Welche Botschaft oder Erkenntnis die Autorin mit den Leserinnen teilen will, bleibt mir verborgen. Der schöne Titel hat mich verführt, doch Coro kann meine Freundin nicht werden.
Pilar Adón: Von Vieh und Vögeln / De bestias y aves, aus dem Spaniscshen von Susanne Lange, 234 Seiten, Wallstein, 2026