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Eun-Me Ahn: Zirkus im Post-orientalist Express

Eun Me Ahn, geboren 1963 in Seoul, ist eine führende Tänzerin und Choreografin der koreanischen Performanceszene. Mit ihrer 2025 in Seoul erstmals gezeigten Choreografie, Postorientalist Express, hat sie im Burgtheater das ImPulsTanz-Publikum begeistert. Anfang August war im Volkstheater auch das Ballett North Korea Dance, entstanden 2018, zu sehen. Dazu gab es auch ein öffentliches Gespräch mit Eun-Me Ahn. In beiden Stücken agierte sie selbst auf der Bühne.
Die erste Begegnung mit Eun-Me Ahn hat bereits 2022 im Festspielhaus St. Pölten stattgefunden: Dragon / Drache nannte sie das Ballett, das sie mit Jungen Tänzer*innen die im Jahr des Drachens (2000) geboren wurden. Seit damals weiß man auch, dass sie leuchtende Farben, glitzernden Schmuck und schimmernde Kostüme in ihrer e märchenhaft-fantastischen Tanzsprache liebt. Der postorientalistische Express bekräftigt das Vorurteil.
Um für den Express zu recherchieren ist sie in Asien umhergereist und hat die Bewegungssprachen in unterschiedlichen Gebieten erforscht. Asien soll kein „exotische Museum“ sein, das von „Außenstehenden kuratiert wird.“ Ahn denkt an einen „sich ständig wandelnden Schmelztiegel an Sprachen.“ Wobei es nicht um das Gespräch in allen Zungen geht, sondern um die Sprache des Körpers. „Wenn der Körper ein Satz ist und Tanz seine Sprache, dann widme ich mich bescheiden der Dekonstruktion und Neuordnung dieses weitreichenden, vielschichtigen Textes namens ‚Asien’ , erklärt Eun-Me Ahn im Programmtext.
Man kann es drehen und wenden wie man will, zu sehen war, was ich erwartet habe: Drachen und zauberhafte Wesen in glitzernden Kleidern mit anmutigen Bewegungen, schwarze Dämonen mit glühenden Augen, frappierender Stangentanz und Zirkusakrobatik. Ein Drachenboot fährt auf dem fernen Meer, ein riesiger Pandabär wackelt herbei, Gold und Silber, oder auch Schnee fällt vom Himmel. Sieben Tänzer*innen führen uns mit dem Expresszug in ein Märchenland, doch mir fehlt das Passwort. Ich kann die Märchen nicht entschlüsseln, wie´nicht, was sie bedeuten, woher sie kommen, wer sie erzählt. Doch ich kenne sie, bin ihnen auf Reisen begegnet, im Kino, im Fernsehen und in Büchern. Nur bei genauer Kenntnis der Klischees, die Europa im Kopf hat, erkennt man der Choreografin Absicht: Sie macht sich darüber lustig, übertreibt und verzerrt und lässt die Puppenspieler auf dem Rücken Liegen, damit sie ihre Figuren mit den Füßen zum Leben erwecken können.
Versunken in alle das Fremde, Bunte, Glitzernde, weckt mich die Königin im Post-Orientalist Express, besser: die Zugführerin des Post-Orientalist Express, Eun-Me Ahn, dämpft das quirlige Treiben und strahlt Ruhe aus. Sie tanzt allein, ohne Orientalismus, ganz auf den biegsamen Körper konzentriert.
Das ist das Ende der fröhlichen Märchenstunde. Meint man. Doch Eun-Me Ahn will mehr, sie will raus aus dem orientalischen Museum, will traditionellen Tanz, den in den vielen Ländern Asiens unterschiedlichen, gewachsenen Tanz und den zeitgenössischen vereinen, sie will, wie sie sagt, einen „grenzenlosen Tanz Asiens gestalten.“ Damit steht die südkoreanische Choreografin in deutlichem Kontrast zum chinesischen Choreografen und seinem Tao Dance Theater. Tao-Tanz ist ein eigener Stil, nahezu hermetisch von anderen Tanzpraktiken, Genres und Stilen abgeschlossen. Streng bleibt Ye bei seiner Technik des „circular Movement“ (der kreisförmigen Bewegung). Eun-Me Ahn braucht keine Tanzsprache, kein System und keinen Stil, sie ist offen nach allen Seiten, will vereinen anstatt zu trennen und das Tanzmuseum öffnen, damit auch der westliche Blick Neues zu sehen bekommt. Nicht zu übersehen, das Eun-Me Ahn in ihren Kreationen Lebensfreude und Humor verströmt. Bei aller Bewunderung für die Ästhetik der Werke von Tao Ye, ziehe ich, unter dem Vorzeichen Eun-Me Ahns verschmitzten Humor und ihre Suche nach dem grenzenlosen Tanz Asiens vor.
Dazu verwandeln sich die Drachen und Dämonen, Tempeltänzerinnen und mit Pop und Rock und Discosound. Die Drachen und Dämonen Tempeltänzerinnen und Affenkönig in junge Männer und Frauen, die sich gelöst und frei ihrem Tanzvergnügen hingeben. Das Museum stürzt ein, der Tanz bleibt.
Eun-Me Ahn: Post-Orientalist Dance, ImPulsTanz im Burgtheater, 30., 31. Juli, 1.August 2026.
Choreografie und künstlerische Leitung: Eun-Me Ahn
Performance: Eun-Me Ahn, Hyekyoung Kim, Jeeyeun Kim, Suin Kim, Yongsik Moon, Jaeyun Lee, Deokyeong Kim, Sunjae Jo;
Musik: Young-Gyu Jang; Lichtdesign: Jinyoung Jang ; Videoregie: Taeseok Lee; Bühnen- und Kostümbild: Eun-Me Ahn; Technische Leitung: Jimyung Kim; Produktion: Eun-Me Ahn Company; Fotos: Marie Chabot, Sukmu Yun & Jiyang Kim.