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Johanna Sebauer: Popóm, ein Oxymoron

Die österreichische Autorin Johanna Sebauer, 1988 in Wien geboren und im Burgenland aufgewachsen, schaut mit einem Vergrößerungsglas auf die Welt. Übertreibt, schärft, parodiert, ironisiert und bleibt dabei selbst ganz ernst. Auch der Erzähler von Popóm macht keinen Scherz, wenn er berichtet, dass er sich selbst begegnet ist.
Eine wahre Fiktion oder die fiktive Wahrheit, der neue Roman ist in jedem Fall ein Oxymoron. Gar nicht oxymoronisch ist die pikante Miniatur, die Sebauer zwischen Nincshof, den Debütroman und Popóm, den neuen Roman eingeschoben hat, Das Gurkerl. Die kurze Erzählung vom Gurkerl ist ein Fall für die Medien, für soziale und konservative, denn der Essig in dem es liegt, süßsauer, mit Honig gesüßt oder in Scheiben geschnitten, zerquetscht in Sandwiches oder als ganzes mit zwei Bissen verzehrt, ist gefährlich. Als ein Superjournalist einer Lokalzeitung das Gurkenglas geöffnet hat, ist ihm ein Tropfen Sauer ins Auge getropft und jetzt beteiligt er die Öffentlichkeit an der Frage, ob solche gefährlichen Gurkengläser überhaupt verkauft werden dürfen.
Es ist ja auch Sommer, die sogenannte sauren Gurkenzeit, eine gute Zeit für Shitstürme aus allen Richtungen. Eine Satire von 48 Seiten, so gut gewürzt illustriert von Nikolaus Heidelbach wie der Text von Johanna Sebauer.
Nach dieser gelungenen Fingerübung veröffentlicht Johanna Sebauer, die im Sommer 2020 von der Hamburger Roger Willemsen-Stfiftung mit einem Stipendium und einer 4-wöchigen Sommerresidenz unterstützt worden ist, ihren zweien Roman Pompón, in dem der Endzwanziger Hendrik (Sebauer lebte einige Jahre in Hamburg) sich selbst begegnet. Also seinem gealterten Ego. Anfangs ist er nur neugierig, wer dieser Mann ist, der aussieht wie er, die gleichen Essensvorlieben hat und wie er (und übrigens auch ich) die ICE, Intercity Expresszüge der DB) ablehnt und am gleichen Tag geboren worden ist. Wie ferngesteuert trappelt Hendrik, der jüngere, hinter Hendrik, dem älteren, her, freundet sich mit ihm und lässt ihn nicht mehr los. 
Er war überzeugt, „etwas Großes zu erleben“ und wollte natürlich erfahren, wie seine Zukunft aussehen würde.
Das Motiv des Doppelgängers, Schatten oder alter Egos, ist in vielen Kulturen und Religionen vorhanden. In der Romantik war es besonders beliebt. Der Schriftsteller Jean Paul (1763–1825) beschreibt es in seinem Roman Siebenkäs so: „Doppeltgänger, so heißen Leute, die sich selbst sehen“ (sic) Im Stummfilm ist der Doppelgänger meist als Horrorgestalt aufgetreten. Sigmund Freud sieht im Doppelgänger den „verdrängten Anteil im Ich“.
Da steht auch ein Mensch und starrt in die Höhe,
Und ringt die Hände, vor Schmerzensgewalt;
Mir graust es, wenn ich sein Antlitz sehe, -
Der Mond zeigt mir meine eigne Gestalt. (aus Heinrich Heines Buch der Lieder)
Doch zum Gruseln ist Popóm keineswegs, eher zum Schmunzeln. Die Autorin spielt gekonnt mit dem Unmöglichen, das sie mit dem Möglichen verquirlt. Doch, „Es ist so. Man muss mir glauben, das ist die Voraussetzung für alles, was jetzt kommt, denn Erklärungen werde ich keine bringen können, auch keine Theorien und Beweise schon gar nicht.“ So spricht Hendrik, er jüngere, nachdem er viele Jahre später, von seiner ersten Begegnung mit sich selbst berichtet hat. Wir müssen ihm die Geschichte abnehmen, auch wenn er damals „ein unerträglich patscherter, grünschnäbliger Karl“ war. 
Die Begegnung mit Hendrik, dem älteren, dessen Familienname sich nur durch einen Accent aigu auf dem zweiten o unterscheidet, aus Popom wird Popóm, ist für den Erzähler etwas so Großes, dass er jahrelang darüber schwiegt. Der Roman ist also dem Älteren gewidmet, was Hendrick sicher nicht auffällt, er ist öcht lebendig, doch Pompón bleibt ein Schatten. Viel Aufregendes hat der l#ngst nicht mehr junge Erzähler nicht zu erzählen. Das ältere Ich betreibt einen kleinen Laden für passionierte Pfeifenraucher und -sammler. Dort kann sich der patscherte Kerl recht gut verstecken, fühlt sich als Freund des Bestzers. Der aber braucht Hendrik, der ihm allmähich lästig wird, nicht. Hendrik sollte leben und nicht Leben darstellen, gibt er izu verstehen. Popóm!
Der Name klingt wie ein Paukenschlag oder wie das Quastel auf der winterfesten Pudelmütze, Pompon, auch in die Kinderstubei, wo es viel zu häufig um den Popo geht, darf hinein gehört werden. Eine verborgene Bedeutung erschließt sich mir nicht, vielleicht gibt es auch keine. Popóm muss Hendrik aus seiner klebrigen Lethargie befreien, ihn, wie es bei den Vogeleltern Brauch ist, aus dem Nest stßen und greift zu drastischen Mitteln.
Später, nach dem Jahr mit Popóm erkennt er, dass er bis zur Begegnung mit sich selbst, „wie ein führerloser Kahn durch die Wogen“ schaukelte und „lediglich Glück gehabt [hat], dass noch kein größerer Sturm aufgezogen war.“ 
Genug der Psychologie, der Theorien und Interpretationen. Johanna Sebauer enttäuscht ihre Leserinnen nicht, auch wenn die Erwartungen die Nincshof geschürt hat, auf ganz andere Weise erfüllt werden. Denn ihre Beobachtungsgabe, ihr liebevoller Blick auf die alltägliche Skurrilitäten, ihr Talent zu erzählen, ohne zu langweilen sind im Burgenland genauso vorhanden wie in der namenlosen Stadt, in der Hendrik sich selbst findet. Jetzt muss ich einen neu gelernten Begriff anwenden: Sophomore Slump. Doch der Begriff passt überhaupt nicht auf diesen zweiten Roman. Und dass dies so ist, macht Johanna Sebauer zu einer klugen, erzählfreudigen Autorin, die Unterhaltung mit Tiefgang verbinden kann.
Johanna Sebauer:
Popóm, Roman, 224 S., DuMont, 2026. € 25,95. E-Book € 18,99
Das Gurkerl, Erzählung, illustriert von Nikolaus Heidelbach, 48 S., DuMont 2926, € 21,50. E-Book: 14,99.
Die Autorin liest aus ihrem neuen Roman vor: 10. September, 19 Uhr, Thalia, Mariailferstraße 99.