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Rachel Cusk: Metakaskade im freien Fall

Die britischse Autorin Rachel Cusk 2025, Literaturfestival Aarhus. © Hreinn Gudlaugsson

Fakten: Rachel Cusk, im anglo-amerikanischen Raum eine viel diskutierte Autorin, hat einen neuen Roman veröffentlicht: The Life of M, aus dem Englischen von Eva BonnéDas Leben der M Ein kühl und emotionslos geschriebener Roman. M ist also eine fiktive Person. Doch in den britischen Medien unterhalten sich Kritiker*innen darüber, ob M vielleicht eine dort bekannte Filmschauspielerin sei. Die Literatur bleibt auf der Strecke. 

Cusk Engl Ausgabe CoverSelten, dass ein neuer Roman – Non-Fiction, denn Cusk veröffentlicht seit mehr als dreißig Jahren in allen möglichen Genres – Literaturkritiker*innen aus ihren elfenbeinernen Türmen treibt und sich dem Klatsch widmen. Ist M, die Figur über die eine Erzählerin eine Biografie schreiben will, real? Ist M Natalie Portman, die Oscar gekrönte israelisch-US-amerikanische Schauspielerin, Regisseurin und Filmproduzentin? Satz für Satz, Zeile für Zeile wird verglichen: Ja sie hat als 12-jährige bereits Filmruhm erlangt, ja, M hat einen Film über eine Ballerina gedreht, wer „Black Swan“ gesehen hat, erkennt sogar die beschriebenen Szenen wieder. Ich habe „Black Swan“ (Oscar und Golden Globe für Portman) nicht gesehen und würde die heute  45-Jährige weder im Kino noch auf den Werbeplakaten erkennen. Die Ballettwelt war nicht glücklich über den Ballettfilm. Aus Solidarität habe ich den Schwarzen Schwan nicht gesehen, was mich zum Schweigen verdammt, doch den Blutdruck geschont hat. Mag sein, dass Details aus Portmans Karriere mit der von M übereinstimmen, doch wir erfahren rein gar nichts über P: außer Fakten, die in Wikipedia zu finden sind. Rachel Cusk in Bordeaux, Buchhandlung Mollat  anlässlich der Veröffentlichung ihres Romans „Parade“. © Librarie MollatCusk, die ihrem beobachtenden, teilnahmslos beschreibenden Stil treu bleibt, sagt schon im ersten Absatz, worum es ihr geht:

Vor kurzem sagte ich der Schauspielerin M, ich erwäge, ihre *)Autobiografie zu schreiben . Der Vorschlag gefiel ihr. Sie ist keine Spielverderberin. Würdest du dir einfach etwas ausdenken?, fragte sie. 

Eiffelturm und Marsfeld in Paris, wo Rachel Cusk und die mögliche Schablone für M. derzeit leben. © WikipediVerstanden?  Natürlich glänzen auch Autobiografien, also selbst erzählte Lebensgeschichten, durch Erfindungen, Zuspitzungen, Gedächtnislücken, die von Kalliope mit Fleiß gefüllt werden. Was andere über eine(n) erzählen, schreiben, in Social Media kundtun, hat mehr mit ihnen selbst zu tun, als mit der beschriebenen Person.  
So hält es auch Rachel Cusk. Immer schon, auch in den anderen Romanen, von Saving Agnes (1993) bis Life of M (2026), erzählt sie (besser: lässt die erzählen) mehr über sich als über ihre erdachten (oder auch nicht vorhandenen) Figuren. Im deutschsprachigen Raum ist Cusk nicht so bekannt, daher auch wenig kontrovers diskutiert, wie in anglo-amerikanischen Medien. Seit Outline (2014) übersetzt Eva Bonné Cusks Veröffentlichungen für den Suhrkamp Verlag. Rachel Cusks Roman liegt nun nicht allein in Bookshops, sondern auch in Buchhandlungen. Die großartike Kaskade des  Purakaunui Falls in Neuseeland . © James Dignan / wikipedia
Doch jetzt zur Metakaskade, eine Begriffsbildung, die den Titel ziert. Ich zitiere zum leichteren Verständnis den Duden: Das Präfix meta- drückt in Bildungen mit Substantiven aus, dass sich etwas auf einer höheren Stufe, Ebene befindet, darüber eingeordnet ist oder hinter etwas steht. Beispiele: Metaphysik, Metatheorie. Ausgelöst hat die Kaskade, nicht aus Wasser, sondern aus geschriebenen, gedruckten Sätzen, Die Autorin Rachel Cusk. Sie lässt eine Erzählerin / vielleicht auch einen Erzähle, berichten, dass sie / er ein Buch über M schreiben möchte.
Hat sich immer wieder neu erfunden: Norma Jeane Baker, besser bekannt als Marilyn Monroe, eine derberühmtesten und bekanntesen Frauen der Geschichte.  © themarilynmonroecollection.com/Lang vor Gen Z geboren, dachte ich sofort an Marilyn M Manches Behauptete passt auch, schließlich war auch MM eine Schauspielerin, die sich bald selbst nicht mehr kannte, weil sie nicht nur vor der Kamera, sondern auch bei Empfängen, Dinners und im Bett die sein musste, die man (Mann) sich wünschte.
Ob es Portman genau so geht, weiß ich nicht. M – Vorname? Nachname? –betritt verschiedene genau beschriebene Settings, tut, was von ihr erwartet wird. Natalie Portman, Cannes 2025. Unwichtig und für den Roman bedeutungslos, ob sie hinter M. steckt. © WikipediaManchmal steht eine Kamera bereit, meistens aber nicht, dann ist M von glotzenden Fans, lächelnde Verehrer*innen, Mäzenen und sogenannte Freundinnen / Freunden umgeben. M spielt M, den Star. Die namenlose Erzählerin beobachtet sie. 
Keine neue Erkenntnis, doch von Cusk intensiv beschrieben, wenn sie die Erzählerin nicht von sich selbst (Rachel Cusk?) berichten lässt, manchmal in der Mehrzahl: „Wir“, wobei ich nicht herausfinden konnte, wer die Begleitung ist, dann wieder in der Einzahl: „Ich“, aber von außen, nahezu aus der Ferne winkend. Lebendig wird weder M, das mag intendiert sein, den M ist eine Kunstfigur, einer realen Schauspielerin nachempfunden oder frei erfunden, egal, noch „ich“ oder „wir“. Auch Nebenfiguren bleiben geisterhaft. Nicht nur im Roman wird der Tour Montparnasse, das mehr als 200 M hohe Bürohaus, als Schandfleck von Paris bezeichnet. © wikipediaAllerdings ist der Schauplatz so genau beschrieben, dass man sicher sein kann: Die Figuren geistern durch Paris. Auch die realen Frauen, Rachel Cusk, Natalie Portman, leben dort. Echt!
Eine Kaskade besteht aus Stufen und perlt von oben nach unten. Die wortreiche Metakaskade, in der sich ein Roman über die Schauspielerin M am Start befindet, sprudelt von unten nach oben, ist also eine Springkaskade. Parterre: Der Roman. Autorin Cusk erfindet eine Erzählerin (oder einen Erzähler), die (der) über die Schauspielerin M schreiben will. Hochparterre: Die misslungene Biografie der M (Auto- ist unmöglich, M schreibt nicht, sagt auch kaum etwas. Mezzanin (Stufe 3): Rezeption. Englische Kritiker*innen lesen den Roman, scheiben jedoch über die Schauspielerin N. P. Ebene 4 (1. Etage): Die Kaskade rauscht durch den Blätterwald digital und analog, breitet sich in den Social Media aus. Der Wiener Hochstrahlbrunnen am Schwarzenbergplatz. Er wurde aus Anlass der Fertigstellung der I. Wiener Hochquellenwasserleitung 1873 fertiggestellt und  und am 24. Oktober zum ersten Mal eingeschaltet.  © Wiener Wasser / ZinnerEbene 5 (2. Etage): Rezeption der Rezeption. Das Buch erreicht deutschsprachige Literaturexperten. Sie schreiben, dass die englischsprachigen Kollegen über Portman schreiben. Portman schweigt. Ebene 6, 7 (3., 4. Etage): Die Kaskade gleicht einem Springbrunnen. Zeit der Fütterung von Klatschspalten, der Suche nach Beweisen und Gegenbeweisen, des Spekulierens und Vermutens. P. schweigt.
Der gunge Ggiordano Bruno: Illustration in „INeue Bibliothec, oder Nachricht und Urtheile von Neuen Büchern“. Frankfurt und Leipzig 1715. © WikipediaEndlich oben angelangt, plätschert die Wortkaskade nun als Senfgemisch ins Sammelbecken. Es fehlt natürlich die Ebene der Rezeption durch die Leserinnen. M ist eine Fiktion, egal welcher realen Person sie gleicht, doch einmal an die Öffentlichkeit gelangt, wird die Fiktion zur Realität. Leserinnen prüfen jetzt das Leben von N. P. und kommen zu dem Schluss, dass P. als M nicht gut behandelt wird. Dabei fällt mit der italienische Dichter Giordano Bruno (1584–1600) ein, der in seinem Text Über die heroischen Leidenschaften / De gl'heroici furori (damit ist der Erkenntnisdrang gemeint) findet sich die Beobachtung. „Se non è vero, è molto ben trovato“ (Wenn es nicht wahr ist, ist es sehr gut erfunden.“ Unter Verlust des Superlativs hat das Zitat Jahrhunderte überlebt und ist zum geflügelten Wort geworden: „Se non è vero, è ben trovato“. Klingt immer noch gut und passt auch in die Metakaskade, in der sich die Mehrheit mit der Frage verzettelt, wo die Wahrheit endet und die Täuschung beginnt und wissen will, wer mit M gemeint ist, auch wenn eine Romanfigur, eine Romanfigur, eine Romanfigur ist. Das Löwengespann führt den Philosophenkaiser Marc Aurel durch Wien. Wie kommt er ins Credo? Ganz einfach, M hat ohn mitgebracht. Sie liegt im großen Hotelbett und liest die „Selbstbetrachtungen“ von Marc Aurel. © austriasites.comDas Leben der M ist kein Sachbuch und M besteht nicht aus Wasser und Blut. Sie lebt nur zwischen zwei Buchdeckeln oder auf dem Lesegerät. Ich plädiere für „ben trovato“, ein Lob, das jeden Roman in die Nähe der Auswahlliste für welche Ehrung auch immer hievt.
Möglicherweise wird die Rezensentin gefragt, ob man diesen Roman lesen soll, ob man ihn genießen kann, ob er Freude, Ärger, Widerspruch oder Zustimmung erzeugt. Die Krimmler Wasserfälle im Nationalpark Hohe Tauern fallen in Kaskaden. © www.krimmler-wasserwelten.at / StabentheinerMir gefällt diese Verwirrung, die Cusk in ihren Romanen erzeugt, man weiß nie genau, wo man sich befindet, wer gerade spricht, was wahr und was erfunden ist. Das ist schön, weil man als Leserin die Freiheit hat, seinen eigenen Roman zu erfinden, den Metaroman. Ich meine, Cusks Stil (samt Bonnés Übersetzung natürlich) ist trotz des inhaltlichen Chaos sauber und ordentlich, genau, geradezu klinisch sauber. Bis zum letzten Satz gehe ich auch von einer unbenannten, unbekannt bleibenden Erzählerin aus. Doch im letzten Absatz belehrt mich die reale Autorin eines Anderen: M stellt ihrem fiktiven Gegenüber eine Frage, die sie schon immer stellen wollte: Cover des Romans Das Leben der M. © Suhrkamp Verlag„Bist du ein Mann oder eine Frau?“ Sollte ich zurück auf Etage 0 gehen und mit dem Bewusstsein, einem Mann zu folgen, noch mal von vorn zu lesen beginnen? Wird das Leben von M dann ein anderes sein? Doch es spielt sich nichts ab zwischen den beiden fiktiven Figuren. Keine Nähe, keine Beziehung, keine Erotik. Sie agieren beide, Subjekt und Objekt, hinter einer gläsernen Wand. Mann oder Frau, Mann und Frau, Frau und Frau, das sind nicht die Fragen. Genauso wenig, wie die Frage, wer die reale Figur hinter M ist.
*)Anmerkung: contradictio in adjecto: αὐτός autós griechisch: selbst

Rachel Cusk: Das Leben der M / Life of M, aus dem Englischen von Eva Bonné, Suhrkamp, 175 Seiten. € 25,70. E-Book € 21,99.