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ImPulsTanz [8:tension]: Gabrielle Levies Winter Quarters

Gabrielle Levie als Zebra im Winterquaratier.

In ihrem von Noé Leleu als (Playback-)Erzählerin begleiteten Solo Winter Quarters befasst sich die französische Performerin Gabrielle Levie mit unterschiedlichen Aspekten ästhetischer Zurichtung. Die multidisziplinäre französische Künstlerin stellt sich dabei selbst als vielfach überformtes Wesen in das Zentrum ihrer kulturhistorisch aufgeladenen Anti-Show über die Obszönitäten der Unterhaltungskunst. Österreichische Erstaufführung von Winter Quarters: 3. August 2026, ImPulsTanz im Wuk.

Gabrielle Levie als stolze Nussknacker-Maus.Im Winter sind die Tiere, so die Ausgangsthese von Levies Zurichtungsperformance, in ihren kleinen Boxen. Dort hält man sie, um sie täglich herauszuholen (befreien wäre hier das falsche Wort) und beständig zu zähmen, zu drillen und, eben, zuzurichten. Versteckt bleiben sie vor den Augen der Zuseher:innen, die sie dann, zu Beginn der neuen Saison, mit frischem Blick und voyeuristischer Neugier, was die kleinen und großen Tierchen in dieser unsichtbaren Zeit des Versteckt-gewesen-Seins gelernt haben, bestaunen. Gelehrig sind sie ja, die Mäuse, Katzen, Zebras, Pferde und sonstigen wilden und weniger wilden Bestien, zu denen auch das Tier Mensch zählt. Gelehrig – und vor allem: bis zur Unkenntlichkeit getrimmt. Zum Besten, was sonst: schön, adrett, sexy bis explizit erotisch, sprung-, tanz- und vor allem schmerzbefreit. Oder besser: schmerzbereit. Die Nussknacker-Maus  verwandelt sich in eine Burlesque-Tänzerin.
So in etwa interpretiere ich Levies schrille, an Referenzen, Bildern, Episoden reiche und stets bis zur Fratzenhaftigkeit überspitzten Performance. Angelehnt sind ihre Recherchen dabei an Film- und Bildmaterial des vorwiegend mit Tierattraktionen tourenden französischen Wanderzirkus „Pinder“ und des Pariser „Cirque d’Hiver“, der ab 1934 von den Brüdern Bouglione geleitet wurde. Eine Besonderheit dieses „Winterzirkus“ waren dessen Pantomimes exotiquse, „orientalisch-erotische“ „Tausend-und-eine-Nacht“-Inkarnationen, die so melodramatische Titel wie La Perle du Bengale, La Princesse Saltimbanque oder Les Aventures de la Princesse de Saba trugen. „Salto“, „Trapèze“, „Voltige“, „Bravo“, „Virtuose“, „Éclat“, „Phénoménal“ oder „Délire“ wiederum hießen die jährlich wechselnden Programme, mit denen die Bougliones zuletzt als Wanderzirkus durch Frankreich tingelten.
Das Zebra legt ein Tä#nzchen hin.So tritt auch Levie als stolze Nussknacker-Maus auf riesigen schwarz-weißen Stoff-High Heels in die Arena – ein gar nicht graues Luxustier, das seine Zähne ablegt, nicht aber sein Lächeln, und sich in eine Burlesque-Tänzerin verwandelt. Von hier aus wird Levie zu Pferd, Zebra und Elefant, stolziert durch eine Show-Einlage nach der anderen, ehe sie zur preisgekrönten französischen Leichtathletin, erkennbar durch die Trikolore ihres Trikots und die Medaillen, die an ihr baumeln wie die Glocken an der Leitkuh, mutiert.
Die Figuren- und Kostümwechsel erfolgen, einem ästhetischen Kontrapunkt gleich, wackelig, mühevoll, fast unbeholfen, in einer windschiefen fahrbaren Showbiz-Kiste, deren Seitenteile aufklappbar sind. Aus denen schaut schon mal ein Pferd heraus, oder eben ein Zebra; Äpfel fallen für die gelehrigen Tiere aus einer Klappe. Zuletzt steht Levie selbst auf dem Dach, ehe die Zauberkiste den Rest von Halt verliert.Die Burlesque-Tänzerin, abgerichtet um das Publikum zu unerhalten.
Abgründige Perfektion.  Winter Quarters strotzt vor konzeptuellen Ideen und kulturhistorischen Anspielungen, die sich nicht nur auf die Geschichte des Wanderzirkus und des Burlesque-Entertainments beziehen. Da ist auch Maria Callas zu sehen, die ewig Zugerichtete, oder ein grölender Kinderstar à la Judy Garland. Da ist noch mehr. Nicht alles ist sofort deutbar, huscht vorbei in all dem schrillen Kostüm- und Anspielungsreigen.
Bei aller antrainierten Freude und Leichtigkeit, mit der Levie als Maus, Zebra, Akrobatin oder Nackttänzerin auf der winzigen Fläche ihrer mobilen – selbst der angedeutete Koppelzaun wird an einer Stelle von Noé Leleu, die Levie als Erzählerin zur Seite steht, von einer Seite auf die andere geschoben – Freak-Show-Bühne „performt“: Stets spürt man die Gewalt, den Missbrauch, die Herrschaftsstrukturen und Machtmechanismen, denen Levies Figurenkabinett ausgeliefert ist. Die Turnerin auf dem Dach.Es sind die Anweisungen, Blicke, Strafen und, vor allem, Gesetze und Regeln autoritärer Regime, zu denen auch die Konventionen und Disziplinierungsmethoden heutiger Gesellschaften und ihrer unentrinnbaren Wertesysteme zählen, die aus Levies Tieren, Menschen und In-between-Wesen Freaks, Monster und „andere“ machen. So lacht meistens auch nur sie, die gepeinigte Schöne, während sie sich entkleidet, schreitet, fächert oder ostentativ erotisch in einen Apfel beißt.
Wenn die neue Saison beginnt, liefern die getrimmten Körper in ihren jeweiligen Manegen wieder neue Spektakel, in denen die Uniformität normierter Optimierung mit ungebrochener Grausamkeit tradiert wird. Wenig Hoffnung schimmert durch diesen obsessiven Tanz in den Abgrund. Aber er bleibt haften.

Gabrielle Levie: Winter Quarters, ImPulsTanz [8:tension] im Wuk, 3., 4., 5. 8.2026,
Künstlerische Leitung, Performance und Requisiten: Gabrielle Levie;
Installation: Théo Pézeril; Stimme: Noé Leleu; Kostüme: Yvan Zimmermann, Noa Pearce di Sanzo und Lewis Dussurget; Musik: Alejandro Ferrandiz und Sami Robert; Prothesen: Loïse Hulin;
Fotos:  © Margot Sparkes