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ImPulsTanz: Ehtan Hemat und die Messingpartnerin

Ein nackter Mann und eine glänzende Messingplatte: Was in Ehsan Hemats Everything brings us back to the body entsteht, ist ein Tanz zweier Wesen, deren Körperlichkeit nicht unterschiedlicher, deren Beziehung nicht intimer sein könnte. Zu sehen war das ungewöhnliche Duo in der Reihe [8:tension] des ImPulsTanz-Festivals 2026 im Wuk.
Während Ehsan Hemat zu Beginn seiner jüngsten Choreografie die 18 Kilogramm schwere Messingplatte von ihrer Schutzfolie befreit, sagt mein Nachbar, etwas patzig zu seiner Begleiterin: „Das ist aber gar nicht nachhaltig.“ Ich habe den Begleittext zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelesen, aus dem sich diese Bemerkung, im Nachhinein, erklärt. Die Messingplatte, die der iranische Choreograf, der seine Ausbildung in Brüssel abgeschlossen hat, wo er heute auch lebt, an diesem Abend auspackt, packt er nur an diesem Abend aus. Tanzt mit ihr nur an diesem einen Abend – danach muss sie entsorgt werden. Ich recherchiere weiter: Messing sei zu 100 Prozent recycelbar, lautet die Antwort, als ich, den Satz meines Sitznachbarn noch zwei Tage später im Kopf, zur Beruhigung bei „der KI“ nachfrage.
Hemat und seine immer neuen metallenen Tanzpartnerinnen erzeugen Bilder, die von Mythen erzählen, vom Urlaub am heißen Badestrand, von Unwettern, Heimat- und Obdachlosigkeit und vielem mehr. Es ist eine Erzählung in archaischen Bildern, die uns immer zurückwirft auf den Körper, wobei dieser eben nicht immer ein humaner sein muss.
Den Beginn macht der Tänzer, der dem glänzenden Metall nackt begegnet, indem er sich hinter die nun enthüllte Platte stellt. Er beginnt sie zu bewegen, ins Licht zu halten, einzurollen, sich weit über sie zu strecken, sie zu umfassen. Kurt Lefevres Lichtchoreografie, der Everything brings us back to the body die stärksten Momente verdankt, lässt einen Sonnenuntergang erahnen, der sich auf dem Metall spiegelt. Es folgen zahlreiche weitere Konstellationen zwischen Performer und Platte: Mal ist sie Mauer und Dach, dann wieder Flügel, die Hemat über die Bühne tragen. Sie wird Pferd, Vogel und Sonnensegel, Schleppe, aber auch schwerer Mantel, unter dessen Last Hemat zusammenzu- brechen scheint.
Ich erkenne wiederkehrende Anspielungen an mythologische Figuren – Ikarus und Sisyphos, Herkules und Hermes, ein Mensch im Kampf mit einem Löwen in einer Arena.
Wie verletzlich Performer und Material gleichermaßen sind, erzählt sich in Everything brings us back to the body weniger über die Tatsache, dass allein die Gewinnung des verwendeten Materials nur durch die massive Ausbeutung von Erde und Mensch geschieht oder durch sichtbare Verletzungen des Tänzers. Das lese ich erst danach, ebenso wie, dass Hemats Titel dem Text des postkolonialen Theoretikers Achille Mbembe entlehnt ist. Vielmehr gelingt es Hemat durch all die Bilder, die er im Tanz mit der Messingplatte generiert, eine Vielzahl an Themen sicht- und hörbar zu machen, ohne dabei den kritischen Kommentar überdeutlich mitzuliefern – und uns so auch als Zuschauer:innen eigene Bilderwelten zu eröffnen.
Schmerz, Angst, Gewalt, Druck und Überforderung lassen sich im Zusammenspiel zwischen Material, Performer, Licht und Sound entdecken.
So überzeugend diese choreografische Untersuchung ist: Wenn Ehsan Hemat die Nähe der Platte verlässt, diese an einer Stelle der Performance etwa wie ein Sonnensegel aufstellt, um sich mehrmals liegend nach vorne und wieder zurückzurollen, verliert die Performance an Kraft. Das hat in meinen Augen damit zu tun, dass Hemat sich zu sehr auf die Wirkung konzentriert,
dabei jedoch, sobald er allein bleibt, wenig Interesse weckt. Man wartet darauf, dass er die Platte wieder in die Hand nimmt, der spannenderen Performerin dieses Stücks.
Am Ende dreht Hemat die nun über einem Gummiseil liegende Platte minutenlang im Kreis, um sie dann für ihr finales Solo freizulassen. Wenn die Messingplatte ihren letzten wilden, befreienden Tanz vollführt, während Hemat mit dem Rücken zu uns stehend zur Statue gefriert wird der Titel noch einmal zum deutlichen Motiv: Zwei Körper zwischen Bewegung und Stillstand. Und eine Begegnung, deren angestrengte Konzentriertheit viel über den Zustand unserer Welt erzählt.
Ehsan Hemat: Everything brings us back to the Body; ImPulsTanz [8:tension], Wuk, 1., 3. August.2026,
Choreografie und Performance: Ehsan Hemat;
Licht: Kurt Lefevre; Sound: Roeland Luyten; Bühne: Erki De Vrie; Dramaturgie: Yasen Vasilev; Stimmtraining: Selma Banich; Technik: Lucas Van de Voorde;
Fotos: Dewi Mik, Joery Thiry, Teodora Georgieva.