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Impultanz: Salomes faule Früchte

Mit ihrer im Jänner 2026 bei den Berliner Tanztagen uraufgeführten neuen Arbeit the intimacy of collision war die libanesische Künstlerin Dominique Tegho zum ersten Mal bei ImPulsTanz Gast. Ihre auf Einladung von ImPulsTanz [8:tension] im Schauspielhaus gezeigte Performance macht Lust, in Zukunft noch mehr von der jungen Choreografin und Tänzerin zu sehen.
Sie drehen Kreise, Schleifen, kreuzen einander in Diagonalen, ohne dabei in direkten Blickkontakt mit den Menschen im Raum zu treten: Während das Publikum lautstark den Saal betritt, gehen Dominique Tegho und Anthony Nakhlé bereits über die Bühne, das allein dauert schon an die 15 Minuten. Es ist ein streng formaler, raumgreifender Einstieg, in dessen Folge sich die Beziehung der beiden Tänzer:innen mehrfach ändert. So setzt Tegho in der folgenden Passage ihre formalistischen Bewegungen fort. Diese überträgt sie nun auf ihre Arme, während sie zuerst (ein Volkslied?) singt, danach Worte aneinanderreiht – gehen, singen, sehen, stehen –, später auch Phrasen, ehe sie die Bühne seitlich verlässt.
Dekonstruktion als Strategie. Nakhlé setzt seinerseits zu einem Solo an, bei dem er, an einem Punkt der Bühne stehend, seinen Oberkörper langsam in immer stärkere Voguing-Bewegungen bringt und damit eine widerständige Spannung von großer Eindrücklichkeit erzeugt.
Wenn Tegho zurückkehrt und die beiden Tänzer:innen nun im Duett choreografische Strukturen levantischer Volkstänze aufgreifen und in zigfachen Wiederholungen in den Raum stellen, wird die vielschichtige politische Dimension der Performance noch deutlicher. Während der auf alten ägyptischen Tänzen beruhende, in den Arbeiter:innenvierteln Kairos weiterentwickelte Baladi durch seine improvisierten Bewegungen von Hüften, Becken und Oberkörper definiert wird, mit feinen Gewichtsverlagerungen, Kreisen, Wellen und der individuellen Präsenz der Ausführenden, ist Dabke ein durch synchrone rhythmische Stampf- und Schrittmuster charakterisierter dynamischer Volkstanz. Tegho und Nakhlé greifen die gestischen wie soziokulturellen Eigenschaften beider Tänze auf, stampfen in ihrer „intimen Kollision“ zwischen traditionellem und modernem, persönlichem und kollektivem Bewegungsvokabular aufeinander zu, fassen einander an Schultern, Armen, kehren sich dem Publikum zu, tanzen sich in einer Linie nach vorne, blicken uns an, dann wieder einander, lächeln.Sie setzen zu zunächst kleinen, dann sich steigernden Schwingbewegungen an, bis dieses Schwingen zu einer sichtbaren Geste des Widerstands wird, ehe sie wieder zurückfinden in die „folkloristischen“ Bewegungen, aus denen sich eben jene Widerständigkeit gegen „eigene“ wie fremde Zuschreibungen speist.
Das Licht wechselt von Rot auf Blau auf gleißendes Gelb. Wieder und wieder durchlaufen die beiden Tänzer:innen die ritualisierten Bewegungsmuster und deren symbolische Verabschiedung. Durch die Länge dieses für alle, Tänzer:innen wie Publikum, immer anstrengend werdenden Loop-Verfahrens, erhält die scheinbar ungebrochene Gültigkeit von „Tradition“ erst ihre schmerzvolle Brüchigkeit.
Disruptive Rekonstruktion. Was folgt, ist ein radikaler Bruch: Tegho und Nakhlé ziehen die weißen Stoffbahnen an der hinteren Bühnenwand zur Seite und eröffnen so den Blick auf eine weitere westliche Fantasie – die Engführung von „orientalischer“ Erotik à la „1001 Nacht“ und religiös legitimierter Gewalt: „Salome“ steht in der digitalen Reproduktion eines historischen Gemäldes zwischen ihren begehrlichen Zusehern und tanzt ihren verführerischen „Schleiertanz“.
Neben ihr, die in ihrer Ikonenhaftigkeit unbeweglich bleibt, sitzt, KI-montiert, ihre heutige, queere Schwester: Hassandra. Doch die Drag-Künstlerin ist weit davon entfernt, sich den stereotypen Imaginationen unterzuordnen. Die verfaulten Früchte, die auf einem Teller neben der statischen Prinzessin stehen, nimmt Hassandra Stück für Stück zur Hand und in den Mund. Beißt hinein, bricht die faule Frucht auf, wirft Fleisch, Schale, Kerne um sich. Ein weiteres Bild für die „Kollision“ mit Narrativen, ohne deren anhaltende ikonografische Macht nicht zu verleugnen.
Im finalen Teil des Abends setzt Hassandra – nun gemeinsam mit Nakhlé und Tegho ebenfalls live auf der Bühne und bald schon inmitten des Publikums – zu einem kraftvollen Gesang an, dessen Zeilen jeweils mit „EWIHA“ (إيويها), dem traditionellen „Frauenruf“ bei Hochzeiten und anderen Feiern, beginnen. Doch die Themen, über die die Performer:in und DJ:ane hier singt, erzählen von Verletzungen, Lügen, Wut und Aufbegehren.
T
eghos, Nakhlés und Hassandras abschließende choreografische Zalghouta verdichtet sich zu einer mitreißenden finalen Ululation. Noch einmal zeigt sich die euphorische Energie dieses Stücks, indem die Gegenkraft gegen all die brandgefährlichen rassistischen Klischees, die man so gerne in Begriffe wie „Orientalismus“ taucht, sicht- und hörbar durch die Körper der Tänzer:innen fließt.
Bewegung, Reibung, Dialog. Intensiv, klug und konsequent ist Dominique Teghos aktuelle Arbeit the intimacy of collision. Die Kollision ist dabei eine, die sich auf vielen Ebenen zeigt: kulturhistorisch wie persönlich, somatisch wie musikalisch, vor allem aber hoch politisch, ohne dabei in platte Ablehnungsmechanismen zu verfallen. Tradition ist eben nicht so leicht abzuschütteln, die Körper tragen sie mit, auch wenn sie sich von ihr zu lösen versuchen. Das gelingt in Nakhlés Solo zwischen statuarischem Standbein und queerem Oberkörper so überzeugend wie in Hassandras irritierenden „EWIHA“-Anrufungen.
the intimacy of collision ist für mich einer der Höhepunkte des diesjährigen ImPulsTanz Festivals und der dieses Jahr facettenreichen und fast durchgehend überzeugenden [8:tension]-Reihe. Und Tegho eine Choreografin, auf deren zukünftige Arbeiten man* mit Berechtigung gespannt sein darf.
Dominique Tegho: Intimacy of Collision, Impulstanz im Schauspielhaus, 29., 31.7.2026
Konzept und Choreografie: Dominique Tegho; Performance und Choreografie: Anthony Nakhlé, Hassandra und Dominique Tegho; Sound: Basel Naouri; Lichtdesign: Marco Ciceri; Video: Cynthia el-Hasbani; Kostüme: Mathilda Rejouan/Mounia Studios; Drag-Outfit: Naomi Tarazi; dramaturgische Unterstützung: Manolis Tsipos, Polyna Fenko und Nima Séne; Outside Eye: Charlie Prince; Dabke-Coaching: Nancy Nasreddine; Stimmcoaching: Wafaa Saied; Haare und Make-up: Hassandra, Foto: Mayra Wallraff