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Percival Everett tanzt auf dem linguistischen Seil

Ein erfolgreicher Autor: Percival Everett, fotografiert von Christina Zeeb.

Ein früher Roman des Meisters der Ironie und des schwarzen Humors Percival Everett ist nun als Taschenbuch erschienen. Erasure hat der amerikanische Schriftsteller und Professor für englische Literatur und Philosophie 2001 veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung von Jens Seelig, Ausradiert, ist erstmal 2008 im Jens Seelig Verlag erschienen. Als ungekürzt Ausgabe ist die köstlich-böse Satire heuer bei Hanser erschienen. !4,40 € sind gut angelegt.

In der Verfilmung von „Erasure“, „American Fiction“, spielt Jeffrey Wright den Autor und Erzähler Thelonius, „Monk“ Ellison. © 2023 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc.Percival Everett, geboren 1956, gilt als Chamäleon der Literatur. Tiefschwarzer Humor, beißende Satire und ein virtuoses Spiel mit der Literatur- und Kunstgeschichte sowie der Sprache sind Charakteristika seiner Romane. Konsequent verweigert er sich festen Genres, demaskiert und benützt zugleich Sprache als Machinstrument, wie in dem 2025 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetem Roman, James, der Umkehrung des amerikanischen Klassikers von Mark Twain Die Abenteuer des Huckleberry Finn (1884/85). Mit der „literarische Sensation“, wie die Booker Prize-Jury urteilte, hat Everett den Kreis begeisterter Leserinnen wesentlich erweitert. Auch in Erasure / Ausradiert benützt der Autor die Literatur und die Sprache, um rassistische Klischees und Stereotypen aufzudecken. Ohne Zeigefinger und saures Moralin, doch mit intelligentem Witz und scharfer Ironie.Plakat zum Film „American Ficton“ nach Everetts Roman „Erasure“.
 Der Roman ist ein Roman im Roman, erzählt vom schwarzen Schriftsteller
Thelonius Ellison – „nennt mich Monk“ – der das Ende seiner Karriere spürt: Siebzehn Verlage habe seinen neuen Roman abgelehnt. Er und seine Romane sind Verlegern, Rezensenten und dem Lesevolk nicht „schwarz genug.“ Obwohl er „dunkelbraune Haut und krauses Haar“ hat und „einige seiner Vorfahren Sklaven waren“ und er auch „von blassgesichtigen, weißen Polizisten festgenommen wurde“, vermisst die Gesellschaft, nicht nur die der Literaturrezensenten, die Kennzeichen eines schwarzen Amerikaners. Er kann weder tanzen noch Ballspielen, und, fatal für eine Karriere als Schriftsteller, er ist nicht in irgendwelchen Slums aufgewachsen. Ein Waisenkind ist er auch nicht. „Mein Großvater war Arzt, mein Vater war Arzt, mein Bruder und meine Schwester waren Ärzte.“ Unmöglich für einen schwarzen Autor.  Er kann nicht mit den erwarteten  „afroamerikanischen Erfahrungen“ aufwarten. Noch nicht.
Mr. Monks Schwester Lisa mit beider Mutter, Agnes. Dartellerinnen: Ellis Ross  und Leslie Uggams.Im Time-Magazin liest er die Lobeshymne auf den Debütroman einer Dame namens Juanita Mae Jenkins. Ghettoleben stürmt alle Bestsellerlisten. Monk, seine alte Mutter sagt Monksie, bekommt Schüttelfrost, wenn er hört, was Juanita Mae erzählt: „Ich komme aus Ohio, mit zwölf Jahren habe ich für einige Tage meine Verwandten in Harlem besucht. Daher kommt der Roman.“ 
Mr. Monk sitzt in der ehemaligen Praxis seines Vaters, spannt ein Blatt Papier in die alte Schreibmaschine und schreibt „diesen Roman, ein Buch, auf das ich niemals meinen Namen setzen könnte.“ Stagg R. Leigh jedoch tut’s und die Verleger reißen sich um den schmutzigen, brutalen Roman mit dem vielversprechenden Titel Fuck. Mit dem Titel „Fuck“ wollte Monk eigentlich Verlage und Buchhandlungen abschrecken. Das Gegenteil ist passiert.
Um den fiktiven Namen des fiktiven Autors eines fiktionalen Romans den ihn Wahrheit der fiktive Mr. Monk  (Aliasname des fiktiven Autors Thelonius Ellison, der ein fiktives Alter Ego des realen Autors Percival Everett darstellt), also um die Buchstabenfolge Stagg R. Leigh zu entschlüsseln, benötige ich eine künstliche Intelligenz. Dem Wikipedia-Eintrag und einer Geschichte in den Spielräumen von Ö1 entnehme ich Erklärendes: Der Name des Autors (Nummer drei im Metaroman) ist ein Homophon / Gleichklang, eine phonetische Anspielung auf die afroamerikanische Folk-Legende Stagger Lee (auch bekannt als Stagolee oder Stack-a-Lee). 
Texte von Percy Everett erscheinen mir wie ein Seil aus Wörtern und Begriffen, Esprit und Ironie, Lazzi und Slapsticks gewunden, auf dem er elegant und ohne zu stürzen tänzelt. Namen, Begriffe, Satzkonstruktion (hoffentlich nicht Satzzeichen auch noch) haben mehr als eine, die übliche, Bedeutung. Das beginnt bereits beim englischen Titel des Romans, Erasure, der an die literarisch-philosophische Praxis des Ausstreichens und doch sichtbar Bleibenden Wortes oder Satzes erinnert. Praktiziert wurde die Methode zum ersten Mal vom Philosophen Martin Heidegger. (1889–1976) und von seinem französischen Kollegen Jacques Derrida (1930–2004) populär gemacht. Isa Rae ist die Autorin des Thelonius, Monk,  Ellison so wütend machenden Kischtromans „We’s Lives in Da Ghetto“. Im Film wird sie, anders als im Roman, Sintara Golden genannt. Im Bild rechts: Nicole Kempskie als TV-Redakteurin im Interview. .Er hat dafür den Begriff „sous rature“ geprägt, was in der deutschen Übersetzung – „unter Streichung“ – phonetisch eine neue, gegenteilige Bedeutung erhält, die mit einer solchen Praxis automatisch intendiert ist. Durchgestrichenes lenkt den Blick auf sich. Im Englischen bleibt der Begriff, wie der Franzose ihn erfunden hat: „sous rature“, doch liegt man nicht falsch, wenn man auch an „under erasure“ denkt.
Sprachforscherinnen Sprachwissenschaftlerinnen oder Sprachliebhaberinnen könnten sich wochenlang mit Everetts Roman beschäftigen, ohne alle Anagramme, Homophonien, Verballhornungen, Anspielungen, Verspiegelungen und Hinweise zu entschlüsseln. Ja, es ist kaum mögliche Realität und Fantasie auseinanderzuhalten. Wirklichkeit und Unwirklichkeit verschwimmen zu einer Metawelt, die lesend Eintauchende amüsiert und ihr zugleich die etwas verklebten Augen öffnet.Sterling K. Brown hat als Mr. Monks Bruder, Clifford Ellison,  hat eine Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller erhalten.
Wie gewitzt und verschmitzt der Autor Percival Everett ist, zeigt er in den langen Fußnoten, eher Fußabsätze als kurze Noten (auch so ein sous rature, es ist da, aber man muss es nicht lesen, doch der Autor will nicht darauf verzichten) und in Einschüben, die scheinbar nichts mit dem Roman, aber sehr wohl mit den angeschnittenen Themen, zu tun haben. Er lässt den Bildhauer Ernst Barlach (1870–1938) mit dem in der Schweiz gebürtigen deutschen Maler Paul Klee (1879–1940) plaudern und auch Eckhart (Dietrich, deutscher Richter, 1937–2023) mit Adolf (Hitler, 1889–1945) über Literatur und die Juden sprechen und Rothko (Mark, amerikanischer Maler, 1903–1970, gebürtig in Dwinsk als Markus Yakovlevich Rothkowitz) darf Motherwell (Robert, amerikanischer Maler, 1915–1991) beschimpfen. Diese Gesprächsprotokolle, gut erfunden, können auch als Attacke auf die aussterbende Spezies der Bildungsbürger*innen gelesen werden. Der Autor hat sich ohne Pseudonym verliegt und spaziert mit seiner neuen Flamme, Coaline, in der Natur. (Erika Alexander, Jeffrey Wright)
Die Wut von Mr. Monk macht ihn schwuppdiwupp zum besten realistischen Autor und den, im doppelten Wortsinn, rabenschwarzen Roman zum Bestseller. Die Großkritiker überkugeln sich, und Mr. Monk muss seine Tarnung lüften, weil Mr. Leigh im Fernsehen auftreten soll. Er lüftet nicht und ist entsetzt als ihm (auch von der Lyrik- und Kinderbuch-Jury) der große Buchpreis zugesprochen wird. Dass Thelonius Ellison, alias Monk, auch Jury-Mitglied ist, kann unter alltäglicher Ironie verbucht werden. Monk darf während der festlichen Verleihung im Kreis der Sponsoren (Großindustrielle mit ihren Gattinnen) sitzen, Stagg Leigh erscheint nicht.
Unter all den köstlichen Seitenhieben auf die Verleger, Rezensenten und Leser (Verlegerinnen, Rezensentinnen und Leserinnen) verschwindet die traurige Geschichte der Familie von Mr. Monk, vor allem die seiner dement werdenden Mutter, die ein Pflegefall geworden ist. Drei in einem Bild: Die Autorin des Ghettoromans, der Autor der unerwünschten, weil nicht genügend schwarzen Romane und sein Alter Ego mit dem Decknamen Stagg R. Leigh. (Isa Rae, Jeffry Wright, Jeffrey Wright)Dass Thelonius Ellison, die Kosten kaum aufbringen, Stagg Leigh jedoch Mutter und Sohn ein schönes Leben machen kann, zerstört Monks Weltbild und auch das Bild von sich selbst. Mit dem letzten Satz, quasi ein abschließendes Postskriptum, gibt er auf. Er wird nicht mehr versuchen, der Welt die Augen zu öffnen. Die Klischees und Stereotypen, der Kitsch und das Pathos haben einfach mehr Chancen bei den Gebildeten, und sichern den Verlegern hohe Auflagen, was auf ihrem Konto sichtbar wird.
Hypotheses non fingo“ sollte Monks letztes Wort sein. Das Buch, auf dem der Film „American Fiction““ basiert. © Hanser VerlagLeider hat in der deutschen Ausgabe der Druckfehlerteufel zugeschlagen und ein n gegrapscht. Die Anspielungen und Wortspielereien und Erfindungen des realen Autors mögen daran schuld sein. So lesenswert wie Ausradiert jedoch ist, wird es bald eine zweite Auflage geben, dann ist das Newton-Zitat wieder korrekt. 
20 Jahre nach der ersten Auflage des englischen Originals hat Regisseur Cord Jefferson den Roman in ein Drehbuch verwandelt und dieses als American Fiction verfilmt. Jeffrey Wright spielt den gedoppelten Schriftsteller Thelonius, „Monk“ Ellison. Die Österreichpremiere des Films hat während der Viennale Oscar Nacht im März 2024  stattgefunden. Amazon Prime Video bietet den Film als Stream an. 

Percival Everett: Ausradiert / Erasure, aus dem Englischen von Jens Seeling, 362 Seiten, Hanser, 2026. € 14,40. E-Book € 13,99.
Fotos aus dem Film American Fiction / Amerikanische Fiktion. © © 2023 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc., Prime Video