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Pol Guasch: Auf den Händen brennt das Paradies

Der katalanische Autor Pol Guasch erzählt von einer Jugend ohne Zukunft. Quelle: Anagrama

Der katalanische Autor Pol Guasch erzählt in seinem zweiten Roman, Ofert a les mans, el paradís crema, von jungen Menschen ohne Zukunft und Hoffnung, von einer Welt, in der nur der Augenblick und die Erinnerungen zählen. Die Protagonist*innen sind junge Männer und Frauen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, manche erleben nicht einmal den nächsten Tag.

Die Welt brennt, junge Männer, eigentlich noch Kinder, werden eingezogen, um die Feuer zu bekämpfen. Sie wollten leben. Der Kampf ist hart, die Tage schleiche öde dahin, den einzigen Trost findet n bei René, dann brennt die Begierde wie der Rest der Welt. Zu Liton, einem 24-jährigen, der in der Stadt aufgewachsen ist und als Brandbekämpfer in der Kaserne nahe der Bergarbeiterkolonie interniert ist, gehört Rita. Sie ist aus dem verschlafenen Nest geflüchtet, um in der Stadt zu leben, aber dann doch wieder in den Heimatort zurückkehrt. Dort schuften Männer und Frauen in einer Mine, die bereits erschöpft ist. Wie das Leben weiter gehen wird, weiß niemand. Die jungen Menschen aber kümmern sich nicht um die schwarze Asche, die den Himmel bedeckt, auch nicht um brennenden die Wälder und Häuser, sie suchen Liebe und feiern trotzig bei den Tanzpartys. Liton ist schwul, liebt René, der auf einmal nicht mehr da ist. Unter den Jungen einander liebenden Männern verbreitet sich eine Seuche, die in einem qualvollen Tod endet. Liton ist noch gesund, dürstet nach der Haut von René und lernt eines Abends Rita kennen. Zwischen der Dorfschönheit und dem aus der Stadt abkommandierten Jüngling aus der Stadt entwickelt sich eine Tiefe Freundschaft, die über den Tod hinausreicht.
Im Grunde ist diese romantische Geschichte, ein mit sanfter Erotik aufgeladener Entwicklungsroman, zeitgemäß und angloamerikanisch als Coming-of-Age-Roman bezeichnet, vor einem Endzeitszenario. Was die Lektüre so faszinierend macht, ist die Art wie Pol Guasch die Geschichte erzählt. Er hebt Zeit und Raum auf, lässt Tote sprechen und auch einen allwissenden Erzähler. Er blickt von einem Punkt aus in die Zukunft und zurück in die Vergangenheit, um die Leserinnen gleich wieder mit einer imaginäre Gegenwart zu konfrontieren. Gleich zu Beginn erzählt Liton von sich in der Vergangenheit, am Ende erleben wir sein Begräbnis. Rita ist mit Felix liiert, doch der hat längst das Interesse an ihr verloren hat. Sie weiß das, doch: „Schluss machen ist Luxus. Weitermachen ist die Strafe.“ Sie will die Strafe annehmen, weil sie es nicht geschafft hat, weil niemand es geschafft hat, durch Liebe und Freundschaft die Welt ein wenig besser zu machen. Vor langer Zeit machte sie mit Felix ein Picknick am See, der nur noch eine stinkende Lacke, bedeckt von einem grauen Schleier ist. Nur wenn sie die Augen schließt, sieht Rita den die trockene Senke voll blau schimmerndem Wasser. Felix hält eine lange Rede, nicht nur Rita hat Angst vor der Einsamkeit. Vielleicht besteht dieser Nachmittag am blauen See ohnehin nur in Ritas Erinnerung.
Wann  und wo die Geschichte spielt, ist egal, möglicherweise jetzt gerade. Doch die Jugend schwitzt nicht bei Raves und in Clubs, sondern schiebt Kassetten in ein klapperndes Gerät und geht abends zur Party. Es geht dem Autor weniger um die Handlung und schon gar nicht um eine Abhandlung, er generiert Gefühle, kriecht förmlich unter die Haut der Leserin, lässt sie teilhaben an der Begierde und der Freundschaft, an der Sehnsucht nach dem anderen und der Angst vor der Einsamkeit, in einer Welt, die keine Versprechen für die Zukunft hat.
Pol Guasch ist ein Autor, dessen Namen man sich merken muss. Seine Erzählweise fasziniert durch atmosphärische Dichte, den poetisch-lyrischen Tonfall, mal in Moll, dann wieder in Dur und den Mut, in Herz und Hirn von Rita und Liton, Felix und René zu wohnen und doch nicht alles zu sagen. Überdies hat Guasch keine Angst vor Kitsch und den Leserinnen ins offene Herz zu greifen. Als Motto hat der noch junge Autor einen Satz der russischen Dichterin Marina Zwetajewa (1892–1941) gewählt: „Auf der Handfläche dargeboten liegt das Paradies – greif es nicht an, es brennt!“
1997 in Tarragona geboren, hat Guasch nach seinem Studium in Barcelona die Gedichtbände Tanta gana (2018) und La part del foc (2021) sowie den Roman Napalm al cor (2021) veröffentlicht, die alle drei mit Literaturpreisen ausgezeichnet worden sind. Die Gedichtbände, Soviel Hunger und Der Teil des Feuers, sind nicht übersetzt; der erste Roman, Napalm im Herzen, ist wie der zweite, eben besprochene, im Wallstein Verlag erschienen. Sein dritter Roman, Reliquia, ist im heurigen Jänner wie alle vorhergehenden Werke von Anagrama in Katalan und auch in einer spanischen Ausgabe veröffentlicht worden.

Pol Guasch: Auf den Händen brennt das Paradies / Ofert a les mans, el paradís crema, aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt, 180S., Wallstein, 2026. € 22.70. E-Book € 18,50.