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Vergnügen mal drei mit Balanchine, Wheeldon und Ashton

In der Mitte dieses dreiteiligen Ballettabends zu Beginn der Spielzeit 2026 / 27 steht Choreograf Christopher Wheeldon auf dem Programmzettel. Er ist noch nicht im Archiv, produziert immer wieder Neues, ist der Erbe der Altvorderen George Balanchine und Frederick Ashton. So erklärt Ballettdirektorin Alessandra Ferri die Zusammenstellung des Abends mit dem Titel Living Legacies (Lebendiges Erbe) Dem ersten Abend am 18.9., folgen neun weitere Termine.
Auftakt also mit George Balanchine: Divertimento Nr. 15 zur gleichnamigen Musik von W. A. Mozart. Ein luftig leichtes Ballet aus dem Repertoire. Uraufgeführt 1956 vom NYCB in Stratford, Connecticut; 1969 hat das Divertimento (italienisch für Unterhaltung, Vergnügen) das Wiener Ballettpublikum zum ersten Mal begeistert. George Balanchine zeigt in diesem meisterhaften Werk, wie klassisches Ballett (Spitzentanz) zu sein hat. Das Ballettensemble, seit der vergangene Saison wieder bestens trainiert und auf hohem Niveau, hat Balanchines Wunsch an diesem Abend wohl erfüllt. 
Wie die beiden anderen Choreografien des Abends – Within the Golden Hour von Christopher Wheeldon und Rhapsody von Frederick Ashton – ist auch Divertimento Nr. 15 als Teil der Frederick Ashton gewidmeten Saisonschlussgala im Juni 2026 bereits einstudiert und aufgeführt worden. Am Eröffnungsabend der Spielzeit 2026 /27 tanzte mit wenigen Veränderungen die Besetzung vom 29. Juni. Zwischen Eleganz und Symmetrie erlaubt sich Balanchine ein vergnügtes Augenzwinkern. Im 2. Satz, Thema mit Variationen, folgt der Choreograf Mozarts Vorschlag und verschenkt 5 Variationen an 5 Tänzerinnen. Mozart hat jedoch 6 Variationen komponiert, so findet sich mit unter dem Damenflor (diesmal: Natalya Butchko, Olga Esina, Rosa Pierro, Madison Young, Ioanna Avraam) ein Mann.
Am aktuellen Abend hat Davide Dato die 5. Variation getanzt. Wie aus mehreren Zitaten bekannt ist, bestand Balanchines Ballettwelt vor allem aus Frauen, die Männer waren bestenfalls Notwendigkeit. So beschäftigt er auch im Divertimento Nr. 15 neben dem Solisten der 5. Variation nur noch zwei Herren für das Thema: Benjamin Alexander, Masayu Kimoto.
Mit dem Mittelteil, Within in the golden Hour von Christopher Wheeldon, will Ballettdirektorin Alessandra eine Brücke vom klassischen Ballett über Frederick Ashton (1904–1988), den sie als „eine der prägendsten Figuren der Ballettgeschichte“ schätzt, schlagen. In Wien ist Frederick Ashton vor allem als Choreograf des heiteren Handlungsballetts vom schlecht erzogenen Mädchen La Fille male gardée bekannt. Doch schon 1985 hat Frederick AshtIon Wien beehrt: Für Hommage à Fanny Elßler hat er das Solo Die verwandelte Katze (getanzt von Dame Merle Park) kreiert. Dieses für Wien geschaffene Solo wurde danach auch beim Royal Ballet und dem Hamburg Ballett aufgeführt, zuletzt gabe es Einstudierungen in den USA und in Georgien. Im Repertoire ist außerdem ein weiteres Meisterwerk von Ashton, der emotional aufgeladene Einakter Marguerite and Armand (nach Alexandre Dumas: La Dame aux Camélias), das Ashton für Rudolf Nureyev und Margot Fonteyn geschaffen hat. Nach der Uraufführung 1963 im Royal Opera House London traten Fonteyn und Nurejew im September 1967 viermal in Ashtons Einakter, in dessen Zentrum drei emotionale Pas deux fesseln.
50 Jahre später hat Ballettdirektor Manuel Legris die kompakte Szenenfolge gemeinsam mit Kenneth McMillans Concerto und Eden Eden von Wayne McGregor als dreiteiligen Abend konzipiert. Liudmila Konovalova und Jakob Feyferlik haben abwechselnd mit Nina Poláková und Robert Gabdullin die Hauptpartien in 13 Vorstellungen bis Februar 2020 getanzt. Ashtons Spätwerk Rhapsody zur Musik von Sergej Rachmaninow wurde bei der Gala am 29. Juni zum ersten Mal gezeigt. Zur Saisoneröffnung war ein gut trainiertes Ensemble mit einem perfekten Solopaar auf den Füßen. Vor allem António Casalinho und Cassandra Trenary bescherten als Solopaar in Ashtons Rhapsody das immer erhoffte Glücksgefühl perfekten Tanz zu sehen.
Ashtons Choreografie folgt keinem Handlungsablauf doch das Bühnenbild und das Zusammen- (oder Gegeneinander-) spiel des Paares lassen mich an Friedrich Dürrenmatt denken: Grieche sucht Griechin heißt sein Mitte des vergangenen Jahrhunderts veröffentlichter überaus komischer Roman. Komisch ist Ashtons Ballett keineswegs, doch was das Paar antreibt und immer von Neuem auseinandertreibt, kann nur ein echtes Gefühl sein. Nennen wir es Neugierde oder vielleicht Zuneigung. Jedenfalls sind beide, Trenary und Casalinho, hinreißend. Die Rolle für den Solisten hat Ashton für den als Russe 1948 in Riga gebürtigen amerikanischen Ausnahmetänzer Mikhail Baryshnikov geschaffen, der sie als Gasttänzer mit dem Royal Ballet in London gezeigt hat. Baryshnikov war auch in Wien als Gasttänzer zu sehen. I1992 und 1993 wurde seine Choreografie der Solovariation in der Taverne (2. Akt) in 17 Aufführungen von Elena Tschernischovas Fassung von Don Quixote getanzt. Baryshnikovs Rolle in Rhapsody hat jetzt António Casalinho, Erster Solotänzer im Wiener Staatsballett, übernommen und die Bühne samt dem Zuschauerraum erobert. Er hält quasi Hof vor den Säulenarkaden, durchquert den Hof mit rasanten Sprüngen, Chainés und die spektakulären Revoltades. Ein Blick hinauf zu den Arkaden, wo die zauberhafte Griechin erscheint und seiner Kraft ihre Zartheit entgegensetzt. Trenary muss nicht springen, um ihre perfekte rasante Fußarbeit zu zeigen. Er springt, sie trippelt. Was für eine Choreografie! 
Christopher Wheeldon wird vom Publikum geliebt und von der Kritik gehätschelt. Geboren 1973 in England, studierte er zuerst an der Royal Balet School in London, danach, mit 19 Jahren übersiedelte er nach New York, um beim York City Ballet anzudocken. Mit 24 Jahren wurde er zum Solisten ernannt, da hatte er seiner Compagnie bereits seine erste Choreografie vermacht; mit 27 verließ er das NYCB, um sich gänzlich dem Choreografieren zu widmen. So wie Wheeldon britische Tradition und Eleganz mit amerikanischer Unterhaltung und dem Showbusiness vereint, so tanzt der den Spagat auch zwischen klassischem Ballett und Musicaltanz. Für seinen jüngsten Coup, die Choreografie für MJ the Musical hat er sowohl Tony als auch einen Olivier Award erhalten. 
Nach dem Einakter Fool’s Paradise (2015 /16) und dem abendfüllenden Shakespeare-Ballett The Winter’s Tale (2024 als Koproduktion mit dem American Ballet Theatre New York), ist das Wiener Wheeldon-Repertoire um den 2008 in San Francisco uraufgeführten Einakter Whitin the Golden Hour erweitert. Ein Schaustück ganz in Gold, inspiriert von Gustav Klimts Gemälden, und getragen von der minimalistischen Streichermusik des italienischen Komponisten Ezio Bosso (1971–2020). Drei unterschiedliche Pas de deux – Rosa Pierro mit David Dato,
Elena Bottaro mit Kentaro Mitsumori und als Höhepunkt: Madison Young mit Alessandro Frola – machen gemeinsam mit vier Entourage-Paaren die Musik sichtbar. Jasper Conrad hat goldschimmernde transparente Kostüme entworfen, die im gedämpften Licht von Peter Mumford die Tanzkörper perfekt modellieren und vollenden, was Musik und Choreografie begonnen haben: Mit einem Schauballett dem Publikum wohliges Vergnügen zu bereiten. Die klassischen Wurzeln hat der Choreograf golden übermalt und sich lieber den fließenden Streichermelodien des Komponisten angepasst. Christopher Wheeldon ist ein fleißiger Choreograf, hat für jede Gelegenheit ein Tänzchen im Kopf und für jede Position die passende Farbe auf der Palette. Der Erfolg des Golden Boy der Ballettwelt lässt Nörgler*innen verstummen und die Jubelrufe lauter schallen. Ein Intermezzo von 35 Minuten, hinreißend und großartig für die einen, ästhetisch, musikalisch, erquicklich für die anderen.
Living Legacies: George Balanchine: Divertimento Nr. 15, Christopher Wheeldon: Within the Golden Hour, Frederik Ashton: Rhapsody.
Musik von Wolfgang Amadeus Mozart, Ezio Bosso, Sergej Rachmaninow. Musikalische Leitung: David Coleman; Orchester der Wiener Staatsoper. Das Wiener Staatsballett
Fotos: © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor
Weitere Vorstellungen: www.wiener-ataatsoper.at