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spitzwegerich: Wasser ist nass oder Alles fließt

Das Herz des Speichers, von spitzwegerich dekoriert.

Es gluckst und tropft und gurgelt, flüstert, singt und murmelt im alten Wasserturm in Favoriten. Delfine schwimmen in der Luft, Wassermann und Nixen geistern über die Rampe, Neunaugen glotzen dich an und hinter dir her, während du die Spirale der Rampe hinaufkletterst. Mit Fluide III: Wasser: Hals um große Steine vollendet spitzwegerich die Trilogie des Liquiden. Die Premiere am 19. September gestaltete sich als spannendes, herausforderndes, vielleicht auch erkenntnisreiches Erlebnis.

Noch wird das Wasser nur im Turm bei der Performance abgeschnitten. Im Bild: Lisa FurtnerWie immer arbeitet das Team von spitzwegerich auf allen Ebenen und in sämtlichen künstlerischen Genres. Keine Sorge! Auch wenn das anderthalbstündige Abenteuer im Wasserturm durchaus als immersiv bezeichnet werden kann, wirst du nicht nass gespritzt. Für solch billige Tricks auf Performancebühnen, hat spitzwegerich Wörter und Gesang, Musik und Geräusche und die von innen nach außen und um dich herum. So wie es tatsächlich mehr als neun Augen sind, die dich anschauen, doch in Wahrheit sind es gar keine Augen, sondern die gierigen Mäuler der Neunaugen, die gar keine Fische sind, sondern Fossilien. Probe in der Station Neunaugen mitten im Turm.Dass das im Süßwasser lebende Wirbelwesen in D 2012 zum Fisch des Jahres erklärt worden ist, soll hier nicht zum Thema gemacht werden.
Nicholas Morrish hat die elektronische Wassermusik komponiert, die sprudelt und schäumt, donnert als Wasserfall hinunter und auch hinauf, gluckst friedlich als Bächlein im Laubwald. Anna Hauf singt, singt wunderschön über den Wassern, nixenhaft zart, wassermannartig dröhnend.

Des Menschen Seele / Gleicht dem Wasser /
Vom Himmel kommt es / Zum Himmel steigt es /
Und wieder nieder / Zur Erde muß es / Ewigwechselnd.

Pardon, das sind Goethes Zeilen, aus dem Gedicht Gesang der Geister über den Wassern, du jedoch hörst die Poesie von Gundi Feyrer.
Das Meeresgetier wird aufgebalsen, damit es das Fliegen lernen kann.Lisa Furtner und Simon Dietersdorfer, der als Astronaut das Wasser auch auf anderen Planeten sucht, bringen die perlende, schäumende Textflut zu Gehör. Wie das Wasser ständig fließt und, siehe Goethe, sich ewigwechselnd in den Schwanz beißt, dreht sich auch Feyrers Textsee im Kreis, wird eingesaugt und ausgespien. Ach! 
Das war ein Seufzer, ein romantisch gehauchtes „Ach! Wasser innen (zu mehr 50 %  Bestandteil deines Körpers) und außen (71 % der Erdoberfläche bestehen aus Wasser) romantisiert dich.  Ganz oben am Ende der Rampe angekommen, packt dich der Schwindel. Du siehst hinunter in das eigentliche Reservoir, das schon 11 Jahre nach der Fertigstellung 1899 nur noch selten gefüllt worden ist, weil die 2. Wiener Hochquellwasserleitung ab 1910 gute Dienste tat (und noch tut, noch!). Hurra, der Delfin fliegt in den Lüften.15 m ist der eigentliche Behälter, ein Zylinder mit gewölbtem Boden hoch / tief, und dort unten inmitten von eingetrocknetem Tentakelgewirr hockt Emmy Steiner, eine Tänzerin, eine Akrobatin, frei von Schwindel und Höhenangst, spricht sie nicht, singt sie nicht, ist die Wasserfee, vielleicht die wichtigste Figur im Spiel im Turm. Die eiserne Leiter ist ausgeklappt, die Wasserfee darf hinaufklettern, ihr Gefängnis verlassen, das Maul des Neunauges glotzt alleine aus dem Abgrund.  Die Delfine üben Fliegen, der grüne Drache kriecht aus seiner Höhle, der  Mezzosopran erhebt sich, die Nixe singt wieder über den Wassern.  Wie lange werden wir noch davon trinken? Uns damit waschen und darin schwimmen?
Wasser ist auch zum Gurgeln da, wenn man es kann, mit einer Melodie, das Donauweibchen singt mit.Zum Abschluss darfst du die Sorgen wegspülen und ein wenig schmunzeln. spitzwegerich gurgelt den Donauwalzer, vollführt den rituellen Wassertanz. Du weißt, dass du in den Oberschenkeln und Waden die vom Auf- und Absteigen die überanstrengten Muskeln, Sehnen und Faszien spüren wirst. An den Strudle und die Sogkraft der so mühevoll und genau geplanten Inszenierung wirst du dich noch lange erinnern und über die fluide, sogar ephemere Kostbarkeit nachdenken.

spitzwegerich: Fluide III, Wasser - Hals um große Steine, Uraufführung: 19.9.2026, Wasserturm Favoriten, Weitere Termine:
Idee und Konzept. spitzwegerich;
Komposition: Nicholas Morrish; Text: Gundi Feyrer
Von: Flora Besenbäck, Melina Cerha-Marcher, Simon Dietersdorfer, Fabricio Ferrari, Gundi Feyrer, Lisa Furtner, Sabrina Hager, Anna Hauf, Felix Huber, Birgit Kellner, Martina Rösler, Christian Schlechter, Martin Siemann, Emmy Steiner, Jeanne Werner, Rebekah Wild;
Mit: Simon Dietersdorfer, Fabricio Ferrari, Lisa Furtner, Anna Hauf, Nicholas Morrish, Emmy Steiner, Rebekah Wild
Fotos: Michael Gizicki
Weitere Termine und Tickers: spitzwegeriche.at
Al Vor- / Nachgeschmack ein Video.