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Manon: Letztes Aufgebot mit Paardebuts.

Wie eine Stoffpuppe schubsen die Männer Manon herum.

Laura Fernandez Gromova und Kentaro MItsumori. Ein Liebespaar; Chiara Uderzo Giorgio Fourés ein anderes Liebespaar. In der 75. Vorstellung des Balletts Manon, der 6. in der aktuellen Serie am 20. Juni, hätte das durchreisende Publikum neben den beiden Paaren auch andere Rollendebüts beobachten. Doch, wer zählt die Sterne, nennt die Namen, wenn es nur um den Selfie-Beweis des Dagewesenseins geht! Siebenmal wurde Kenneth MacMillans Handlungsballett vom Wiener Staatsballett gezeigt, in fünf davon mühten sich hervorragende Tänzer*innen als Debütanten in ihren Rollen. 

Manon und Des Grieux: arm, aber glückich. (Laura Fernandez Gromova, Kentaro Mitsumori )Dieser Wechselstrom der Besetzung gleich einem Staffellauf, der die Tänzerinnen und Tänzer als Gebrauchsware benutzt. Es gibt nur ganz wenige, die genügend Proben auf der für sie nahezu neuen Bühne und genügend Zeit haben, um ihre Rolle auszuarbeiten. Selbst Laura Fernandez Gromova und Kentaro Mitsumori, der übrigens Des Grieux schon im Royal Swedish Ballet, wo er von 2017 bis 2025 engagiert war, getanzt hat, war mehr mit dem exakten Setzen seiner Schritte und dem Finden der richtigen Position auf der Bühne beschäftigt, als mit einem zärtlichen Blick auf die laut Libretto heiß geliebte flatterhafte Manon. Auch Fernandez Gromova zeigt keine Gefühle, will eine klassische Ballerina sein, braucht den Partner nur als Hebekran. Kentaro Mitsumori läßt Laura Fernandez Gromova schweben.So wird die Vorstellung lang und länger und ich werde immer wütende auf Manon, die ich stumm als „dumme Nuss“ beschimpfte, weil sie Absichten ihres Bruders nicht durchschaut und später mit den Worten meiner Urgroßmutter „innerlich total verdorben“ nenne. Dass sie – Achtung, ich spreche immer von der Figur der Manon Lescaut – sich nicht wehrt, wenn sie Monsieur G. M. und ihr Bruder herumwerfen wie eine Puppe, führt beim Zuschauen zu gefährlichen Extrasystolen.
Sei’s drum, dafür sind weder die Tänzer*innen noch die Ballettmeister*innen verantwortlich. Es liegt am Libretto, das einem mehrmaligen und auch zwiespältigen Genuss nicht standhält. Giorgio Fourés gefällt als Lescaut.Wenn Fernandez Gromova nur eine technisch perfekt tanzende Puppe ist, die auch als Sterbende noch mehr auf ihre Frisur achtet als auf das traurige Gesicht ihres Partners, der ihretwegen zu Mörder geworden ist, dann bleibt die Aufführung an der Oberfläche, die Spiegelneuronen schalten ab, das Herz überzieht sich mit einer Hornhaut und die Augen fallen mir zu. Wirklich traurig und eigentlich nicht zu tolerieren, ist das Rollendebüt des Aufsehers im 3. Akt. Der an sich verlässliche Corpstänzer Andrés Garcia Torres, dem seit vielen Jahren auch kleine Solorollen anvertraut worden sind, war total neben der Spur. Kein Rollendebut für Géraud Wielick. Springlebendig darf er den Bettlerkönig viermal tanzen..Offensichtlich hat ihm niemand gesagt, wer er eigentlich ist, und dass er der gerade angekommenen Manon verfällt und sie grausam missbraucht. Gelobt sei Dirigent Ermanno Florio, der das unbedarfte Publikum nicht merken ließ, dass der Tänzer seinen Auftritt massiv gekürzt hat. In er ersten Vorstellung der Wiederaufnahme von Manon hat Eno Peçi den Aufseher verkörpert. Der Solotänzer zeigt selbst wenn er geht, dass er ein von seinem Job angeekelter Macho, Sklave seiner Graumsamkeit und Begierden istChiara Uderzo tanzt eine sympathische, gefühlvolle Geliebte von Lescaut..
Schluss! Von diesem Abend ist auch mit Erfreuliches zu berichten. Géraud Wielick zeigt Energie und Sprungkraft als Bettlerkönig, einer Rolle mit der er sich angefreundet hat. Er hat sie viermal getanzt.  Giorgio Fourés und Chiara Uderzo haben mit ihrem Debüt als Lescaut und seine Geliebte ein feines Paar abgegeben. Fourés, seit der Saison 2022/23 Mitglied des Wiener Staatsballetts, ist zu Beginn der Spielzeit zum Solotänzer avanciert und das zurecht. Sein Lescaut ist eher ein Kleinganove, verschmitzt und schlau und ziemlich überrascht als er mit einem Schlag das Wohlwollen der gar nicht so Schönen, doch Reichen verliert und sterben muss. Davor allerdings darf er springen und torkeln und seine Geliebte kosen, Kentaro Mitsumori: Das Debut als Degrieux bleibt eine einsame erste Vorstellung. Eine Rollengestaltung ist nicht vorgesehen.und er tut dies mit energischen Sprüngen und ohne der Verführung zu erliegen, aus seiner Trunkenheit eine Slapstick-Nummer zu machen und sämtliche Betrunkenen-Klischees abzuspulen. In seinem Taumeln und Umfallen erweckt Lescaut / Fourés eher Mitleid. Das lässt auch Chiara Uderzo, eine offenbar bisher unterschätzte Corps-Tänzerin, spüren. Sie ist eine lebendige, mitfühlende Geliebte (ohne Namen), die es sich nicht nehmen lässt das Leben zu genießen, auch wenn der Freund ein Hallodri ist. Uderzo und Fourés verdienen den großen Applaus, den das Publikum gewohnheitsmäßig dem Hauptpaar spendet. Auch Chiara Uderzo und Giorgio Fourés dürfen ihre Rolle nicht durch Folgeauftritte verfeinern. In der kommenden Saison heißt der die erwünschte 100-prozentige Auslastung garantierende Klassiker Schwanensee.


Manon, Ballett in drei Akten, Choreografie & Inszenierung: Kenneth MacMillan, Musik: Jules Massenet, orchestriert und arrangiert von Martin Yates. Musikalische Leitung: Ermanno Florio.
Rollendebüts: Laura Fernandez Gromova (Manon), Kentaro Mitsumori (Des Grieux), Giorgio Fourés (Lescaut), Chiara Uderzo (Lescauts Geliebte), Andrés Garcia Torres (Der Aufseher) und Halbsolist Václav Lamparter im Trio der Jungen Herren.
 Orchester der Wiener Staatsoper, Wiener Staatsballett, Staatsoper, 20. Juni 2026
Fotos: Wiener Staatsballett / Ashley Taylor.