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Pale Blue: Was die Welt im Innersten zusammenhält

In seiner Choreografie White Red hat sich Nikolaus Adler, angeregt von einem Song von Laurie Anderson, mit dem Menschen beschäftigt, gefragt, was er ist, wie er wird und geworden ist. In der aktuellen Präsentation, Pale Blue, steht die Außenansicht im Mittelpunkt. Mit 100 Exponaten, konkret und abstrakt, zeigen drei Tänzerinnen und zwei Tänzer in einer choreografischen Ausstellung die Welt, die sie umgibt. Pale Blue. Ein Blick auf die Welt in 100 imaginierten Artefakten hat am 27.6. im Wuk Premiere gehabt.
Auch was uns Menschen umgibt, womit wir uns beschäftigen, woran wir uns erinnern, was wir mögen und möglicherweise sogar sammeln, sagt etwas über uns aus. Lea Karnutsch, Eva-Maria Schaller, Giorgia Scisciola, Vito Vidovič Bintchende, Xianghui Zeng haben für den Choreografen Nikolaus Adler gesammelt, was die Welt ausmacht und ihnen mehr oder weniger zufällig begegnet ist. Nicht nur konkrete Objekte, auch Abstraktes, Empfindungen, Erinnerungen oder Kindheit und Stille finden sich unter den 100 Objekten, die in einer getanzten Ausstellung gezeigt werden. Und wie in einer Ausstellung soll diese Performance auch betrachtet werden, jede / jeder im Publikum hat eine andere Perspektive, sieht seine eigenen aus den Bewegungen entstehenden Bilder. 
Adler gibt schon unterschiedliche Perspektiven vor, indem er die Sitzreihen im rechten Winkel aufstellt. Nicht alle können das Gleiche sehen. Die Bühne, ein strahlender White Cube, hat nur eine Rückwand mit zwei Türen, eine ist immer offen, und eine Seitenwand, der ein Teil des Publikums gegenüber sitzt. Was hinter der Tür im großen Saal passiert, ob überhaupt etwas passiert, sieht der eine Flügel der ums Eck aufgestellten Sitzreihen, erst wenn gegen Ende die Türen ausgehängt werden, die Wände fallen und die sich die Ausstellungshalle durch eine dunkle Hälfte verdoppelt.
100 Exponate, als Solo, Duo, Trio oder vom gesamten Quintett präsentiert und vom Choreografen zusammengesetzt und ineinander verwoben worden ist. Entstanden ist ein abwechslungsreiches Ballett voll präziser oft heftig und energischer, dann wieder sanft und nahezu lieblich fließender, mitunter auch humorvoll und athletisch sich zeigender Bewegungen.
Die 100 Bilder dieser Ausstellung, die von den Tänzerinnen und Tänzern gesammelt worden sind und in der ephemeren Ausstellung gezeigt werden, rufen in den Köpfen der Zuschauerinnen wieder neue Bilder hervor. Unverhofft sehe ich die Singer Nähmaschine meiner Großmutter, die mit den Füßen angetrieben worden ist.
Die raren Stahlnadeln wurden sorgsamer aufbewahrt als der längst gegen Milch und Brot getauschte Goldschmuck. Doch schon fliegt mir ein bunter Drache entgegen und zwei kleine Mädchen spielen Tellerreiben; ich sehe Spione und müde Männer, es wird gekocht und gegessen und auch gelacht und gesungen, mit Gebärdenvokabel gesprochen und mit den Fingern gezählt.
Es sind tatsächlich 100 Teile, die in der Ausstellung getanzt werden. Doch ich muss gar nicht alle erkennen oder begreifen, bald gebe ich mich der Ästhetik der Bewegungen der fünf großartigen Mitwirkenden, die ihre Sammlung anmutig und energiegeladen präsentieren, hin.
Wesentlichen Anteil an der harmonischen Wirkung von Pale Blue hat nicht nur das Bühnenbild von Sophie Eidenberger, die auch für schrägen, doch nicht knalligen Kostüme verantwortlich ist, sondern auch das Licht und der Sound, der als Teppich über der gesamten Vorführung liegt und immer wieder durch Musik, von Claudio Monteverdi bis Gavin Bryars, der mich im Finale mit der Komposition The Sinking of the Titanic wohlig umhüllt, obwohl mein Körper signalisiert: Etwas zu lang, zu lang. 
Doch dann blitzen 100 Sterne am Himmel und ich bin getröstet. Adler ist ja ein Filmfan und kann die 100 blitzenden Sterne und auch die Zahl 100 in der getanzten Ausstellungschoreografie mit einem Zitat aus Pieter Greenaways Film Drowning by Numbers / Malen nach Zahlen (1988 einfallslos synchronisiert mit Verschwörung der Frauen) In der Anfangsszene zählt ein Mädchen die Sterne am Himmel und hört bei hundert auf. Auf die Frage warum antwortet sie: „Hundert reicht. Wenn man einmal bis hundert gezählt hat, sind alle weiteren Hundert gleich.“ Vielleicht, was die Sterne betrifft, doch nicht den Tanz in Pale Blue.
Nikolaus Adler: PALE BLUE
Ein Blick auf die Welt in 100 imaginierten Artefakten, Premiere: 27.6. 2026.
Folgevorstellungen: 28., 29., 30.6. 2026, Wuk
Tanz und Choreografie: Lea Karnutsch, Eva Maria Schaller, Giorgia Scisciola, Vito Vidovič Bintchende, Xianghui Zeng
Szenografie und Kostüme: Sophie Eidenberger; Lichtdesign: Joe Albrecht, Dramaturgie. Stefanie Alexandra Prenn,
Produktion und choreografische Mitarbeit: Fabian Tobias Huster
Fotos: Thomas Salomonski.