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Impulstanz: Boglárka Börcsök_Dada-revisited-Show

Boglárka Börcsök erinnert an die deutsche Dadaistin Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven

Mit ihrer jüngsten Arbeit subjoyride, einer poetischen Auseinandersetzung mit der deutschen Dadaistin Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, deren Uraufführung im September 2025 im Rahmen der 13. Berlin Biennale in den dortigen Sophiensælen stattfand, gaben Boglárka Börcsök und Andreas Bolm auf Einladung des ImPulsTanz-Festivals drei begeistert aufgenommene Vorstellungen im Schauspielhaus Wien.

Börcsöks Arbeitsweise ist durch eine ganz eigene Praxis des Zuhörens und Beobachtens charakterisiert,Die Biografie der 1874 im damals preußischen Swinemünde (heute: Polen) geborenen Elsa Plötz ist so einzigartig wie (frauen)typisch: Aus einer wohlhabenden Familie stammend, heiratete die früh schon als exzentrisch geltende, den Noten nach „schlechte“ Schülerin einer „Höheren Töchterschule“, die Gedichte schrieb und einen Hang zu „obszönem Humor“ an den Tag legte, dreimal: den Architekten August Endell, den Übersetzer Felix Paul Greve, mit dem sie kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende nach New York ging, und 1913 den baltischen Adligen Leopold Karl Friedrich Baron von Freytag-Loringhoven. Dessen Namen behielt Elsa auch, nachdem sich ihr Mann im Jahr darauf freiwillig für den Kriegsdienst in Europa gemeldet hatte, aus dem er nicht mehr zurückkehrte. 
Die Künstlerin, die sofort nach ihrer Ankunft in New York mit ihren öffentlichen Outfits für Aufsehen sorgte – „Sie trug Männeranzug!“, titelte die New York Times 1910, noch dazu mit Zigarette – wurde eine der schillerndsten Dadaistinnen ihrer Zeit. Das ist die eine Seite ihrer Lebensgeschichte. Die andere: Baroness von Freytag-Loringhoven verschwand bald nach ihrem Tod 1927 aus den Annalen der Kunstavantgarde. Es war nur zu „gewöhnlich“, dass Pionierinnen welcher Kunstform auch immer weitgehend in den Schatten ihrer männlichen Zeitgenossen und Kollegen gerückt wurden; das änderte sich auch nicht mit der Geburt der Performancekunst. Boglárka Börcsök tritt als Elsa von Freytag-Loringhoven auf.Ob Elsa oder „M’ars“ („my arse“) – Marcel Duchamp –, den sie bewunderte und mit Gedichten ehrte, während er stets distanziert blieb (und sie, vermutlich, in einem Brief als „freundliche Frau unter männlichem Pseudonym“ bezeichnete), als Erfinderin des bahnbrechenden Urinal-Readymades gelten darf, wird bis heute diskutiert; der Film Elsa, Baroness von Freytag-Loringhoven, shaving her pubic hair (um 1921) wird jedenfalls Duchamp und Man Ray zugeschrieben.
Sprechendes Schamhaar. In ihrer neuen Soloarbeit subjoyride widmet sich die ungarische Tänzerin und Performerin Boglárka Börcsök kongenial der vor bald 100 Jahren an den Folgen einer Gasvergiftung in ihrer trostlosen Pariser Absteige 1927 verstorbenen Radikal-Künstlerin. Börcsök hät sich an die Biografie der von ihr belebten Dadaistin.2018 war Börcsök in der Performance The Valeska Gert Museum (mit Eszter Salamon) zum ersten Mal Gast des ImPulsTanz-Festivals. 2022 kehrte sie mit Figuring Age im Rahmen der [8:tension] Young Choreographers’ Series hierher zurück, eine Arbeit, in der sich die in Berlin lebende Künstlerin drei ungarische Tanzpionierinnen des 20. Jahrhunderts widmete.
Vorangegangen war dem Solo der 2017 erschienene Dokumentarfilm The Art of Movement, ein Porträt der drei damals über 90-jährigen Tänzerinnen Irén Preisich, Éva E. Kovács und Ágnes Roboz, den Börcsök gemeinsam mit dem Filmemacher und Musiker Andreas Bolm realisiert hatte. Die Performerin als Sängerin, auch mit eigenen Liedern.
Boglárka Börcsök, die an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz und bei P.A.R.T.S. Brüssel studierte und 2023 mit dem ungarischen Rudolf-Lábán-Sonderpreis ausgezeichnet wurde, verbindet in ihren Stücken stets historische Recherchen mit persönlichen Begegnungen. Ob es die Performerinnen von Figuring Age waren oder nun eben die lange vergessene Dada-Ikone Elsa von Freytag-Loringhoven: Börcsöks Arbeitsweise ist durch eine ganz eigene Praxis des Zuhörens und Beobachtens charakterisiert, aus der ihre komplexen, immer überraschenden Projekte entstehen.Wer sich folglich in subjoyride – der Titel eines Gedichts Elsa von Freytag-Loringhovens über eine Spritztour durch den New Yorker Untergrund – ein sich stringent am Leben der Dadaistin entlang bewegendes performatives „Biopic“ erwartet, muss sich nach dem Besuch des erneut gemeinsam mit Bolm entwickelten Solos erst einmal selbst an die Recherche machen.
Humoristisch bis belehrend. So tritt Börcsök in den ersten Minuten des Stücks als Zirkusdirektorin auf, schnuppert an sich, ihrem glitzernd behängten roten Kostümzweiteiler sowie eigenen Körperteilen, dann an den Köpfen und Schuhen unterschiedlicher Personen im Publikum. Sie bittet um Geld, um zugleich voll Verachtung für den „Geldadel“ auf diesen zu spucken. Damit greift sie eine der vielen Facetten aus der so außergewöhnlich wie tragischen Biografie ihrer Protagonistin auf, Elsa – die reiche Erbin aus Pommern, die völlig verarmt durch New York, zuletzt durch Paris streunend von den Zuwendungen ihrer Freunde lebte.Bogllárka  Börcsök verbindet ihre Porträts von Künstlerinnen immer mit einer guten portion Humor.Von hier aus wandelt sich Börcsök abrupt zu Kaiser Wilhelm II., ohne dafür Kostüm oder clowneske Gestik wechseln zu müssen. Auf einem treppenartig erhöhten Podium stopft sie sich in cäsarischer Pose unterschiedliche Obstsorten in den Körper, hebt und senkt ihren Bauch drastisch gestikulierend, als wären dessen Blähungen eine skatologische Tanzeinlage. Und verabschiedet sich bald schon vom royal pupsenden Zeitgenossen Elsas (15 Jahre älter als diese, überlebte der 1918 abgedankte letzte deutsche Kaiser sie um 14 Jahre) wie Bekleidung, um in einen burlesken Muskeltanz überzugehen, bei dem sich After und Venushügel comicblasengleich als humoristische Rezitatoren erweisen.
Von hier setzt Börcsök dann doch mit einer expliziteren biografischen Sequenz an: In einer kleinen Bühne auf der Bühne, einer Art bunt tapeziertem Ausstellungsboudoir, präsentiert sie eine Replik von Duchamps mit 1917 datiertem und mit „R. Mutt“ signiertem Fountain und lässt sich dabei mit bitterer Ironie über Fragen von Original und Originalität, Kopie, Erfinderinnentum und (männliche) Ignoranz aus. Boglárka Börcsök ohne Schminke und Kostüm, einfach sie selbst. Photo: Andreas Bolm
Ehe sich die Performerin mit drei eigenen Liedern verabschiedet, die uns eine wieder andere, sehr heutige, rockige Börcsök entdecken lassen, lässt sie Elsa noch wirkungsvoll, wenn auch kaum sichtbar – eine Ahnung von Schamhaar scheint mir aus einiger Entfernung auch hier aufzuleuchten – auf einem Tisch sterben. Einsam die eine, die man zu gerne als „exzentrische Nebenfigur“ der männlichen Kunstavantgarde des jungen 20. Jahrhunderts abtut, nicht minder schillernd die andere. Hier verschwimmen zwei Künstler:innen, deren Eigenwilligkeiten faszinieren und gerne auch irritieren.
Börcsöks feministisch-kulturkritische Dada-revisited-Show funktioniert dank der starken Präsenz der Performerin. So bewusst unabgeschlossen, überschäumend, instringent und lustvoll ironisch ihre Hommage ist: Vieles wirkt einen Hauch zu gezwungen komisch bis didaktisch, ja belehrend. Es ist Börcsöks mitreißender Energie zu verdanken, dass die Performance trotz manch platter Anspielung und überdeutlicher Ausformulierung bis zuletzt überzeugt.

Boglárka Börcsök & Andreas Bolm: subjoyride, ImPulsTanz im Schauspielhaus Wien, 21.–23.7.2026
Konzept, Dramaturgie, Musik, Szenografie: Boglárka Börcsök & Andreas Bolm
Performance: Boglárka Börcsök; Gitarre: Andreas Bolm; Licht: Catalina Fernández; Kostüm: SADAK;
Text: Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, Boglárka Börcsök & Andreas Bolm
Fotos. Mayra Wallraff