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ImPulsTanz: Lieder der Trauer, Gesten des Schmerzes

Samir Kenndy singt LIeder der Trauer.

Mit seinem 2023 am 3 bis f – Centre d’arts contemporains in Aix-en-Provence uraufgeführten Solo The Aching ist der britisch-algerische Sänger, Choreograf und Tänzer Samir Kennedy 2026 erstmals bei ImPulsTanz zu Gast. Im Rahmen von [8:tension] war The Aching im Keller des Wiener mumok zu sehen.Im vierten Untergeschoß des mumok, einem kahlen Kellerraum, präsentiert Kennedy knapp 50 Minuten lang eine Reise durch die Trauer, die er selbst als Lieder-Zyklus und gestisches Experiment bezeichnet. 

Sitzend beginnt Samir Kennedy die trauer um den verstobenen Bruder.Die Unendlichkeit der Trauer könnte mit jener des Alls verglichen werden. Täglich entdecken wir neue Variationen seelischen Schmerzes, die Planeten, Sternen, Kometen, hie und da auch Sternschuppen gleichen – und manchmal wie ein Meteorit einschlagen. Keine Trauer gleicht der anderen. Kategorisierungen sind hilfreich. Nie aber Schutz, geschweige denn Prävention.
Samir Kennedy weiß, wovon er erzählt. Ohne das kleine Heft, das am Ende seiner Performance The Aching verteilt wird, wüsste man es nicht – kann es jedoch erahnen: Es geht um den Tod als ultimatives Erlebnis von Verlust. In diesem Fall um den Tod eines Bruders. Selbstgewählt und, so lässt es der Begleittext vermuten, unerwartet. Tausende Kilometer entfernt. Und doch hautnah. Ein Brennen, das Kennedy in The Aching in einen choreografischen Schmerzensgesang gießt.
Dunkle Tiefe. Im vierten Untergeschoß des mumok, einem kahlen Kellerraum, präsentiert Kennedy knapp 50 Minuten lang eine Reise durch die Trauer, die er selbst als Lieder-Zyklus und gestisches Experiment bezeichnet. Die teils langen, dann wieder fragmentierten traditionellen Trauer-Folk-Songs, entlang derer sich Kennedys Solochoreografie meist eher als somatische Begleiterscheinung denn Impulsgeber entwickelt, sind streng getaktet: Jedes Lied wird mit einem Sound-Impuls eingeführt. Smmir Kennedy: Jedes Lied wird mit einem Sound-Impuls eingeführt.
Zu Beginn sitzt Kennedy auf einem schwarz bezogenen Metallstuhl. Büroalltag in kahlem Zimmer? Wohl nicht: ein Blick entlang der Zuschauer:innen-Reihen. Dann steigt Kennedy die seitliche Treppe hinauf, den Blick weiterhin in die Sitzreihen gerichtet. Sieht uns an oder durch uns hindurch? Er nimmt die Hand einer Person, hält sie fest und sieht über das Publikum hinweg. Blickt in dieselbe Richtung wie dieses. Nur dass eben nichts zu sehen ist. Leere in einem Raum, der Emotionen zu verbieten scheint.
Kennedy richtet im Zuge seiner Performance noch mehrmals den Blick auf uns, die wir ihm bei seiner Trauerarbeit zusehen. Allein dieser Augenkontakt ist schon choreografische Geste und markiert damit Kennedys temporalen Ansatz für seine 2023 uraufgeführte Arbeit: Es braucht Zeit, um hinter dem scheinbaren Mangel an performativem Material jene Qualität von The Aching zu entdecken, die seine größte Stärke ist – Zeit, um der Erfahrung von Schmerz den notwendigen Raum zu schenken. 
s braucht Es brauchtZeit, um hinter dem scheinbaren Mangel an performativem Material die Qualität von The Aching zu entdecken.Umso markanter wirken demgegenüber Sequenzen, in denen der Tänzer erneut eine Person aus dem Publikum einlädt, sich neben ihn zu setzen – ein Trauergast – oder seine Arme bis zur Schmerzgrenze dehnt und streckt, die Finger einer Hand abzuziehen scheint, als wären es nicht mehr seine, bis sie einem Strahlenkranz ähneln, über dessen evozierten Lichterschein er erneut hinauszublicken scheint. Vielleicht dahin, wo sich der für immer Verlorene – Samir nennt ihn im Begleitheft „bastard brother“ – vermuten lässt.
The Aching überzeugt in der Reduktion auf gesungenes Wort und den Körper als karge Landschaft, durch die man sich nur schwerfällig zu bewegen vermag, nicht durchgehend. Das liegt in eben jener konzeptuellen Entscheidung Kennedys, weitgehend auf dramaturgische Brüche zu verzichten. So verliert sich die Konzentration auf die gestischen Trauerminiaturen zu schnell, während die musikalische Ebene überhandnimmt. „The Aching“ überzeugt in der Reduktion.
Im (fast) finalen Abgang verschwindet der Performer schließlich ganz aus den Blicken der Zuseher:innen, ehe er in einem im ersten Teil des Stücks auf dem Boden bereits zitierten zartrosa Mädchenkleid, immer noch singend, für einen (nun wirklich finalen) Abgang wiederkehrt.
Die Texte zerfließen im Tremolo. Kennedy ist ein wunderbarer Interpret der versammelten Lieder, die inhaltlich von einem Gespräch mit dem Tod, den Beobachtungen dreier Raben oder der Anrufung verstorbener Menschen bis hin zu einer Wanderung an das Ende der Welt erzählen.
Kennedy ist ein wunderbarer Interpret der  Lieder von Schmerz und Tod.So sprachlich und thematisch klar Kennedy, durchwegs a cappella, jeden dieser Folk-Songs und damit immer wieder neue Geschichten über Trauer vorstellt, so tremolierend leise wird seine Stimme jedes Mal und verliert dabei an textlicher Genauigkeit, ehe sie sich in einem verblassenden Vibrato auflöst. Das ist schade, zumal die Stärke von The Aching gerade auf dem Zusammenspiel von Text, Stimme und Körper aufbaut.
Wenn Samir Kennedy an einer Stelle in einer Ecke kauernd singt, in das eigene Fleisch eines Armes beißt oder einen Arm so weit überdehnt, dass man das Gefühl hat, dass dieser jede Sekunde bersten muss, erreicht The Aching eine Präzision synästhetischen Zusammenspiels, von der man sich schlichtweg mehr gewünscht hätte. Kennedy mit Trauergast. Die Stärke von „The Aching“ baut auf dem Zusammenspiel von Text, Stimme und Körper auf.
Skelettierte Einsamkeit. Den nach dem Ende der Performance gezeigten Kurzfilm Reunion, entwickelte Kennedy gemeinsam mit dem Künstler James St Findlay im Centre choréographique national de Montpellier. Parallel zu The Aching und als dessen ebenso berührende inhaltliche Ergänzung.
In den Räumen des ehemaligen Ursulinen-Konvents erhält Kennedy unter anderem per Postzusendung ein Lehrskelett, dessen Bewegungen er in den eigenen Körper überträgt. Der dabei entstehende Dialog zwischen dem, was bleibt, und dem, was verschwunden ist, reduziert auf die Gemeinsamkeit des Gestischen zwischen Tod und Leben, eröffnet im Nachklang zur Performance berührende Momente, die im perpetuierten Tremolo von The Aching ebenso überzeugend gewesen wären.

Samir Kennedy/Defectum: The Aching,  19., 21.7.2026, ImPulsTanz – [8:tension]  im mumok.
Konzept, Performance und Sound: Samir Kennedy.;
Fotos:Sam Coudrais