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ImPulsTanz: Nackt mit Hund in der Küche

Immer von neuem zeigt die Choreografin, Tänzerin Akrobatin, Silke Grabinger, das Intelligenz in der darstellenden Kunst nicht stört und das Rudern im schlammigen Fluss des Trends keine Voraussetzung für Erfolg ist. In ihrer neuen Performance AREYOUARE beschäftigt steht die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine im Vordergrund. Der bereits bekannte gelbe cananoide Roboter, Spot, tanzt wieder mit. Der ImPulsTanz-Premiere von AREYOUARE ist am 18. 7. im Wuk applaudiert worden.
Spot, der geschickte quadrupedal Robot, ist nicht allein, eine Küchenmaschine und drei dynamische Saugroboter tanzen mit. Spot ist auf seinen vier Beinen überaus gelenkig, hat ein grünes Auge und eine durch deinen Ventilator bewegliche und weich erscheinende Schnauze. Mein Gehirn blendet aus, dass Spot eine Maschine ist, seine Aktionen programmiert sind, das Ding, weder Gefühle hat, noch eigene Entscheidungen treffen kann. Wenn Spot den Saugroboter, eine flache, weiße Scheibe, in Gang setzt, möchte ich das clevere Hündchen laut loben und nach dem Hundekeks suchen. 
Die nackte Frau, die in der Küche etwas unkoordiniert hantiert, ist nicht die Tänzerin Silke Grabinger. Ihr leerer Blick, ihre sinnentleerte Mimik, die eckigen Bewegungen signalisieren, dass die schlanke Blonde, die sich die schwarze Schürze umbindet, ebenfalls eine Maschine ist. Dennoch muss ich ihr einen Namen geben. Ich nenne sie Silk. Sie tut, wozu sie programmiert ist, dreht sich zum Publikum und wieder zu den Tellern, Schüsseln und Kochlöffeln und wirft den von ihrer Partnerin, der Rührmaschine, produzierten Teig achtlos aus dem Fenster. Auch wenn diese hübsche Androidin eine Schnute ziehen kann, essen ist nicht vorgesehen.
Angelehnt ist dieser erste Teil der Performance – nackte Frau mit Schürze am Herd – an die 1975 gezeigte Videoperformance Semiotics of the kitchen / Semiotik der Küche der amerikanischen Künstlerin Martha Rosler. Mit dem kurzen Video hat sie recht klar die Frauenrolle in der Gesellschaft kritisiert. In den vergangenen 50 Jahre hat sich an diesem Klischee der drei Ks für die Rolle der Frau – Küche, Kinder, Kirche – nicht geändert. Auch nicht daran, dass alte Männer in kurzen Hosen die vordersten Reihen besetzen, wenn eine Performance mit dem Begriff „nackt“ beworben wird.Auf ihre Rechnung kommen diese Mannsbilder möglicherweise, wenn sich die KI Silk in die Tänzerin Silke Grabinger, eine MI, verwandelt.
Wenn Silk / Silke G. wie einst Carolee Schneemann (1939–2019) in ein schwarzes Baumchirurgengeschirr schlüpft, den Körper an einem Seil befestigt und zum Schwingen und Drehen bringt, ist der erotische Blick intendiert. Der Körper ist in dem schwarzen Spinnennetz des Geschirrs gefangen, die Finger halten einen Stift und durch die Bewegungen des Seils entsteht eine Art automatisches Zeichnen. Mit der Mitte der 1970er Jahre entstandenen Performance Up to and Inclusive Her Limits / Über ihre und bis einschließlich ihrer Grenzen kritisiert Schneemann die männliche Dominanz in der bildenden Kunst.
Der nackte Körper war für Schneemann künstlerisches, politisches und feministisches Instrument. Sie wollte die Kontrolle über den weiblichen Körper von der männlich dominierten Perspektive, wie sie in der bildenden Kunst seit Jahrhunderten üblich ist, zurückzugewinnen, weibliche Sinnlichkeit und Erotik selbstbestimmt darstellen auch den Blick auf den weiblichen Körper selbst steuern. 
Die Einlagen im schwarzen Stringkostüm, das mehr zeigt als es verbirgt, ist bald zu Ende, Silk steht wieder in der Küche, verwendet Schüsseln und Schöpfer zweckentfremdet; das Publikum darf sich amüsieren.
Die Themen, die Schneemann und Rosler in Videos, Installationen und Performances ansprechen, sind auch heute noch aktuell. Grabinger zeigt das (über)deutlich mit ihrer aktualisierten, paraphrasierten und überzogenen Show.
Indem sie ihren Körper samt dem Vierbeiner Spot, der singenden, spuckenden Küchenmaschine und den niedlichen Saugroboter als Partnerinnen einsetzt, muss auch das Verhältnis der MI zur sich epidemisch ausbreitenden KI überdacht werde. Eine Performance, die über die Grenzen hinausgeht, um die Grenzen aufzuzeigen, ebenso unterhaltsam wie aufklärend.
Die flachen Scheiben kehren in ihre Gehäuse zurück, die stromgetriebene Küchenhilfe hört auf zu surren und singen. Spot macht Männchen und verneigt sich artig nach allen Seiten. Silk auch. Also verneigt sich auch.
Silke Grabinger / Silk: AREYOUARE, 18., 20., 21. Juni 2028, ImPulsTanz im Wuk Projektraum.
Konzept, Choreografie & Performance: Silke Grabinger
Dramaturgie: Silke Grabinger, Ludwig Felhofer; Kostümdesign: Bianca Fladerer; Bühnen-, Sound- und Lichtdesign: Max Windisch-Spoerk; Produktionsteam: Veronika Selinger, Christina Zoulianiti; Robotics: Ars Electronica Center / Linz; Company Management: Amabel Thomas; Marketing & PR: Julia Lehner
Foto: Meinrad Hofer