
Letzte Artikel
- Dancing with Bob: Sommerwind für die Tanzgeschichte 5000
- Percival Everett tanzt auf dem linguistischen Seil
- Die geheime Sehnsucht des Jack Paton, Roman
- Pale Blue: Was die Welt im Innersten zusammenhält
- Manon: Letztes Aufgebot mit Paardebuts.
- Pale Blue: 100 choreografische Exponate
- Kollektiv Kunststoff: Der Sprung in den Weltraum
- For Now – eine Performance, ein Abschied, eine Feier
- Der Betrieb: Aufforderung zum Tanz im Park
- Mokhtar Amoudi: Ein ziemlich anderes Leben, Roman
Suche
Dancing with Bob: Sommerwind für die Tanzgeschichte 5000

Der bildenden Künstler Robert Rauschenberg, geboren 1925, steht im Mittelpunkt eines Tanzabends, veranstaltet von der Trisha Brown Dance Company (TBDC) und dem Merce Cunningham Trust. Dancing with Bob: Rauschenberg, Brown & Cunningham Onstage ist wie ein lauer Sommerwind, schmeichelnd, kühlend, erheiternd und prallvoll mit Erinnerungen an eine Zeit, in der noch getanzt worden ist. Ein Höhepunkt des ImPulsTanz-Festivals. Als Österreich-Premiere am 14.7. im Volkstheater bejubelt.
Rauschenberg (1925–2008) ist nicht nur als bildender Künstler anerkannt, sondern auch in der darstellenden Kunst zu Hause gewesen. Als Bühnenbilder, Kostüm- und Lichtdesigner hat er viele Choreografien mitgestaltet, als Tänzer bei Happenings und Theateraufführungen war er selbst auf der Bühne. Besonders eng war die Zusammenarbeit Bobs, der mit dem Komponisten John Cage, dem Lebensgefährten des Tänzers Merce Cunningham befreundet war, mit Cunningham Dance Company. 1954 hat die Zusammenarbeit mit dem Bühnenbild für Cunninghams Choreografie Minutae begonnen; 1977 schuf er die Ausstattung für Travelogue, wozu Cage als Sound „Telephones and Birds“ beisteuerte. 
Travelogue, 1979 zum letzten Mal aufgeführt, ist Teil der 2025 entwickelten Gastspielreihe Dancing with Bob – Rauschenberg, Brown & Cunningham Onstage, deren erster Teil Trisha Browns 1983 entstandener Choreografie Set and Reset ist. Die Europapremiere hat am 11. Juli im Festival dei due Mondi in Spoleto stattgefunden. Im Rahmen des ImPulsTanz-Festivals ist der Abend dank einiger Zusatzvorstellungen in der (rekonstruierten) Originalausstattung Rauschenbergs mehrmals im Volkstheater zu sehen.
Das Reisetagebuch / Travelogue liest sich locker und amüsant. Vier Frauen, drei Männer, sind in farbige Ganzkörpertrikots gehüllt, die Bühne ist mit einer Sesselreihe ausgestattet, davor silbrig glänzender Reifen mit Speichen, mitunter fällt vom Bühnenhimmel bunter Stoff herunter, die Tänzer tragen klappernde Blechdosen am Gürtel. Das Septett zeigt eine Parade von Zirkuskunst und Körpertechnik. Das auffallende an diesem Stück und überhaupt dem choreografischen Prinzipien Cunninghams (1919–2009) ist die Unabhängig der Künste voneinander. Cages Tonkulisse ist wie Rauschenbergs Ausstattung unabhängig von Cunninghams Choreografie entstanden und Ton, Tanz, Bild existieren unabhängig nebeneinander. Keine Kunst ordnet sich der anderen unter, keine hängt von einer anderen ab.
Nach einer Handlung muss man gar nicht suchen, auch Botschaft gibt es keine, man sieht einfach dem Auf und Ab der Tanzenden zu, wie sie sich gemeinsam und einzeln bewegen, übereinander schichten, getragen und wieder fallen gelassen (oder auch sanft abgelegt) werden. Der so oft missbrauchte Begriff „Signaturstück“ ist das passende Etikett für diesen einprägsamen nahezu 50 Jahre alten Travelogue. Ein Zusammenspiel in der Unabhängigkeit, die Unabhängigkeit als Gemeinschaft.
Auch mit Trisha Brown (1936–2017) hat Rauschenberg gern zusammengearbeitet. Set and Rest ist ein unaufhörlich fließendes Tanzstück aus einem Guss, das zuletzt 1993 im ImPulsTanzFestival von der Trisha Brown Dance Company gezeigt worden ist. Die Musik stammt von Laurie Anderson, der Song „Long Time No See“ ist als unendlicher Loop zu hören. Das nervt gelegentlich, doch das gleitende Band der sieben Tänzer*innen (drei Frauen, drei Männer und noch ein Mann), die weder Anfang noch Ende zu haben scheint, verschließen die Ohren und öffnen weit die Augen. Rauschenberg tut mit der Bühnenausstattung und den passenden Kostümen ein Übriges dazu.
Über der Bühne hängt hinten ein dreidimensionaler Videoschirm, aus einem Kubus und zwei Pyramiden. Darauf laufen ununterbrochen Bilder, die ich nicht wirklich entschlüsseln kann. Auch nicht auf den schwarz-weißen Kostümen der Tänzer*innen, die zwar Filmstills abbilden, die jedoch durch die Tanzenden selbst zum bewegten Film werden. Diesem wundervollen Gleiten und Fliegen, diesem sich Ausscheren und wieder Einkehren, dieser präzisen Choreografie, die wie zufällig erwürfelt anmutet, könnte ich noch stundenlang zusehen. Pina Bausch (1940–2009) zitiere ich jetzt nicht, wie ich auch auf die zitablen Sager des kleinen Prinzen verzichte.
Das bekannte Epitheton ornans vom ephemeren Tanz hat natürlich seine Berechtigung, der Tanz selbst – bewegte Körper, gleichzeitig geordnet und frei – ist flüchtig, die Bewegung ist da und schon wieder weg, unwiederholbar. Die Vergänglichkeit ist Teil der Faszination und Schönheit des Tanzes. Der Choreografie (altgriechisch: χορεία / choreia „Tanzen, Tanz“ und -graphie) jedoch soll die Flucht nicht gestattet sein, sie ist im Archiv zu bewahren, um immer wieder hervorgeholt zu werden. 
Dass auch im ImPulsTanzFestival choreografische Zimelien mit Bedacht und Sorgfalt zur Freude der alten Garde und zum Staunen des Nachwuchses aus dem Archiv hervorgeholt und auf die Bühne gebracht werden, soll nicht unerwähnt bleiben. Mit den beiden Ikonen des postmodernen Tanzes aus der Neuen Welt hat das wohl auch in der Kunst geltende Gebot der Nachhaltigkeit leichtes Spiel. Lebendige Schönheit, Energie und Dynamik, ausgeführt von TänzerInnen und Tänzern, die mit Bezug auf die Werke einer fernen Generation wissen, wer sie sind und was sie da tun, begeistern Tanzaffine ebenso wie Tanzferne.
Trisha Brown Dance Company mit Merce Cunningham Trust:
Dancing with Bob: Rauschenberg, Brown & Cunningham Onstage, ImpulsTanz im Volkstheater, 14., 15., 16.6. 2026.
Set and Reset: Choreografie Trisha Brown; Musik Laurie Anderson, Long Time No See. Originaldesign und Kostüme Robert Rauschenberg. Lichtdesign Beverly Emmons. Choreografische Umsetzung Carolyn Lucas mit Cecily Campbell, Marco Crousillat und Jamie Scott. 
Tänzerinnen und Tänzer: Savannah Gaillard, Burr Johnson, Catherine Kirk, Ashley Merker, Patrick Needham, Jennifer Payán und Spencer Weidie
Travelogue: Choreografie Merce Cunningham, Musik Jon Cage: Telephones and Birds; Originaldesign und Kostüme Robert Rauschenberg; choreografische Unterstützung von Marcie Munnerlyn und Andrea Weber;
Tänzerinnen und Tänzer: Savannah Gaillard, Burr Johnson, Claude Johnson, Catherine Kirk, Ashley Merker, Patrick Needham, Jennifer Payán, Spencer Weidie
Fotos: © Ben McKeown, Jason Smith, Studio Aura.