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ImPulsTanz: Menschenbilder im Duett and als Solo

Eine Tochter kümmert sich um die Mutter. Mickaël Phelippeau fotografierte Alice und Françoise.

Ich will es machen, damit die Leute wissen, wer wir sind.“ Alice Davazoglou ist einverstanden, in der Choreografie von Mickaël Phelippeau aufzutreten. De Françoise à Alice nennt der Choreograf das aufrüttelnde Duett einer Mutter mit ihrer Tochter. Alice hat das Down-Syndrom, Françoise wird als „körperlich gesund“ beschrieben. Eingeladen von ImPulsTanz begeisterten Alice und Françoise das Publikum im Kasino am Schwarzenbergplatz.

Choreograf Mickaeël Phelippeau, schötzt die Bi-Porträts. Foto: Valerie FrossardFür seine Menschenbilder hat der französische Choreograf mit Liebe zur bretonischen Kultur ein eigenes Format, die Bi-Porträts, entwickelt. Es sind choreografische Porträts zweier Personen, die in ihrer Identität, in allem, was sie vereint und auch dem, was sie unterscheidet und auch trennt, vorgestellt werden. Richtiger ist: Sie stellen sich selbst vor. Bi-Porträts sind schon am Titel erkennbar, sie tragen immer die Namen oder Identitätsbezeichnungen der beiden Personen auf der Bühne. Alice und Françoise im gleichen Schritt.
Phelippeau kümmert sich in den Bi-Porträts kaum oder gar nicht um Klima und Krieg, um Politik und Prominenz, auch nicht um die Probleme der gesamten Welt. Phelippeau interessiert sich für Menschen, für jede einzelne Persönlichkeit, stellt sie einander gegenüber und nebeneinander, lässt sie synchron im Gleichschritt gehen und einander distanziert, auch missgelaunt oder empört, gegenüber stehen. Die Botschaft ergibt sich von selbst, direkt und unverblümt auch in Von Françoise zu Alice. Choreograf Phelippeau erzählt auf der bretonischen Website für Artist*innen, wie er Françoise und Alice begegnet ist und sie kennengelernt hat:

Ich habe sie 2015 bei einem Workshop kennengelernt, den ich bei ART21 leitete, einem Verein, den sie gegründet haben. […] Anschließend setzten wir die Zusammenarbeit in Form von Workshops mit den Tänzer*innen von ART21 fort. Bei dieser Gelegenheit tauschten wir uns intensiv über die Erfahrungen von Françoise und Alice mit dem Tanz aus, der sie zunächst getrennt und dann wieder zusammengeführt hatte, über ihr tägliches Engagement und darüber, wie man eine Behinderung benennen kann, ohne zu stigmatisieren. Aus dem Wunsch heraus, diese Fragen zu vertiefen, entstand die Idee für dieses Duo.

Alice braucht Françoise nicht, sie schminkt sich,öffnet die Haare und tanzt.Die Tanzperformance De Françoise à Alice, zu ersten Mal während der Corona-Pandemie in Le Mans vor geschlossener Gesellschaft gezeigt. Im Mittelpunkt steht die Beziehung von Mutter und Tochter, die aufgrund der Unterschiedlichkeiten nicht immer friktionsfrei verläuft. Beide Frauen sind Tänzerinnen, kommunizieren verbal und über die Haut miteinander. Doch Alice ist kein hilfloses Baby mehr, sie ist eine erwachsene Frau, agiert auf Augenhöhe mit Françoise. Françoise tanzt gerne. Doch Alice, eine selbstbewusste junge Frau, die ihre Stärken und Schwächen kennt, lebt mit dem / für den Tanz. Dem Tanzen gehört ihre Liebe, doch, wie sie erzählt, nicht allein. Konkurrenz macht dem Tanz, Agathe, mit der Alice die Liebe ihres Lebens gefunden hat. Agathe Davazoglou-Lacorne ist Tänzerin und Tanzfotografin mit Down-Syndrom und Ehefrau von Alice. Françoise und Alice finden im Tanz zusammen.
Françoise musste lernen die Behinderung ihrer Tochter zu akzeptieren und auch die Reaktionen der Umgebung, das unangebrachte Mitleid, die heuchlerische Bewunderung und auch die Tatsache, dass ihre Tochter niemals so sein wird sie selbst. Wenn die Erinnerungen an das Leben mit Alice wach werden, meldet sich auch die Wut. Mit zornigem Trampeln und Stampfen befreit sie sich davon.
Das Wüten der ganzen Welt.
Die renommierte belgische Tänzerin und Choreografin Lisbeth Gruwez in ihrem Solo „Tempest“.Wut verspürt auch die belgische Tänzerin und Choreografin Lisbeth Gruwez. Sie zeigt sie in ihrem Solo Tempest bei ImPulsTanz im Akademietheater. Doch die renommierte Künstlerin, die in Wien vor allem mit Gruppenstücken zu sehen war, zügelt ihre Wut, setzt sie um in de gemessenen Bewegungen asiatischen Kampfsports. Wut, so sagt sie, „ist eine universelle Kraft, ähnlich wie ein Sturm (Tempest)“ unvermeidlich und von Natur aus wiederkehrend. Doch Gruwez sieht in (ihrer) Wut zwei Seiten, die eine ist wild und zerstörerisch, die andere wirkt ausgleichend und wirkt, indem sie ihre Energie verbraucht als Anstoß für eine Veränderung.
Die Tänzerin steht auf schwankendem, glitschigen Boden, muss mit vorsichtigen Schritten und ausgebreiteten Armen das Gleichgewicht halten und den inneren Sturm bezähmen. Sie trägt bunte Sportbekleidung gehüllt, sodass ihre wilden Gefühle total unsichtbar sind. Das Gewitter entlädtisch, eine neue Ordnung ist möglich.Hat man die Notizen auf dem Programmzettel im Voraus gelesen, dann kann man sich, wenn das zuerst diffuse, dann helle Licht später blutrot leuchtet, vorstellen, welches Gewitter und der Haut und dem Stoffschichten tobt. Oder man genießt einfach die präzisen, feinen Bewegungen der Tänzerin. Die Wutanfälle verlaufen nicht gleichmäßig, nach entspannten Momenten wird sie wieder von Energieschüben geschüttelt. Die Bühne ist als kahle, unfreundliche Landschaft mit einer abweisenden Erhebung im Hintergrund gestaltet, Maarten Van Cauwenberghe liefert den oft aggressiven Sound mit donnernden, krachenden Trommelschlägen.
Lisbeth Gruwez hoch konzentriert.Auch an Showelementen wird nicht gespart. Ein schier endloses rotes Band wird aus dem Körper gezaubert, schlängelt sich bald als Blutbach durch die winterlich-kahle Landschaft. Und damit das Toben der Wut in Gruwez’ Innerem auch sichtbar wird, hat Lichtdesigner Jan Maertens das Stroboskop eingeschaltet. Schade, das drängt den Körper samt Mut und deren Bezähmung in den Hintergrund. Ich bleibe im Theater, wechsle nicht in die Disco, schließe die Augen, um mir nachhaltiges Kopfweh zu ersparen.

Gruwez selbst liefert auf der Website ihre Compagnie, Voetvolk, eine Anleitung für mögliche Gedankenarbeit im Publikum und auch Rezensionstexte:

Tempest lädt uns ein, den Sturm in uns aufzunehmen und zu transformieren: Wut in Stärke zu verwandeln. Ein Ort, an dem Elemente aufeinanderprallen, verschmelzen und zu einer neuen Präsenz abklingen. Ein durchlässiger Körper begegnet dieser Kraft und wandelt Turbulenzen in Klarheit um.
Es ist ein Tanz durch das Auge des Sturms – ein Tanz, der ein Auge im Sturm öffnet – und die Stille in seinem Herzen offenbart.

Der Text ist schön, poetisch sogar, doch muss man ihn auch verstehen? Klar ist, dass dieses Solo vom Kontrast lebt, dem Kontrast zwischen Energie und Gelassenheit, zwischen dem Ausbruch der Wut und der Ruhe des Loslassens.

Mikaël Phelippeau I Bi-P: De Françoise à Alice, ImPulsTanz im Kasino am Schwarzenbergplatz
Choreografie: Mickaël Phelippeau
Performance: Alice Davazoglou und Françoise Davazoglou, unter Beteiligung von Agathe Lacorne
Lichtdesign: Abigail Fowler; Lichttechnik: Antoine Crochemore; Sound: Laurent Dumoulin: Kostüme: Karelle Durand; Françoise und Alice: Entspannung nach dem Sturm.
Audiodeskription und Stimmaufnahme: Valérie Castan
Fotos: Philipe Savoir, Mickaël Phelippeau, Valerie Frossard
Voetvolk / Lisbeth Gruwez & Maarten Van Cauwenberghe: Tempest, ImPulsTanz im Akademietheater.
Konzept: Voetvolk; Choreografie und Performance: Lisbeth Gruwez
Musik: Maarten Van Cauwenberghe; Lichtdesign: Jan Maertens
Bühnenbild: ruimtevaarders (Konzept) und Decoratelier KVS (Herstellung)
Fotos: Danny Willems