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ImPulsTanz: Louis Lecavalier Tanz unter Strom

Die außergewöhnliche Tänzerin nimmt sich die Freiheit, zu tun, was sie will. Vor allem zu tanzen, zu tanzen, was sie will. Danses vagabondes / Vagabundentänze, uraufgeführt 2024, ist endlich im ImPulsTanzFestival gelandet. Im Akademietheater erkundet sie mit ungebrochener Energie eine gute Stunde tanzend Zeit und Raum.
Aus der Dunkelheit huscht sie im Rückwärtsgang auf die Bühne, die Kapuze des schwarzen Mantels über den Kopf gezogen. Achtlos kickt sie die Sneakers weg, blickt in die LEDwand im Hintergrund als wäre es ein Spiegel in die Vergangenheit. Doch zurückgedacht wird nicht, es zählt die Gegenwart, das Hier und Jetzt. Dennoch kann sie auf kurze Erinnerungen an die zurückliegenden Jahre nicht verzichten. Positionen und Bewegungen sind unlöschbar im Körper eingeschrieben.
Die außergewöhnliche Tänzerin ist für ihre rasante Fußarbeit berühmt, doch ebenso wichtig sind ihr die Gesten der Arme und Hände, bis in die Fingerspitzen lässt sie ihren Körper vibrieren, springt, gleitet, trippelt, dreht und dehnt den Körper, bis er sich biegt. Wir wissen, dass er nicht brechen wird. Als Vagabundin, Druidin, Zauberin schöpft Lecavalier aus einem reichen Repertoire an Bewegungen, misst mit weiten Schritten die leere Bühne aus, bewegt sich im zackigen Stakkato und gleitet im sanft sich windenden Fluss zum Meer der Unendlichkeit. 
Wie eine Tuareg im Sandsturm zieht sie den langen Mantel vor das Gesicht, nur die Augen sind noch frei. Später wird sie die Hülle abwerfen, auch die bunte Jacke wird nicht mehr gebraucht, der blonde Zopf löst sich, Rapunzel im dünnen Hemd hat kein Alter. Der kraftvolle, ungebremste Tanz wird von stillen Momente, Minuten des Nachdenkens und der Traurigkeit, durchbrochen, dann wieder klopft sie sich zart im Takt des Herzens auf die Brust. Die Freiheit, die sich die Tänzerin wünscht, auf der sie besteht, ist nicht grenzenlos. Der Körper ist unerbittlich, er gibt die Grenzen vor und rächt sich, werden sie überschritten. Louis Lecavalier ist 64 Jahre alt.
Sie ist allein auf der Bühne und hat dennoch ein Gegenüber, diese LEDwand, die sich vergrößert und wieder schrumpft, von strahlendem Weiß leuchtet und in dunklem Rot glüht und manchmal ganz verlischt. Oft tanzen die Pixel blinkend mit der Tänzerin, die, tritt sie näher, im blitzenden Muster nahezu verschwindet. Licht und Schatten, Helligkeit und Dunkel korrespondieren mit den gehackten, gestreichelten, getrommelten Beats. Die letzte Nummer ist nahezu romantisch, in der Dunkelheit singen Nick Cave & the Bad Sees die Ballade Oh, children:
We have the answer to all your fears
It's short, it's simple, it's crystal-clear
It's roundabout and it's somewhere here
…
Lost amongst our winnings
was held in chains but now I’m free
I’m hanging in there, don’t you see
In this process of elimination
Louise Lecavalier / Fou Glorieux: Danses vagabondes, ImPulsTanz im Akademietheater, 19., 21. Juli 2026
Choreografie und Performance: Louise Lecavalier
Licht- und Videodesign: Jean-François Piché, Kostüm: Yso
Fotos: André Cornellier, François Blouin.
