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Ballettpremiere in Wien: Nijinsky von John Neumeier

Nijinskys letzter Auftritt im Ballsaal eines Schweizer Hotels.

Der wichtigste Tänzer des 20. Jahrhunderts, Vaslaw Nijinsky, beschäftigt den Choreografen John Neumeier seit seiner Jugend. Von den drei Werken, die er seinem Idol gewidmet hat, ist Nijinsky, das aufwändigste und längste,  mehr als zwei Stunden dauern die beiden durch eine Pause getrennten Akte. 26 Jahre nach der Uraufführung mit dem Hamburg Ballett in der Hamburgischen Staatsoper feiert das Wiener Staatsballett mit Nijinsky Premiere. 

Alessandro Frola als Nijinsky im Bühnenbild von John Neumeier.Die Titelrolle ist bei der Premiere dem Ersten Solotänzer Alessandro Frola anvertraut. In der Saison 2025/26 ist der Italiener vom Hamburg Ballett, wo er seit 2023  als Erster Solist getanzt hat zum Wiener Staatsballett gewechselt. Frola ist ein hervorragender Tänzer, wie er bereits in seiner ersten Saison, bei seinem Debüt in Kallirhoe von Alexei Ratmansky und vor allem als De Grieux in Kenneth MacMillans großartigem Ballett Manon gezeigt hat. Auch als Nijinsky beweist er, wie perfekt er seinen Körper beherrscht, doch er bleibt der großartige Tänzer Alessandro Frola, wird nicht zu Vaslaw Nijinsky, dessen Innenleben Neumeier dem Publikum nahe bringen will. Serge Diaghilew, impresaro und Liebhaber mit Nijinsky (Eno Peçi, Alessandro Frola).Er nennt den zweiteiligen Abend „eine Biografie der Seele, eine Biografie von Empfindungen und Zuständen“. Biografische Daten sind weniger wichtig. Was Frola auf der Bühne empfindet, kann ich nicht sagen, ich empfinde trotz aller Bewunderung seines tänzerischen Könnens gar nichts.
Ganz mit seiner Rolle verschmilzt António Casalinho, der Stanislaw, Vaslaws älterer Bruder ist. Mi drei Jahren ist er aus dem Fenster gestürzt, war ihn nicht nur physisch, sondern auch psychisch verletzt hat. Alessandro Frol (Nijinsky) mit Madison Young (Taara Karsawina, die Ballerina).Stanislaws Problemen haben sich immer mehr verschlechtert, sodass er nach kurzfristigen Klinikaufenthalten mit 21 Jahren dauerhaft in ein Sanatorium eingewiesen worden ist. Stanislaw ist 1918 mit 32 Jahren verstorben. Casalinho gelingt es, das Leiden und die Schmerzen des jungen Mannes, er ebenfalls eine Tanzausbildung genossen hat, spürbar zu machen. Ich fühle sie nahezu körperlich.
Auch wenn John Neumeier sich mit dem Leben und Wirken von Nijinsky seit seiner Jugend beschäftigt, so sagt die Choreografie mehr über den Choreografen, Lichtdesigner sowie Bühnen- und Kostümbildner aus als über Vaslaw Nijinsky. António Casalinho ist Stanislaw  Nijinsky, der Bruder des weltberühmten Tänzers.Als John Neumeier in Milwaukee, Wisconsin zur Welt kam, hatte Nijinsky seine Karriere längst beendet. Als der, nicht nur von Neumeier, als Gott des Tanzes verehrte Ballettkünstler in London gestorben ist, war John gerade mal 11 Jahre alt. Der letzte Auftritt Nijinskys ist dokumentiert: Im Ballsaal des Hotels Suvretta House ist Nijinsky zum letzten Mal öffentlich aufgetreten. Noch während der Vorstellung vor gut 200 Gästen erlitt er einen Nervenzusammenbruch. Mit diesem tragische Ereignis umrahmt Neumeier seine Choreografie, die im Suvretta House beginnt und endet. Dieser Augenblick, von dem die Legende berichtet, Nijinsky die Vorstellung als seine „Hochzeit mit Gott“ bezeichnet und am verkündet: „Jetzt werde ich euch den Krieg tanzen …“
Nijinsky hat Diaghilews Gunst verloren, der  junge Tänzer Léonide Massine eretzt ihn. Laurids Seidl, Massine; Eno Peçi, Diaghilew; Alessandro Frola, Nijinsky. idassine, Eno Peçi,Allmählich verschwindet die Meublage des noblen Hotels und die Bühne füllt sich Menschen. Der Programmzettel zählt sie auf, Mutter und Vater (zugleich der Arzt) Vaslaws, der Bruder, die Schwester Bronislawa Nijinska, die Ehefrau Romola, die berühmte Tänzerin Tamara Karsawina, der Tänzer und Choreograf Léonide Massine und natürlich Nijinksys Mentor und Liebhaber, der Impresario der Ballets Russes, Serge Diaghilew, intensiv erkörpert von Eno Peçi. Außerdemd das gesamte Coprs de ballet als Tänzerinnen und Tänzer der Ballets Russes, Innenbilder & Menschen (siehe Programmzettel), Soldaten, Bewunderer, Gäste, eine Galagesellschaft …  Die beiden Kreise beherrschen das Bühnenbild von John Neumeier.Da fällt mir Friedrich Schiller ein: „Wer zählt die Völker, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen?“ Sogar Ballett interessierte Logengäste fragen mich am Ende: „Wer war wer“. Mithilfe des Programmzettels und der Kenntnis der Tänzerinnen und Tänzer ist es ein Leichtes, zu erkennen, wer die Solistinnen und Solisten sein sollen / sind. Doch die Mehrheit der zahlenden Gäste kommt ohnehin nur, um zu schauen, verzichtet auf die Besetzungsliste, weil sie als Einmalbesucherinnen weder Tänzerinnen noch Tänzer je gesehen haben und kaum noch einmal sehen werden.
Rinaldo Venuti tanzt die gequälte Puppe Petruschka, 1911 zur Musik von Igor Strawinsky kreiert von Nijinsky.Leicht gemacht wird es Ballettfreundinnen bei der kleinen Gruppe der Tänzer, die Nijinskys berühmte Rollen tanzen, also Nijinsky in Maske und Kostüm sind. Genau wegen der teilweise nach den Originalentwürfen (Léon Bakst, Alexandre Benois) gefertigten zauberhaften Kostüme ist es ein Leichtes, den Harlequin und den Geist der Rose (Davide Dato), Faun und Goldenen Sklaven (Victor Caixeta) und Petruschka (Rinaldo Venuti) zu erkennen. Davide Dato als zauberhafter, flüchtiger Geist der Rose, eine Rolle die Nijinsky kreiert hat. („Spectre de la Rose“ zur Msik von Circa rl Maria avon Weber)Es sind Figuren aus Balletten, die Nijinsky einst verkörpert hat. Nun, da er selbst nicht mehr tanzen kann, tanzen will, tanzen sie alle in seinem Kopf. Es auch einen zweiten Harlequin, aus dem Ballett Carnaval von Michel Fokine zu sehen. Der Corpstänzer Benjamin Alexander ist dieses Double. Wohl weil Nijinsky die Rolle mit Fokine, der 1910 die Uraufführung getanzt hat, teilen musste.
Ein Einwurf, den ich mir nicht verkneifen kann: Der bedeutenden Choreografin und Tänzerin Bronislava Nijinska (1891–1972) wird zu wenig Beachtung geschenkt. Sie ist keineswegs nur die Schwester des großen Nijinsky, sondern war als wichtige Choreografin der Ballets Russes ein Star. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts schuf sie vor allem in Frankreich, später auch in AmeriDas Ensemble beim Auftritt der legendären Ballets Russes.ka zahlreiche Choreografien und arbeitete auch als Tanzpädagogin. Die Liste ihrer Choreografien, reicht bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Das Rondo Capriccioso, 1952 zur gleich genannten Komposition von Camille Saint- Saëns für das Grand Ballet du Marquis de Cuevas geschaffen, gilt als ihr letztes Werk. Victor Caixeta tanzt Nijinskys Faun („L'apres midi dun Faune“) und auch den Goldenen Slaven aus „Sheherazade“.Wikipedia berichtet, dass sie noch 1964 ihre frühen Stücke, Les Noces und Les Biches für das Royal Ballet in London überarbeitet hat. Kurze Zeit war Nijinska auch in Wien tätig, als Ballettdirektorin an der Wiener Staatsoper. Ihr Vorgänger, Sascha Lentjew, hatte die Zusammenarbeit mit dem Ballettensemble frühzeitig aufgegeben: „Differenzen mit dem Ensemble.“ Bronislawa ist im Frühjahr 1930 eingesprungen, hat aber auch nicht durchgehalten. Schon nach 37 Tagen hat sie die Staatsoper wieder verlassen. Choreografinnen sind noch immer in der Minderzahl. Bronislawa sollte aus dem Schatten ihres Bruders heraustreten dürfen, etwa mit dem Ballett Bronislawa, Material für ihre Erinnerungen gibt es genug. Ballettfotograf Ashley Taylor hat einen Moment eingefangen, in dem die Mutter (Olga Esina) nahezu erdrückt von ihren Kindern, zu sehen ist: Vaslaw (A. Frola) und Stanislaw (A. Casalinho) und rechts außen Ioanna Avraam als Bronislawa Nijinska.
Vaslaw Nijinsky mit seinen Geschwistern Stanislaw und Bronislawa mit ihrer Mutter Eleonora Bereda, getanzt von Alessandro Frola, António Casalinho, Ioanna Avraam und Olga Esina.Die Uraufführung von Neumeiers Großchoreografie Nijinsky fand  2000 mit dem Hamburg Ballett in der Hamburgischen Staatsoper statt. Anlass für die Entstehung der Choreografie war der 50. Todestag des Tänzers. Doch schon 1979 hat Neumeier das Kurzballett Vaslav geschaffen. 2014 hat Ballettdirektor Manuel Legris das aus Solos und Pas de deux zusammengesetzte Werk zur Musik von Johann Sebastian Bach in den Abend Meistersignaturen integriert. Als letztes und – ich kann nicht anders – bestes Werk zu Ehren Vaslaw Nijinsky ist Le Pavillon d’Armide zu nennen. 2009 vom Hamburg Ballett zum ersten Mal gezeigt, Premiere in Wien am 19. Februar 2017. Der Aufbau ist ähnlich, es geht um Nijinskys Erinnerungen, um das was in seinem Kopf umher tanzt. Doch kommt Neumeier mit weniger Personal aus und konzentriert sich ganz auf die Gedanken des Tänzers, an seine Erinnerungen und Höhepunkte seiner Karriere und deren abruptes Ende. Auch in diesem Finale bezieht sich der Choreograf auf den letzten Auftritt Nijinskys im Hotel von St. Moritz. Solotänzer Mihail Sosnovschi war Nijinsky. Die Wahnsinnsszene ist unvergessen. Romola Nijinska, der Faun, Vaslaw Nijinsky, der Arzt, verkörpert von ketevan Papava, Victor Caixeta, A. Frola und Massayu Kimoto.   MKimoto AFrola VCaixeta KPapava
Die Reihenfolge der Entstehung scheint mir an Bedeutung über die chronologischen Daten hinauszureichen. Dass Neumeier dem Monsterwerk Nijinsky die fein gemeißelte Choreografie Le Pavillon d‘Armide nachgeschickt hat, ist sicher kein Zufall. Noch vor ihrem Engagement als Ballettchefin in Wien hat Alessandra Ferri mehrmals mit John Neumeier zusammengearbeitet. Zuletzt hat sie 2023 bei den Hamburger Balletttagen im Ballett Nijinsky, Romola, die Ehefrau, getanzt. In Le Pavillon d’Armide ist sie nicht aufgetreten.  Dass sich John Neumeier auch nach dieser Premiere den ihm gebührenden Applaus persönlich abgeholt hat, war zu erwarten. Einen Premierenapplaus lässt er sich nicht entgehen. Dieses Bad in Lob und die Liebe ist es wohl, was den Meister jung hält.

Nijinsky, Ballett von John Neumeier, Premiere 20. Oktober 2026.
Choreografie, Bühne, Kostüme & Licht: John Neumeier.
Musik von Frédéric Chopin, Nikolai Rimski-Korsakow, Robert Schumann und Dimitri Schostakowitsch. Musikalische Leitung. Nathan Brock, Debüt an der Wiener Staatsoper.
Umsetzung Licht: Ralf Merkel.
Fotos: Ashley Taylor fotografierte bei der Bühnenprobe am 13. Oktober.
Orchester der Wiener Staatsoper, Wiener Staatsballett in der Staatsoper. Weitere 6 Termine + Tickets.