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Ghosts & Monsters: Eine geniale Tanzperformance von Karin Pauer

Die Tä zerin und Choreografin Karin Pauer sorgt sich um den Planeten

Auch wenn der Abend vor Allerheiligen nicht mehr weit ist, haben die Geister und Monsters, die die Bühne des Tanzquartiers beherrschen nichts mit Halloween zu tun. Choreografin Karin Pauer denkt in ihrer Choreografie Ghosts & Monsters gemeinsam mit zwei Tänzerinnen und zwei Tänzern zum Live-Sound von Rozi Mákó über den Zustand des Planeten Erde nach, erzählt vom Werden und Vergehen und neuerlichem Werden. Premiere war am 8. Oktober in der Halle G.

Das Quintett sucht Halt auf der Brücke, die die Bühne teilt.Was zu sehen, zu hören, zu spüren ist: Fünf Tänzer *innen (Hugo Le Brigand, Ixchel Mendoza Hernández, Stella Covi, Alberto Cissello, Karin Pauer) bewegen sich zwei Stunden lang zum live-Sound von Rozi Mákó auf der Bühne. Eine Brücke führt über einen giftgrün leuchtenden Fluss, der später, wenn sich die Brücke auflöst verschwindet. Mit wuchtigen Stomps in exakter Synchronität – vor, zurück, vor zurück und rundherum – wird das in einem offenen Viereck sitzenden Publikum wach gehalten. Wie ein Knäuel ekliger Reptilien kauert das Quintett danach auf der Brücke, bewegt sich in quälender Zeitlupe, fällt auseinander, einzelne absentieren sich, kommen zurück, versuchen sich mit den anderen zu erheben, fallen wieder um, erheben sich wieder. Ixchel Mendoza Hernández, Alberto Cissello, Hugo Le Brgand bei der Probe.Ein ständiges Absterben und Aufleben. Schwarze Wolken ziehen auf, es donnert, grummelt und brummt, die Bässe wühlen in meinen Gedärmen, manchmal ertönt verzweifeltes Gezwitscher und Piepsen. Die Tänzer*innen versprühen Energie und Schlaffheit, sterben ab und erwachen wieder zum Leben. Zwei Stunden lang. Und ich bin hellwach, aufmerksam und gespannt. Ich weiß (noch) nicht genau, was die präzise choreografierte Performance bedeuten soll, doch das ist auch egal. Kein Plot, keine Handlung, die Wörter, eine Aufzählung, die Bestandsaufnahme der Welt, werden gesprochen, sind jedoch nur von jenen zu verstehen, die nicht im Rücken oder an der Seite der Sprechenden sitzen.
Das giftgrüne Licht hat Sveta Schwin geschaffen.Wie überhaupt das angestrebte Konzept – Freies Bewegen des Publikums im Raum, Kommen und Gehen während der im Laufe der Probentage immer wieder weiter gekürzten Performance  _ nicht aufgeht. Das gesamte Publikum sitzt wie festgefroren auf den Plätzen. Der größte Teil in den üblichen Sitzreihen an der Breitseite der Bühne, der Rest reiht sich an den Längsseiten auf. Die Perspektiven sind daher für jede Gruppe unterschiedlich. Die Präzision und der Tänzer*innen, der Fluss der Bewegung, unterbrochen von eindrucksvollen, rhythmischen Schritten und Gesten, hält mich fest. Meine übliche Ungeduld hat keine Chance. Tanz zwischen Aggression und Fürsorge (Probenbild).
Laut und leise, angenehm schmeichelnd und wild aufwühlen, die Musik. Hell und dunkel, strahlend und düster schwarz und weiß, das Licht von Sveta Schwin. Energiegeladen und kraftlos, gemeinsam und getrennt, wild und sanft, aggressiv und entspannt, die Bewegungen der Tanzkörper. Am Ende ist nichts mehr so, wie es anfangs war. Die Brücke ist gebrochen, Objektteile stehen, lehnen im Bühnenraum, die Musik schmeichelt der Erschöpfung. Am Ende ist wieder der Anfang: Stomps im Takt, vor, zurück, vor, zurück und rundherum. Großartig!
The Blue Marble, die berühmte Aufnahme der Erde von Apollo 17 am 7. Dezember 1972.Und jetzt die Theorie: Von Beginn ihrer Karriere an hat sich die Wiener Tänzerin / Choreografin Karin Pauer mit dem Körper als Teil der Welt befasst. Für sie ist der Mensch nicht das Zentrum der Welt, sie denkt an „tiefverwurzelte Empathie und Fürsorge: füreinander, für andere Lebensformen und für den Planeten selbst.“ Sie meint, „dass der Körper prinzipiell alles verkörpern kann“, was sie mitteilen will, übersetzt sie in „körperliche Zustände: fest, flüssig, fließend, vibrierend, leicht, schwer …“
Für ihre neueste Arbeit, Ghosts & Monsters hat sie sich einerseits von der Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing, die im Untertitel des interdisziplinären Sammelbandes Arts of Living on a Damaged Planet / Die Kunst, auf einem beschädigten Planeten zu leben über Ghosts and Monsters of the Anthropocene spricht.Ghosts stehen für die Vergangenheit und wie sie in gegenwärtigen Landschaften und Ökosystemen fortwirkt. Tsing beschreibt die Folgen vergangener Gewalt, Zerstörung und Ausbeutung, die in der Gegenwart weiterwirken. Vereinfachte grafische Darstellung der Geschichte der Erde und des Lebens: Quelle: WikipediaDie Monsters sind keine bedrohlichen Wesen, sie stehen für die Gegenwart, Autorinnen aus Wissenschaft, Literatur und Kulturtheorie befassen sich mit der Verflechtung verschiedener Lebensformen und versuche eine Antwort auf die Frage, wie wir mit anderen Arten leben könne, zu beantworten.
Inger Christensen bei einer Lesung in STockholm,2008. Karin Pauer bezieht sich auf Christensens Gedicht „alfabet“.  Quelle: WikipediaDer Mensch, so wird postuliert, ist kein unabhängiges Wesen, das der Natur vorsteht oder sie beherrscht, er kann nur als Teil einer Verbindung mit anderen Lebensformen überleben. Die Monsters veranschaulichen, dass Lebewesen keine abgeschlossenen, unabhängigen Individuen sind. Sie entstehen und überleben durch Beziehungen zu anderen Organismen.
Noch ein kurzer theoretischer Ausflug in Karin Pauers inspirierendes Schatzkästlein, wo sich ein Gedicht der dänischen Dichterin Inger Christensen (1935–2009) befindet. Das Langgedicht alfabet (1981) ist eine poetische Bestandsaufnahme der Welt, die Schöpfung, Natur und die Bedrohung des Lebens durch den Menschen miteinander verbindet. Das Alphabet reicht nur bis N, denn Christensen baut die Strophen nicht nur nach dem Alphabet, sondern auch streng mathematisch ach der Fibonacci-Reihe, wodurch jede Strophe an Länge zunimmt. Die letzte Strophe des Gedichts hat 377 Zeilen. 
Ohne Theorie sind die 120 Minuten reiner Tanz, einmalig und sehenswert. Mit der zugrundeliegenden Theorie ist man aufgefordert, über den Zustand der Welt, über Zusammenhalt und Gemeinschaft nachzudenken.

Ghosts & Monsters, ein Tanzstück, Uraufführung am 8.10.2026, Tanzquartier. 8. – 10.10.2026.
Künstlerische Leitung, Choreografie: Karin Pauer
Kreation, Performance: Hugo Le Brigand, Ixchel Mendoza Hernández, Stella Covi,
Alberto Cissello, Karin Pauer
Live-Sound: Rozi Mákó; Raum: Eva Engelbert; Lichtraum: Sveta Schwin;
Kostüm: Karin Pauer, Eva Engelbert; Produktionsleitung; Marijeta Karlovic-Graf.
Fotos: Karolina Miernik, Eva Engelbert