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Hellerau-Laxenburg: Das vergessene Tanzlabor

Ein fast vergessenes Zentrum der europäischen Tanzmoderne wird wieder lebendig. Als Herausgeberin, Autorin und Tanzhistorikerin erzählt Andrea Amort in dem gewichtigen Band „Gesteigertes Leben“ die Geschichte von Hellerau-Laxenburg, jenem ungewöhnlichen Ort bei Wien, an dem sich zwischen 1925 und 1939 Tänzerinnen, Musikerinnen, Pädagoginnen und Künstler innen anderer Genres versammelten. Wissenschaftlich fundiert und aus zahlreichen bislang verstreuten Quellen rekonstruiert, mit Beiträgen anerkannter Autorinnen liest sich der reich bebilderte Band zugleich wie die Wiederentdeckung einer untergegangenen Welt.
Zu den Wurzeln. Sie reichen mehr als hundert Jahre zurück zum in Wien gebürtigen Jakob Dalkes. Seine Eltern, Schweizer, kehrten in ihre Heimat, Genf, zurück als Jakob 8 Jahre alt war. Er studierte Musik und Theater und veröffentlichte seine Kompositionen und theoretischen Texte unter Émile Jaques-Dalcroze (1865–1950). Als zentrales Thema behandelte er den „Rhythmus als kräftigendes und ordnendes Lebensprinzip“ (Amort). Mit Émile Jaques-Dalcroze (1865–1950) begann eine Bewegung, die den Tanz grundlegend verändern sollte. Nicht mehr die vorgegebene Form, nicht mehr allein die Musik sollte die Bewegung bestimmen: Der Körper selbst wurde zum Instrument, zum schöpferischen Ausgangspunkt. Und der Tanz wurde zu einer eigenständigen Kunstform. 
Jaques-Dalcrozes Ideen wirkten weit über seine Rhythmusschule hinaus – und auch nach Wien zurück, wo sich in den 1920er und 1930er Jahren eine bemerkenswert vielfältige Szene des modernen Tanzes entwickelte. Gut hundert Jahre danach hat Andrea Amort dieses spannende Kapitel Tanzgeschichte mit der Ausstellung Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne dem Vergessen entrissen. Grete Wiesenthal, Gertrud Bodenwieser, Rosalia Chladek und viele andere Tänzerinnen und Choreografinnen erschienen darin nicht länger als Einzelgestalten, sondern als Teil eines internationalen Netzes von Künstlerinnen, Pädagoginnen und Reformerinnen.
Die moderne Tanzwelt hat nicht nur in Wien, unter Dach und im Freien, ihre Bühnen gefunden. Ein wichtiger Impuls ging ab 1925 von Laxenburg in Niederösterreich aus. Genauer gesagt, von der Schule für Rhythmus, Musik und Körperbildung Hellerau Laxenburg. Laxenburg, die mitten im großen Park im Alten Schloss angesiedelt war. So eine Schule, von Jaques-Dalcroze und seinen Mitgestaltern Bildungsanstalt genannt, gab es seit 1910 in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden. Rosalia Chladek hat dort studiert und später auch unterrichtet.
Der Erste Weltkrieg und der Tod des Gründers und Förderers Wolf Dohrn beendetet die Glanzzeit von Hellerau. Die Schule wurde geschlossen, das Team ging auf Reisen und landete 1925 endgültig in Laxenburg. Was dort gelehrt wurde, war mehr als eine neue Tanztechnik. In der dreijährigen Ausbildung ging es um die Verbindung von Körper, Rhythmus, Musik und individueller Gestaltungskraft. Die Bewegung sollte nicht einfach eine musikalische Vorgabe illustrieren; sie sollte aus dem Körper selbst entstehen. Tanz wurde damit Teil eines umfassenderen Projekts: der Suche nach einer anderen, intensiveren Form des Lebens und der Wahrnehmung.
Keine 15 Jahre dauerte die Suche nach einem „gesteigerten Lebensgefühl“, wie Rosalia Chladek die Ziele des künstlerischen Tanzes beschrieben hat. Die Reformbestrebungen und der freie Tanz passten nicht in die NS-Kulturpolitik. Laxenburg Hellerau wurde 1939 endgültig geschlossen.
Dass die Wiener Tänzerin, Choreografin und Lehrende Rosalia Chladek ist nicht nur eine zentrale Figur in der Geschichte von Hellerau-Laxenburg, sondern auch und vor allem für die Wiener Tanzmoderne schlechthin und daher auch in der vorliegenden üppigen Publikation. Aus ihrem reichen Textnachlass hat Andrea Amort, die bis 2023 Professorin an der MUK-Uni Wien war, mithilfe zahlreicher Mitarbeiterinnen einen Katalog erstellen, der die Grundlage dafür war, die „Leerstelle Hellerau-Laxenburg“ im Wiener und niederösterreichischen Kulturleben, letztlich im europäischen Raum sichtbar zu machen und zu schließen.
Amort rekonstruiert diese Welt aus Archiven, Nachlässen und bislang verstreuten Quellen. Dabei geht es nicht nur um die bekannten Namen, sondern ebenso um die vielen Menschen, Beziehungen und internationalen Verbindungen, aus denen diese Tanzwelt bestand. So entsteht das Porträt eines Ortes, an dem sich die Aufbruchsstimmung der europäischen Tanzmoderne in besonderer Dichte beobachten lässt.
Die umfangreiche und reich bebilderte Publikation, Gesteigertes Leben, erzählt damit von einer beinahe vergessenen Utopie der Moderne: vom Versuch, durch Bewegung, Rhythmus und Körperbildung eine andere Form des Menschseins zu entwerfen – und von der gewaltsamen Zerstörung dieser Welt. Zugleich macht das Buch sichtbar, wie viel von der Wiener Tanzmoderne außerhalb der großen Namen und bekannten Bühnen noch zu entdecken ist. Allein das Inhaltsverzeichnis öffnet die Poren, erweitert den Horizont.
Andrea Amort (Hg.) unter Mitarbeit von Sonja Browne und Alfred Oberzaucher: Gesteigertes Leben. Moderne Tanzwelt in Hellerau-Laxenburg bei Wien (1925–39). Inklusive der opulenten Bebilderung und eines ausführlichen Anhangs und opulenter Bebilderung 512 Seite. Hollitzer Wissenschaftsverlag. € 45,00. Online Datei € 44,99.