
Letzte Artikel
- Haben Sie noch Fragen? Eine späte Begegnung mit Rolf Dobelli
- Theater.nuu im Dschungel: Genie
- Ein Monster zu Gast im Dschungel Theaterhaus
- Hellerau-Laxenburg: Das vergessene Tanzlabor
- spitzwegerich: Wasser ist nass oder Alles fließt
- Vergnügen mal drei mit Balanchine, Wheeldon und Ashton
- Alissa Wenz: Die Komponistin, ein Liebesroman
- Von Nordwest nach Südost, brut ist fast angekommen
- Dschungel Wien: Die Kinder sind am Ruder
- Rachel Cusk: Metakaskade im freien Fall
Suche
Haben Sie noch Fragen? Eine späte Begegnung mit Rolf Dobelli

Rolf Dobelli, geboren als Rolf Ulrich Döbeli, was ihn klar als Schweizer ausweist, ist Unternehmer und Schriftsteller und hat mit seinen Büchern, wie kolportiert wird, Millionen Leser*innen erreicht. Und jetzt: Schande! Ich kannte ihn nicht bis ich sein jüngstes Werk Das können nur Sie beantworten, erschienen im Schweizer Diogenes Verlag, in Händen hielt. Es ist der Folgeband des 2025 von Diogenes aufgelegten gebundenen Fragebogens Jetzt sind Sie gefragt.
Aus noch nicht erforschten Gründen ist mir der jedoch diese jüngste Befragung, wie sämtliche anderen Dobelli-Werke, für deren Anzahl bald beider Hände Finger nicht mehr reichen werden, entgangen. Neben den Fragen produziert er Managern (sic) Tipps und auch einige Romane, immer mit dem Fokus auf die Ökonomie. Meine einzige Ausrede für dieses blamable Versäumnis: Ich lebe in etwa 800 Kilometer Entfernung (10 Stunden inklusive Umsteigen mit der Bahn) von Luzern, der Geburtsstadt des smarten Autors, wie er gern genannt wird. Egal, Dobelli selbst muss zugeben, dass niemand alles wissen kann und auch, dass manch Edelstein erst gesehen wird, wenn man darüber stolpert.
Falls Sie jetzt noch Fragen haben: Lebenslauf und Werkliste sind in Wikipedia präsent. Nach deren Studium muss man sich eine der Dobelli-Fragen stellen: Macht Erfolg glücklich? Oder auch: Schützt das Pickerl „Spiegel Bestseller Autor“ vor dem Minuszeichen im Kontoauszug? Dobelli, heuer im Juli 60 geworden, gibt keine Antworten, er stellt lieber selbst bohrende Fragen, nicht nur an die Leser*innen, sogar an das Leben (Fragen an das Leben, Diogenes 2014). Mit 50 hat er übrigens die Leser*innen und wohl auch sich selbst gefragt Wer bin ich? (– 77 indiskrete Fragen, Diogenes, 2017).
Also echt, das wird mir zu viel. Ich ziehe diese ahnungslos erträumte Idee, Dr. Dobelli persönlich kennenzulernen, wieder zurück. Ich melde mich ab. Ich werde die Einladung, falls eine solche überhaupt ausgesprochen wird, den „pragmatischen Stoiker der Modernde / Vordenker der Gelassenheit / brillanten Simplifikator / Vermesser unserer Denkfehler / unermüdlichen Netzwerker / radikalen Pragmatiker“ zu treffen, U-Bahn-Stau, ÖBB-Verspätung passen immer. Auf seine bohrenden Fragen habe ich keine passenden Antworten, ist auch ein Argument.
Die begeisternden Appositionen hat mir die KI auf Google aus Rezensionen und Porträts zusammengestellt. Etwas kritischere Bemerkungen hat das flinke Werkzeug auch gefunden: „Vom Verwalter fremden Wissens zum Millionenseller / Die Vermarktung des gesunden Menschenverstands / Dobelli schafft selten neues Wissen, er kuratiert es massentauglich / Rolf Dobelli verspricht seinen Lesern Seelenruhe durch radikale Vereinfachung. Doch hinter seinen eingängigen Lebensrezepten verbirgt sich eine zutiefst ökonomisierte Weltsicht, die komplexe Wissenschaft in leicht verdauliche Häppchen zerlegt.“ Der letzte Satz stammt laut KI aus www.zeit.de, wirklich bösartig sind sie alle nicht.
Was die KI Anmerkung (für richtige Männer: die Intelligenz, ob künstlich oder natürlich, ist weiblich) nicht gefunden hat, ist der Humor von Rolf Dobelli. Wenn ich seine Fragesätze lese – etwa, „Ist ihre Ehe so etwas wie ein Parkplatz?“, oder „Wie wird die künstliche Intelligenz mit ihren eigenen Sünden umgehen?“ – dann muss schon lachen, bevor ich nachdenke oder sie anderen stelle.
Dass man die Fragebücher als Grundlage für einen unterhaltsamen Abend in kultivierter Gesellschaft benutzen kann, haben schon andere festgestellt.
Begrenzte Öffentlichkeit hilft ja bei der Selbsterkenntnis, denn nicht einmal das Bild im Spiegel ist ehrlich dem Subjekt, das meint, sein wahres Gesicht zu sehen. Der Vogel, scheint mir, hat Humor. So darf angenommen werden, dass der Doktor der Philosophie, dessen Diplomarbeit, Hochschule St. Gallen, 1991 als literarische Premiere die Werkliste anführt, beim Rasieren auch über sich selbst lachen kann. Mir scheint, dass er das Wasser, das er predigt, nicht aus dem Trinkbrunnen schöpft.
Noch ein letztes Wort: Das Buch im Format Kleinoktav liegt gut in der Hand, und sollte stets mitgeführt werden, wie es sich für ein Brevier gebührt.
Rolf Dobelli im Diogenes Verlag
Jetzt sind Sie gefragt, 320 Seiten, Kleinoktav, 2025. € 20,60.
Das könne nur Sie beantworten, 288 Seiten, Kleinoktav, 2026. € 20,60