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Maguy Marin: May B, ein lebendiges Meisterwerk

„May B“: Rätselhafte Gestalten tauchen aus dem Dunkel ans Licht. .

Auch 45 Jahre nach der Uraufführung reißt May B, das Tanztheater der französischen Meisterchoreografin Maguy Marin, das Publikum immer noch zu Beifallsstürmen hin. Keine Gefahr, dass My B im Archiv vermodert. Mit rund 1000 Vorstellungen weltweit hat May B einen besonderen Platz in der Tanzgeschichte erobert. Nach 1997 und 2009 waren die zehn armseligen Gestalten von May B nun zum dritten Mal bei ImPulsTanz im Volkstheater zu Gast.

Neun Figuren, in Unterwäsche und mit Lehm beschmiert, trotzen dem Sturm.Sie kommen aus dem Dunkel und gehen nach anderthalb Stunden mit Pinkeln und Packeln ins Nirgendwo. Neun, manchmal auch zehn gespenstische Wesen in weißer, beschmutzter Wäsche mit kalkigen, lehmbeschmierten Gesichtern und schwarzen Augenhöhlen, trippeln ratlos vor und zurück, wissen nicht, wohin sie wollen, warten, und wissen nicht worauf. Eingeleitet wird das gemeinsame Zappeln und Schlurfen, das Grapschen und Grunzen, die gesamte Verlorenheit und Lächerlichkeit der Figuren von Franz Schuberts Lied Der Leiermann  – „Barfuß auf dem Eise wankt er hin und her.“ –, den letzten Strophen aus dem sattsam bekannten Liederzyklus Die Winterreise.
Bekannt ist auch die Tastsache, die schon im Titel angedeutet ist – B steht (auch) für Beckett –, dass Marin sich in ihrem mit knappen 30 Jahren geschaffenem Tanzstück auf den Schriftsteller und Dramatiker Thomas Beckett (1906 bis 1989) beruft. Seine Sicht auf die Welt, die Dynamik in seinen Dramen, die Gestik seiner Figuren und der Rhythmus seiner Texte haben sie schon als Schülerin fasziniert. Beckett lebte und starb in Paris und schrieb viele seiner Texte auf Französisch, die er selbst in seine Muttersprache, Englisch, übersetzt hat. In den Chroniken ist nachzulesen, dass Beckett einverstanden war, als die junge, noch unbekannte Choreografin gefragt hat, ob sie sich auf sein Werk berufen dürfe. Angeblich hat er ihr auch Tipps für die Begleitmusik gegeben. Wie Beckett hat auch Marin ein Faible für Wortspiele, liebt Franz Schuberts Musik und auch der leise mitunter grell aufblitzende Humor ist beiden eigen. Das gilt für die Stücke Becketts und die Choreografien Marins: Man muss weinen, vielleicht sogar verzweifeln, doch man darf auch lachen und ganz sicher sogar auch hoffen. Der greise Samuel Beckett und die junge Maguy Marin haben einander getroffen und wohl auch über ihre Gemeinsamkeiten gestaunt. Das fertige Stück hat Beckett nie gesehen.

Noch ein wenig zur Musik. Wenn die geisterhaften Figuren zum Leben erwachen, ihre Sexualität entdecken, nach einer Partnerin, einem Partner suchen gehen, Zärtlichkeit aber auch Gemeinheit und Bösartigkeit entdecken, erklingt Marsch- und Karnevalsmusik. Später, bei einem Geburtstagsfest, drängt die Gier der Menschen an die Oberfläche. Schubert begleitet auch Tortenschmaus und Kerzenschimmer. Das Finale gehört Schubert nicht ganz, nach ihm ergreift Gavin Bryars des Mikrofon. Davor aber: Der Doppelgänger nach einem Text von Heinrich Heine: „Da steht auch ein Mensch und starrt in die Höhe, / Und ringt die Hände, vor Schmerzensgewalt; / Mir graust es, wenn ich sein Antlitz sehe, / Der Mond zeigt mir meine eigne Gestalt.“ Trost kommt von Bryars’ Komposition: Jesus Blood Never Failed Me Yet / Jesu Blut ließ mich noch nie im Stich. Es sind 13 Takte, die eine raue Stimme ein einer Schleife wiederholt, während die Musik durch hinzukommende Instrumente immer dichter wird. Bryars hat die Stimme des unbekannten Obdachlosen 1971 auf einer Straße von London für einen Dokumentarfilm über das Leben von Menschen auf der Straße aufgenommen und erst später für die geloopte Komposition verwendet. Für die erste LP beschränkte er sich auf 25 Minuten, 1993 ist eine CD mit einer 74-minütigen Version erschienen. Wir sind dumm, gierig, gemein und unbelehrbar, dennoch lässt Maguy Marin  nicht geknickt nach Hause gehen Gemeinsam mit Gavin Bryars spendet sie in ständiger Wiederholung Trost und Hoffnung, Die röchelnde Stimme des Unbekannten begleitet einen in der Mitte der Bühne aufgepflanzten Menschen, der mit einem Zitat der Choreografin Verbindung  zum Werk des Dichters deutlich macht: „Fini, c‘est fini, ça va finir, ça va peut-être finir.“ Übersetzung: „Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende“ oder auch „Aus, es ist aus, es wird aus sein, es wird vielleicht aus sein.“ Es ist der erste Satz aus Becketts Drama Endspiel, der Magy Marins kaum mehr schockierendes, doch immer noch beeindruckendes Werk beendet. Mitten im Zitat wird applaudiert. Also doch nicht beeindruckend! Oder zu lang?
Wie auch immer, May B ist ein Klassiker und wird von jeder Generation anders gesehen werden. Zum einen, weil die neue Theatralik des Tanzstückes, die formale Überraschung heute nicht mehr neu und kaum noch schockierend ist. Was Marin gewagt hat, ist vor allem im hybriden Genre der Performance Bühnenalltag geworden. Auch so manche Skurrilität des Regietheaters rufen statt Schock und Grausen nur noch ein Lächeln hervor. Auch Samuel Beckett ist nicht mehr der König der Theaterbühnen, auch wenn das Erfolgsstück Warten auf Godot (Original: En attendant Godot) immer noch die Spielpläne ziert und neues Publikum begeistert.
Dass sich die Zeiten und das Lebensgefühl geändert haben, tut dem  Kunstwerk nicht weh. May B ist kein Kommentar zur aktuellen Situation, nicht damals bei der Uraufführung und nicht heute in Zeiten der Kriege, der Social Media und der KI. May B von Maguy Marin ist zum Meisterwerk gereift, auch wenn sich der Grund für den Erfolg immer wieder verändert. Das Urteil „aus der Zeit gefallen“ ist ebenso berechtigt wie die Gegenstimme, die „zeitlos“ sagt.
Wie so oft kommt es auf die Perspektive an.

Cie. Maguy Marin: May B., ImPulsTanz im Volkstheater, 21., 22. Juli 2026.
Choreografie: Maguy Marin; Performance. Kostia Chaix, Kais Chouibi, Liah Frank, Lazare Huet, Louise Marotte, Lisa Martinez, Alaīs Marzouvanlian, Isabelle Missal, Rolando Rocha, Ennio Sammarco;
Lichtdesign: Alexandre Beneteaud, Albin Chavignon; Kostüme: Louise Marin, Originalmusik: Franz Schubert, Gilles de Binche, Gavin Bryars.
Fotos: Hervé Deroo, Timo Douet