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Ballett: Magische Momente mit Manon

Im Salon von Madame, die Manon (Madison Young) hochleben.

Endlich! Kein Debüt, Tänzerinnen und Tänzer, die wissen, was sie tun und wer sie sind, ein Dirigent und sein Orchester agieren im Einklang mit dem Bühnengeschehen. In der 73. Vorstellung, der 4. in der Serie der Wiederaufnahme des Balletts Manon von Kenneth MacMillan überzeugten sämtliche Beteiligen vom hohen Niveau des Wiener Staatsballetts.

Manon ist verliebt und fühlt sich im Himmel. (Erste Solotänzerin Madison Young)Die Besetzung der ersten Vorstellung der Wiederaufnahme des Handlungsballetts darf noch einmal auf die Bühne. Spitzenkunst ohne Debütfieber. Das ist nicht allen Tänzer*innen der Compagnie vergönnt. Für viele Solorollen ist nach dem Rollendebüt auch schon wieder Schluss. Wie beglückend es ist, wenn neben der perfekten Technik auch das Rollenverständnis vertieft wird und gemeinsam mit dem Dirigenten und dem Orchester (Massenet liebt den weichen Klang des Cellos) eine harmonische, bruchlose Vorstellung gelingt, in der Spitzentanz und Rollenverständnis zu einer bewegenden Geschichte verschmelzen. Noch ist das  Liebespaar (Madison Young, Allesandro Frola) glückselig.
Wie perfekt diese 4. Vorstellung in einer Serie von sieben gelungen ist, kann auch an Rollen studiert werden, die nur scheinbar leicht zu ersetzen sind. Eno Peçi als Aufseher im 3. Akt: Körperhaltung und Mienenspiel, die Bände sprechen. Gelangweilt und mit seinem Posten in der Strafkolonie unzufrieden, überblickt er stoisch das Geschehen. Erst beim Anblick von Manon erwacht er, schiebt die Unterlippe vor und lässt Geilheit aufflammen. Dann aber nach dem Gewaltakt, ist er von sich selbst angewidert, übertüncht dieses Gefühl mit einer neuerlichen Gräueltat. Der berühmt-berüchtigte Pasde trois: Monsieur G.M und Lacroix schupfen Manon herum, als wäre sie ein totes Objekt. (Marcelo Gomes, Madison Young , Alessandro Cavallo)Ebenso fein ziseliert legt auch Marcelo Gomes die Rolle des Monsieur G.M. an. Der in Brasilien gebürtige ehemalige Principal Dancer am American Ballet Theatre ist Leiter des Teams der Ballettmeister*innen und hat sich diese Rolle wohl selbst zugeteilt. Gut so! Einem Kammerspiel gleicht seine Darstellung des ältlichen Lebemanns G.M. im Salon von Madame (2. Akt). Monsieur G.M. (Marcelo Gomez) mit seiner neuen Eroberng, Manon (M. Young), im etwas zwielichtigen Salon von Madame.Jede kleine Handbewegung hat hier ihren Sinn, doch später, in seiner Wut über den Betrug beim Kartenspiel, fällt die noble Tünche ab, der Düpierte zeigt unbeherrscht Brutalität und Grausamkeit. Schon im aufregenden Pas de trois von Monsieur G.M., Manon und Lescaut, dem verschlagenen Bruder Manons im 1. Akt werden die Charaktere vom Choreografen klar dargestellt, quasi durchleuchtet. Abscheulich gierig stürzt der Käufer G.M. über seine Ware her, gierig auch der Verkäufer, Lescaut, ohne Lohn ist Berühren verboten. Manon (M. Young) wird von der unterhaltungssüchtigen Gesellschaft umschmeichelt und meint, sie könne beides haben: Liebe und Gold.Dieser Pas de trois ist so abstoßend wie beeindruckend. Manon, von ihrem Bruder manipuliert, wird wie ein Paket zwischen den beiden Männern hin und her geworfen und mit Glitzerzeug willenlos gemacht. Den Darsteller desG.M. muss man lieben, die Rolle jedoch ist verabscheuungswürdig.
Fröhlichkeit und Witz blüht nur in er Eröffnungsszene im Hof eines Wirtshauses auf. Es sind die Bettlerbuben und ihr König (Géraud Wielick), die schmunzeln lassen. Das Lächeln gefriert allerdings, wenn der Wagen mit den zu deportierenden Frauen durch den Hof fährt, das Elend erschreckt selbst die verschmitzten Buben. Die Geliebte von Manon (Rosa Pierro, links) und die fünf Kurtisanen.
Madison Young zeigt alle Facetten der zwischen Liebe und Luxus zerrissenen jungen Frau, klammert sich bis zum Ende an ihr Leben, das sie verspielt hat. Wenn sie die Geschenke von G.M. annimmt, blitzen die Gefahren ihres Tuns kurz auf, doch die Verlockung eines anderen Lebens ist zu stark, die warnende Ahnung wird schnell weggewischt. Noch glauben Manon und Des Grieux an ein Leben im Glück. (M. Young, A. Frola)Wirklich bereut die von Madison Young verkörperte Manon nichts, auch nicht den Verrat an dem von ihr wirklich geliebten Des Grieux, der für sie auch zum Mörder wird und sie dennoch nicht verlässt.Im letzten Akt offenbart die Erste Solotänzerin ihre tänzerisches und darstellerisches Vermögen. Dieses Aufbäumen, um das Leben zu behalten, rührt tiefer an, als ihr Tod und der ehrliche Schmerz von Des Grieux (Alesandro Frola). Als Zuschauerin mit aktiven Spiegelneuronen ist man gut beraten, das Liebespaar auf der Bühne nicht mit den darstellenden Personen zu verwechseln. Das springende Jungheerren-Komittee: Victor Cagnin, Rinaldo Venuti, Duccio Tariello.Dirigent Ermanno Florio tut dies sicher nicht, er hat das von Martin Yates orchestriertes und arrangiertes Pasticcio aus Melodien von Jules Massenet in Kopf und Körper und kann sich intensive Blicke auf die Bühne gestatten. So wird er zum mittanzenden Teil der Vorstellung und das Orchester ist nicht mehr Begleitung, sondern integrierte Gestalterin der Aufführung. Ermanno Florios Hochform wurde vom Publikum mit einem besonders warmen Applaus und Bravorufen honoriert. Applaus. Die vielen durchreisenden Besucherinnen des Abends waren anscheinend vor allem an der Musik interessiert.

Manon, Ballett in drei Akten, 73. Vorstellung, 2. Juni 2026.
Choreografie und Inszenierung Kenneth MacMillan; Musik: Jules Massenet, orchestriert und arrangiert von Martin Yates; musikalische Leitung: Ermanno Florio.
Manon: Madison Young; Des Grieux: Alessandro Frola; Lescaut: Alessandro Cavallo; Monsieur G.M.: Marcelo Gomes; Lescauts Geliebte: Rosa Pierro; Der Aufseher: Eno Peçi; Madame: Franziska Wallner-Hollinek; der Bettlerkönig: Géraud Wielick; Kurtisanen: Natalya Butchko, Laura Cislaghi, Gaia Fredianelli, Anita Manolova, Julia Tcaciuc; junge Herren: Victor Cagnin, Duccio Tariello; Rinaldo Venuti.
Das Wiener Staatsballett, Orchester der Wiener Staatsoper
Fotos: © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor