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Manon: Rollendebüts in Serie

Armut macht agressiv. Aufstampfen der Bettler im 1. Akt.

Staatsoper, 27.5.: Schon wieder eine Manon mit Debüts en masse. Auch in der dritten Vorstellung der Wiederaufnahme des Handlungs-balletts Manon von Kenneth MacMillan – insgesamt die 72. Vorstellung an der Staatsoper seit der Premiere 1993 – sind alle Solorollen neu besetzt: Einmal den Applaus genießen! Die nächsten stehen schon der Warteschlange. Wenn jede / jeder alles tanzen kann und Corpstänzerinnen den Platz erster Solistinnen einnehmen, sehen wir getretenen Quark – breit statt stark.

Die Gesten seh ich wohl, allein mir fehlt die Emotion. (Alice McArthur, António Casalinho)Ein Glück, dass die Handlung bekannt ist und für Neulinge im Programmbuch nachzulesen ist, zu erkennen war sie an diesem Abend nämlich nicht. Als Manon agierte die Corpstänzerin Alice McArthur, eine niedliche Ballerina, die keine Ahnung hat, wen sie darstellen soll. Ich zitiere die Tanzwissenschaftlerin Anna Beke, die im Programmbuch schreibt:

Die grundlegende Spannung zwischen literarischem Text und körperlicher Darstellung bleibt konstitutiv für das Literaturballett. Der „Text“ des Tanzes existiert ausschließlich im Moment seiner Aufführung und ist untrennbar an den Körper der Interpret*innen gebunden.

Alice McArthur tanzt, kennt aber den Text nicht. Manon hat keine Moral, Alice MacArthur hat keine Ahnung. Solotänzerin Margarita Fernandes ist für einen Abend Lescauts Geliebte.Sie bleibt eine etwas blasses Figürchen auf einer drehenden Plattform.
Ihr Partner ist der Erste Solotänzer António Casalinho, der dritte Debütant als Des Grieux. Weil diese Debüts ja Schlag auf Schlag folgen, meine ich, nicht fehlzugehen in der Annahme, dem mit Asterisk gestirnte Ensemble sei keine Bühnenprobe gegönnt worden. Casalinho irrt im ersten Akt verloren auf der von Bettlern und spazierenden Damen bevölkerten Bühne umher; steht im 2. Akt hilflos in der Ecke und zeigt im dritten Akt, dass er sich redlich bemüht, die Erschöpfung der jungen Tänzerin auszugleichen.
Der Italiener Rinaldo Venuti versucht sich als Lescaut.Die nächste Vorstellung, am 2. Juni, ist ein Ausreißer aus der irritierenden Besetzungsusance: Madison Young, Alessandro Frola, Alessandro Cavallo und Rosa Pierro, die angekündigt sind, haben schon die Wiederaufnahme am 16. Mai getanzt. Young ist Manon und Frola ein hinreißender Des Grieux. Am 9. Juni wird das Experiment fortgesetzt: Debüt für Elena Bottaro (Manon), Duccio Tariello (Lescaut), Sinthia Liz (Lescauts Geliebte); Victor Caixeta hat als Des Grieux das seltene Glück, die Rolle weiterzuentwickeln und zu vertiefen. Er hat Manons große Liebe bereits ein Mal, am 21. Mai, getanzt. Damals mit Cassandra Trenary. Alice McArthur und ihre Kolleg*innen müssen sich auf einen Parforceritte einlassen, risikoreich und nicht gefahrlos. Manon zwischen Monsieur G. M. und ihrem Bruder, Lescaut. (Igor Milos, Alice McArthur, Rinaldo Venuti)
Nichts dagegen einzuwenden, wenn Corpstänzer*innen sich Schwierigkeiten mutig stellen und die Möglichkeit erhalten, sich an der Rampe auszuprobieren, doch sie in eine Rakete zu setzen und hochzuschießen, heißt Chancen nehmen, statt zu geben. Vor zehn Tagen hat sich McArthur noch als mehr oder weniger ehrenwerte Dame unauffällig inmitten des Corps bewegt. Dass sie überdies einer der acht Ersten Solistinnen ihr gutes Recht auf eine Solorolle nimmt, ist ihr nicht vorzuwerfen. Sie ist eingeteilt worden.
Es gibt auch Erfreuliches zu berichten. Die fünf Kurtisanen tanzen nahezu alle in sämtlichen bisher gezeigten Vorstellungen. Herausragend dabei die beiden Streithennen Gaia Fredianelli und Julia Tcaciuc. 2. Akt, im Salon von Madame: Gruppembild mit Rosa Pierro als Lescauts Geliebte (16, Mai und, hurra ein zweites Mal,  auch am 2. Juni)In der aktuell besuchten Vorstellung hat die Halbsolistin Anita Manolova in der Gruppe getanzt, ihre Rolle im Quintett der Kurtisanen hat die Italienerin Chiara Uderzo (seit 2018 im Corps de ballet des Wiener Staatsballetts) übernommen. Nahtlos hat sie sich in das Quartett mit Natalya Butchko, Laura Cislaghi, Fredianelli und Tcaciuc eingereiht. Erinnerung an das Neujahrskonzert 2026 mit einem Ersten Solotänzer als Hahn im Korb: Gaia Fredianelli, Anita Manolova, Alessandro Frola,Tatiana Mazniak, Natalya Butchko, Laura Cislaghi. Fotot: ORF / Thomas JantzenDie Tänzerinnen haben verstanden, worum es dem Choreografen geht, auch kleine Rollen hat er ausgefeilt, den Figuren Individualität und Charakter gegeben. Je öfter die Tänzer*innen eine Rolle verkörpern, desto besser verstehen sie, wer sie sind, können sich von der Technik lösen und an der Gestaltung arbeiten. Der Halbsolist Rinaldo Vinuti, hat diese Chance nicht bekommen.Denn sie wissen nicht, was sie tun. (Alice McArthur, António Casalinho) In zwei Vorstellungen ist der Halbsolist aus Italien im Trio der „jungen Herren“ gesprungen, unversehens ist er zu Lescaut mutiert. Ein Debüt, wie auch es auch Solotänzerin Margarita Fernandes als Lescauts Geliebte gegeben hat. Das Rollendebüt als junger Herr war dem verlässlichen Tänzer Trevor Hayden, der auch als Choreograf bereits heftiges Lob geerntet hat, gegönnt. Mit nötiger Zurückhaltung und freundlicher Fürsorge für ihre Truppe leichter Mädchen hat Céline Janou Weder ihr Debüt als Madame gestaltet.

Manon, Ballett in drei Akten, 72. Vorstellung, 27. Mai 2026.
Choreografie und Inszenierung: Kenneth MacMillan; Musik: Jules Massenet, musikalische Leitung: Ermanno Florio.
Tänzerinnen und Tänzer: Alice McArthur, António Casalinho, Rinaldo Venuti, Margarita Fernandes Igor Milos, Zsolt Török, Céline Janou Weder haben ihr Rollendebüt gegeben.
Wiener Staatsballett in der Staatsoper.
Foto: © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor