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Die geheime Sehnsucht des Jack Paton, Roman

Gerade hat der Sommer mit einem Knall angefangen, ein halbes Jahr steht noch bevor, doch ich habe bereits mein Buch des Jahres gewählt. Etwas Schöneres, Einfacheres, Vergnügliches und auch eine bessere aufrichtigere Leseempfehlung als Malachy Tallacks zweiten Roman, Der Ozean so wild und weit, werde ich in diesem Jahr nicht mehr finden. Der Autor erzählt von Jack Paton, der gerne ein Star der Countrymusik geworden wäre. Doch die Shetlandinseln, wo Jack seit seiner Geburt vor gut 60 Jahren lebt, gehören zu Schottland, wo man andere Lieder singt. 

Der Autor allerdings, selbst Shetlander, hat es geschafft, er ist nicht nur Schriftsteller und Journalist, sondern auch Komponist, Dichter und Sänger, ein Singer-Songwriter also. Die englische Sprache hat ihre Vorteile. Niemand würde Malachy Tallack als Sänger-Liedschreiber bezeichnen. Der deutsche Titel – Der Ozean so wild und weit – weckt die Sehnsucht nach dem Meer und einer kühlen Brise. Für Festlandbewohnerinnen ist jedes meerumspülte Land ein Sehnsuchtsort. Für die Einwohner meist weniger, ihre Beziehung zum Meer ist zwiespältig, ist es doch Lebensgrundlage und Bedrohung zugleich. So fängt der Roman mit dem musikalischen Originaltitel The Beautifull Atlantic Waltz auch mit einem lebensbedrohlichen Sturm und einer riesigen Welle, die der n der junge Sonny auf einem Walfänger im Polarmeer erlebt, und wie alle Männer an Bord überlebt. Drei Jahre hat er auf dem Schiff gearbeitet, doch jetzt hat er genügend Geld, um in seine Heimat auf den Shetlands zurückzukehren und die süße Kathrin mit den Honigaugen zu heiraten. 1957 wird Hochzeit gefeiert, drei Jahre später kommt Jack zur Welt. Wie Sonny und Kathleen in dem alten Cottage weitab vom Meer geschützt durch einen Bergrücken, Hamar genannt, mit dem Leben zurechtgekommen sind, ist praktisch die Vorgeschichte, die sich immer wieder in die Hauptgeschichte vom alten Jack Paton einschleicht, sodass der Roman zwischen den beiden Zeitebenen switcht. Ein Jahr verbringen die Leserinnen mit Jack und werden am Ende mit ihm seinen 63. Geburtstag feiern. Davor allerdings sitzt der Zufall vor der Tür seines alten Cottages. Jack braucht etwas Zeit, um zu begreifen, dass der Zufall ein Glücksfall ist und dieses Glück gleich im Doppelpack kommt.
Gerne würde ich auf die Shetlands reisen, um Jack zu besuchen. Wind und Wetter, Sturm und Nebel draußen, drinnen am Kaminfeuer ich mit einem Glas schottischen Whiskys  im neben Jack, der in seinem Lehnstuhl sitzt und die Gitarre zupft.  Jack Paton war schon als Kind ein wenig sonderbar, einsilbig, ohne Freunde nur mit dem Großonkel, bei dem die kleine Familie gewohnt hat, hat er sich unterhalten, ist später mit ihm aufs Feld gegangen, hat manche Arbeit mit ihm geteilt. Sonny und Kathleen hatten ihre eigene Arbeit und waren wenig zu Hause. Ich würde sagen, der umgängliche alte Mann ist nicht sozialisiert. Einmal vor mehr als 40 Jahren kannte er ein Mädchen, mit dem er sich gerne unterhielt. Doch der Vater Vinas war gegen eine Verbindung, also zog sich Jack wieder zurück, lebte still und genügsam sein anspruchsloses Leben, träumte heimlich von einem ganz anderen Leben, unternahm jedoch nichts, um den Traum vom berühmten Country-Sänger wahr werden zu lassen. Doch Vina hat Jack niemals aus den Augen gelassen. Jack weiß nicht, dass er einen Schutzengel hatte.
Bis diese Schachtel vor seiner Tür liegt, und er nur eine einzige Erklärung für das Paket findet: ein Scherz der Dorfjugend, passiert nicht viel. Und doch kann ich mich von Jack nicht trennen, immerhin holt er ja manchmal die alte Gitarre, die ihm ein Nachbar einst geschenkt hat, hervor und summt eine Melodie, sing den Text denn er in ein Heft gekritzelt hat. Oder legt sich eine Platte auf, von Loretta Young oder Hank Williams.
Was das die Country Music, das Komponieren, Dichten und Gitarrespielen betrifft, hat Jack ein gutes Stück vom Autor selbst bekommen. Malachy Tallack hat zu seinem zauberhaften, leisen Roman auch die passende Musik geschaffen. That Beautyful Atlantic Waltz ist der Originaltitel des Buches und zugleich eines Albums, das auf bandcamp.com angehört und um 7 £ (etwa € 8,12) heruntergeladen werden kann. Der deutsche Titel, Der Ozean so wild und weit, ist nicht aus der Luft gegriffen, es ist die Überschrift des letzten poetischen, besser: märchenhaften, Kapitels, in dem das Unglück 1981 imaginiert wird, als der introvertierte Jack zum Waisen wurde.

I was waltzing on the waves, I was foolish, I was brave
I was doing the best that I could.
I let down my guard, the sea hit me hard
And it took me like a piece of driftwood.

Wenn Jack die Gitarre in die Hand nimmt, dann ist er ein neuer Mensch, er ist viele Menschen. Ich meine, Jack leidet am Asperger-Syndrom und kann nicht so, wie er gerne möchte. Doch Tallack psychologisiert nicht, analysiert nicht, beobachtet Jack, und lässt ihn sein, wie er ist.  Es wird nichts erklärt, dennoch hat jeder Satz eine Bedeutung. Der Autor, denke ich, schreibt langsam und bedächtig, sein Blick ruht lange auf der Natur und Menschen und so sieht er unter die Erdkruste und die Haut der Lebewesen (also, die Katze muss nicht unbedingt denken, aber ein wenig Shetland-Humor schadet ja nicht), und der Roman entfaltet einen Zauber, der mich, die ich normalerweise ungeduldig bin und Beschreibungen von Käsebroten und Einkaufsausflügen bestenfalls überfliege, nicht loslässt.  

 : Der Ozean so wild und weit / That Beautyful Atlantic Waltz, aus dem schottischen Englisch von Paul Berr und Cornelius Reiber. 288 Seiten, Luchterhand, 2026. . € 24,70
Der deutsche Titel ist nicht aus der Luft gegriffen, es ist die Überschrift des letzten überaus poetischen, märchenhaften Kapitels, in dem das Unglück 1981 geschildert wird, als der introvertierte Jack zum Waisen wurde.