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Kenneth MacMillan: Manon, zwischen Liebe und Gold

Im Salon von Madame: Victor Cagnin, Rinaldo Venuti, Duccio Tariello.

zum ersten Mal tanzte sich die junge Manon 1992 in der Wiener Staatsoper in den Tod und auch in die Herzen des Publikums. Kenneth MacMillans herzergreifende Choreografie zählt seit der Uraufführung 1974 mit dem Royal Ballet in London zu den Spitzenwerken abendfüllender Handlungsballette. Bis 2013 wurde das Ballett in Wien 69 Mal gezeigt. Die Auffrischung nach der langen Pause hat ihm nichts anhaben können. Wieder rührt Manon das Publikum und reißt es wieder zu Beifallsstürmen hin. Die erste von sieben Vorstellungen, am 16.5., war geprägt von Debüts aller auftretenden Mitglieder des Staatsballetts.

Madison Young bezaubert als Manon.Der 16. Mai war für das gesamte Ensemble eine Premiere. Da wird nicht laut gemeckert, man weiß schon, das Corps muss sich erst eintanzen. Der Beginn schleppt sich etwas dahin. Alessandro Cavallo und Rosa Pierro, als Bruder der Titelfigur Lescaut und seine Geliebte, bringen etwas Schwung in das etwas dröge Treiben auf dem Hof. Doch danach! Eine Erscheinung. Alessandro Frola als Des Grieux: Manon verliebt sich stante pede in den Studenten und das Publikum tut es ihr gleich, vernarrt sich mit stockendem Atem in den Ersten Solotänzer. Sprungkräftig, biegsam und elegant zeigt der 25-jährige Italiener mit frappierender Bühnenpräsenz, wie man Liebe tanzt. Manon und Des Grieux (Madison Young, Alessandro Frola): Die innige Lebe hält nicht lange.Entsprechend atemberaubend glänzt auch die brillante Erste Solistin Madison Young in der Titelrolle. Betreut von Direktorin Alessandra Ferri, ist an diesem ersten Abend der Wiederaufnahme ein Traumpaar zu sehen.
Heimische Ballettfans kennen den Inhalt, er muss nicht erzählt werden. Wenig Ahnung haben meist die angereisten Gäste, die jedoch feiern als Zuschauerinnen in der Staatsoper meist Premiere und Derniere an einem Abend und ziehen schon am nächsten Morgen weiter nach München oder Zürich. Halnsolisr Alessandro Cavallo ist Lescaur, der verkommene Bruder von Manon.Allerdings erklärt sich MacMillans Choreografie zur Musik von Jules Massenet von selbst. Tänzerinnen und Tänzer sprechen mit dem Körper, erzählen vom Wirbel der Hormone und der Sehnsucht nach einem Leben im Luxus, von weiblicher Verführbarkeit, von Machtgehabe und Gewalt.
Es sind keine Märchenfiguren, schlafend hinter Dornenhecken, flügelschlagend am See, sondern lebendige Menschen, Frauen und Männer, unter denen jede und jeder die passende Identifikationsfigur findet. Junge Männer leben vom Betteln, die Frauen verkaufen ihren Leib. In der Mitte: Géraud Wielick als kKönig der Bettler.MacMillan siedelt die Geschichte gut 50 Jahre später als der Erzähler des ursprünglichen Textes, Abbé Prevost (1697–1763), der seine aus dem Leben erzähle Geschichte an den Anfang des 18. Jahrhunderts stellt, in der Zeit unmittelbar vor der Französischen Revolution an, als die Gräben zwischen dem armen Volk auf der Straße und den reichen Prassern in den Palästen immer tiefer wurden.
Noch scheint die Welt in Ordnung, doch das Paar ist arm und die Stube kalt. Monsieur G. M. lockt mit einem warmen Mantel.Obwohl es im Ballett nicht so Usus ist wie in Opernaufführungen, nämlich die Zeit der originalen Handlung zu missachten und ein eigenes Stück zu basteln, gibt es diese Versuche auch im Tanztheater. So hat Akram Khan eine gut funktionierende aktuelle Version des romantischen Balletts Giselle, uraufgeführt 1841, auf die Bühne gebracht und erst kürzlich hat das finnische Nationalballett Giselle im 20. Jahrhundert leben lassen. Der künstlerische Leiter des Balletts, Javier Torres, hat die Handlung in ein italienisches Dorf der 1950er Jahre versetzt. Manon verzichtet lauf die Liebe und wählt das Gold. (M. Young, mit Marcelo GomesDie Erzählung folgt zwar dem Handlungsstrang, aber von Romantik gibt es keine Spur mehr, vor allem im 1. Akt geht es hart zu, Giselle verliebt sich in einen charmanten Mafioso.
Nicht nur die Sonne knallt auf die Dorfjugend herab. Den zweiten Akt lässt Torres nahezu unberührt, das betrogene Mädchen landet im Fantasyland und bezaubert das Publikum durch die Magie des Unheimlichen. (Gesehen auf Arte.tv)
Noch leichter, weil allein die Magie echter Emotionen mitspielt, ist Manon ins Heute zu übertragen. Das glückliche Paar, Manon mit Des Grieux (M. Young, A. Frola).Doch davon demnächst, wenn ich eine Vorstellung mit anderer Besetzung gesehen habe.
Zurück zur aktuellen Aufführung, die einen Blick zurück ins 18. Jh. gewährt und im Publikum helle Begeisterung hervorgerufen hat. Das gesamte Ensemble wurde mit Hochrufen bedacht. Doch die innigsten Ovationen galten dem Hauptpaar, Madison Young und Alessandro Frola. Immer von Neuem wurden sie vor den Vorhang gerufen, bis das Servicepersonal wie üblich der Begeisterung ein rüdes Ende setzte.

Manon, Ballett in drei Akten. Wiederaufnahme (70. Vorstellung in der Staatsoper), 16. Mai 2026. Weitere Vorstellungen.
Choreografie und Inszenierung: Kenneth MacMillan; Musik: Jules Massenet, orchestriert und arrangiert von Martin Yates; musikalische Leitung: Ermanno Florio.
Bühne und Kostüme: Peter Farmer; Einstudierung: Gregory Mislin, Laura Morera; Coaching: Alessandra Ferri;
Ballettmeisterinnen: Pino Alosa, Lukas Gaudernak, Marcelo Gomes, Barbora Kohoutková, Louisa Rachedi.
In den Hauptrollen: Madison Young, Alessandro Frola, Alessandro Cavallo, Rosa Pierro; Géraud Wielick, Eno Peçi und Marcelo Gomes als Monsieur G.M.
Orchester der Wiener Staatsoper: Wiener Staatsballett.
Fotos: Wiener Staatsballett / Ashley Taylor