
Manon mit Debüts: Kein Mitleid mit dem Flitscherl

In der zweiten Aufführung der Wiederaufnahme des Ballett Manon von Kenneth MacMillan – rechnet man alles in allem, dann ist es die 71. Vorstellung in der Staatsoper – sind die Hauptrollen neu besetzt. Cassandra Trenary, Victor Caixeta, Davide Dato, Ioanna Avraam1), Geraud Wiellick und Gaspare Li Mandri werden mit einem Sternderl (Asterisk) neben dem Namen, markiert, weil sie ihre Rollen zum ersten Mal tanzen.
Zeit zur Entwicklung und Vervollkommnung der Rolle bleibt nicht, die nächste Vorstellung werden Manon und Des Grieux, Lescaut und seine Geliebte, Monsieur G.M. und der Bettlerkönig wieder von neuen Koryphäen tänzerisch interpretiert. Am 21. Mai hat Cassandra Trenary eine völlig neue Manon gezeigt, Eine junge Frau, die bereits mit allen Wassern gewaschen ist, keinen Bruder benötigt, der sie verkauft, sie verkauft sich frisch und frech gleich selbst.
Liebe, dieses tiefe Gefühl der Zuneigung, ist ihr fremd, wenn sie liebt, dann vor allem Gold und Silber. Von Anfang an ist diese Manon verdorben , Trenary zeigt auch, dass sie genau weiß, wie sie enden wird, aber es ist ihr egal. Zu tiefen Gefühlen ist diese Manon nicht fähig. Als Des Grieux ist Victor Caixeta auf verlorenem Posten. Sein Auftritt im 1. Akt geht im Gewurl von Bettlern und flanierenden Bürgerinnen und Hochwohlgeborenen nahezu ungesehen unter. Das erste Solo könnte fließender, inniger sein, doch liegen dem Ersten Solotänzer wohl hohe Sprünge und kräftige Beinarbeit näher als der Fluss weicher Armbewegungen. Doch glaubt man ihm die Liebe, die Kränkung uns die Treue, muss sich jedoch fragen, wieso der belesene Student das Flitscherl nicht durchschaut. Irgendwann müsste der Testosteronspiegel doch sinken.
Viel Freude bereitet des 2. Paar, Lescaut seine Geliebte, Davide Dato und Ionna Avraam. Dato, Publikumsliebling Nummer 1, was vor allem am Stehplatz, der nicht von flüchtigen Gästen, auf deren Reiseprogramm „heute Opernabend“ steht, durchsetzt ist, zu hören ist, Dato also ist präsenter Tänzer und Darsteller zugleich und vermeidet geschickt zu outrieren. Den verschlagenen Zuhälter nimmt man ihm ebenso ab wie den taumelnden Trunkenbold. Im Pas de deux Avraam, gelingt eine fast kindliche Heiterkeit, ein Spiel eines fröhlich verliebten Paares. Eno Peçi ist ein wunderbar widerlich Monsieur G. M., in Wahrheit angeekelt vom lasterhaften Treiben, gemein und rachsüchtig, wenn er betrogen worden ist. Géraud Wielick ist ein eiskalter, auf seinem Posten gelangweilter Aufseher, dessen Gewaltbereitschaft unter der sauberen Uniform schlummert. Niemand trauert um ihn, nachdem der rasende Des Grieux ihm das Messer in die Leber gebohrt hat. Doch auch um Manon, die in den Sümpfen von Louisiana noch immer vom goldenen Glück räumt und, im speziellen Fall von Cassandra Trenarys Interpretation, nichts gelernt hat, ja sich nicht verändert hat, trauere ich auch nicht. Das heißt, dieser Abend hat mich gefühllos zurückgelassen. Ich registriere ,dass sich die wuselnden Corps-Szenen, die die Handlung nicht vorantreiben, sondern verdünnen, geordnet haben und Dirigent Ermanno Florio, der schon 2013 mit vom britischen Dirigenten Martin Yates (*1958) arrangierten und orchestrierten Musik von Jules Massenet vertraut war, vom Applausgewitter ballettfernen Publikums, das nach jedem Hüpfer in die Hände klatscht, als würde es einer Nummernrevue im Zirkuszelt bewohnen, durch entschlossenes Heben des Taktstockes ein rasches Ende bereitet. Einen Lernprozess setzt er damit nicht in Gang, ist auch nicht möglich, bei der nächsten Vorstellung sind die applauswütigen Gäste bereits abgereist und neue eingetroffen.
Einlösung des Versprechens nach der 1. Vorstellung von Manon am 16. Mai. Wie gesagt, auch wenn es im Ballett kaum üblich ist, die Handlung zu aktualisieren (und natürlich auch nicht notwendig), sind die Personen dieses besonderen Balletts, das von echten Menschen + echten Gefühlen erzählt, ohne großen Aufwand in die Gegenwart zu versetzen. Spielhöllen und Seitenblicke-Events gibt es zur Genüge. Auch an Verderbern, die die eigene Schwester an lüsterne Edelgreise verschachern fehlt es nicht. Manon ist Influencerin, die weniger am Gold als an der Nadel und der Pillendose hängt. Am schwierigsten ist die Rolle von Des Grieux zu aktualisieren. Er ist nämlich das wahre Opfer, naiv und treu, wird er von ihr, ob süchtig nach Luxus oder Drogen, in den Abgrund mitgerissen. Den auch heute vorhandenen Unterschied zwischen Oben und Unten, Prassern und Hungerleidern, macht das Corps de ballet im Kostüm von Migrantinnen, Obdachlosen und alleinerziehenden Müttern, von Anzugträgern, Baulöwen oder dreifachen Aufsichtsräten augenfällig. Deshalb wird die traurige Geschichte der jungen Manon so geliebt, weil die Menschen heute nicht viel anders sind als ihre Vorfahren damals und sich Zuschauerin und Zuschauer mit ihnen identifizieren können. Gerade weil Manon selbst schuld an ihrem Untergang ist, bekommt sie unser Mitgefühl. Die edle Tat der Violetta Valerie, genannt Kameliendame, auf die Liebe zu verzichten, um dem Geliebten das Erbe zu retten, ist nicht so leicht zu verstehen.
Der aufregende und schwierige finale Pas de deux, in dem sich Manon gegen den Tod aufbäumt, hat den langanhaltenden Applaus verdient. Das kalte Herz ist an diesem Abend nicht warm geworden, statt das Leid einer Sterbenden habe ich nur die Präsentation hoher Tanzkunst gesehen.
Manon, Ballett in drei Akten, 71. Vorstellung, 21. Mai 2026.
Choreografie und Inszenierung Kenneth MacMillan; Musik: Jules Massenet, musikalische Leitung: Ermanno Florio.
Tänzerinnen und Tänzer: Cassandra Trenary, Victor Caixeta, Davide Dato, Eno Peçi, Géraud Wielick und Gaspare Li Mandri haben ihre Rollen zum ersten Mal getanzt. 1) Ioanna Avraam, die auf dem Programmzettel ebenfalls mit einem Asterisk versehen ist, hat die Geliebte von Lescaut bereits 2013 getanzt.
Das Wiener Staatsballett in der Staatsoper.
Foto: © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor