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Pale Blue: 100 choreografische Exponate

Vorbereitung auf den Ausstellungs-Tanz in der Kunstgalerie.

Fünf Tänzer*innen proben eine Ausstellung. Sie werden dem Publikum 100 Blicke auf die Welt, ihre Welt, präsentieren. Die Ausstellung wird getanzt, die Bilder von Objekten aus dem Alltag, der Natur, den Erinnerungen oder Gefühlen entstehen im Kopf des Publikums. Pale Blue, Blassblau, nennt der Choreograf Nikolaus Adler die umgedrehten Ausstellung aus Bewegungen. 

Erstes Probieren im leeren Studio.Der Probe zuzusehen ist ein Vergnügen, um Idee und Titel zu entschlüsseln, bedarf es einer Erklärung.
Zuerst der Titel. Der erinnert an Adlers Choreografie Bright Red, die im Mai 2022 im Wuk gezeigt worden ist. Damals erinnerte sich Adler an das Album Bright Red von Laurie Anderson und an die von ihr verwendete Bibliothek als Metapher für den Menschen, der in seinem Leben Wissen und Weisheit, Erinnerungen und Ideen ansammelt. Aus der Bibliothek ihrer Körper schöpften die Tänzer*innen ihre Bewegungen, die der Choreograf zu einer stimmigen Performance zusammengefügt hat. Darum geht es auch in Pale Blue.
Und jetzt der Subtext: Ein Blick auf die Welt in 100 imaginierten Artefakten. Das gleiche Bild wie davor, doch aus einer anderen Perspektive.War die Frage, die Regisseur Adler mit seinen Tänzer*innen in Bright Red in der Runde gestellt hat: „Wer bin ich? / Wer bist du?“ So zeigt uns das Quintett von Pale Blue nun, was rundherum ist, wie die Welt aussieht. Natürlich ist es ihre Welt, die mit 100 Einzelteilen auf der Bühne entsteht, die Welt der Galeristinnen, die ihre Ausstellungsstücke tanzend demonstrieren.
War Adler für Bright Red von Laurie Anderson Songtext inspiriert worden, so schwebt diesmal die Inspirationsquelle im All. Es ist die Golden Record, die in doppelter Ausführung von zwei Raumsonden (Voyager 1 und 2) in den interstellaren Raum getragen worden ist. Drei Damen proben den Pas de trois erst auf der Bühne wird klar, woran sie denken.Die beiden Golden Records sind goldüberzogene Datenträger, die als Botschaft an Aliens den Sonden mitgegeben worden sind. Wenn sie von Außerirdischen gefunden und gelesen werden, würde die Erde, so die Annahme, samt ihren Bewohnern nicht mehr bestehen. Auch wenn auf so einer goldenen Platte wichtig erscheinende Bilder, Musik und Sprachnachrichten sind, wird nur ein Ausschnitt aus der gestrigen Welt – Voyager kreisen seit bald 50 Jahren im Weltall – festgehalten.
Es ist eine Momentaufnahme aus einer Zeit ohne Handy und Internet. Cover der Golden Rexord mit Betriebsanleitung. © wikipedia
Und endlich: Was wir sehen werden. Nikolaus Adler und sein Team zeigen nicht, wer sie sind und was sie denken, sondern was sie umgibt. Getanzt wird eine Sammlung von Hard- und Software / materiellen und immateriellen Dinge, die fünf Tänzer*innen auf einer Liste zur ersten Probe mitgebracht haben.  Nicht das Wichtigste, das Herausragende sollte gesammelt werden, sondern das Zufällige, das, was jeder / jedem zugefallen ist: Objekte, Erinnerungen, Gefühle, die die ihre persönliche Welt ausmachen.
Lea Karnutsch, Giorgia Scisciola, Eva-Maria Schaller bauen eine Skulptur.Die Aufgabe des Choreografen / Regisseurs war es, aus den einzelnen Artefakten einen Tanzabend zu gestalten. Die Bewegungssprache aber bleibt individuell, die Tänzerinnen und Tänzer schöpfen aus dem Archiv ihres Tanzkörpers. Der Galerie -Tanz ist eine Umkehrung des Üblichen, das kann vor der Vorstellung im Foyer des Wuk geprüft werden. Die Ausstellungsstücke sind unbeweglich stehen auf Sockeln, hängen an der Wand. Das Publikum bewegt sich.  So sind wir es gewohnt. Gemischtes Trio:Vito Vidovič Bintchende, Lea Karnutsch,  Xianghui Zeng.Im Ballett Pale Blue laufen die Bedingungen andersrum. Die Werke sind beweglich, sichtbar gemacht durch die Tanzkörper, sanft oder energisch, im Solo oder Duett, im Trio oder als Quintett, die Betrachterinnen bleiben auf ihren Plätzen, unbewegt. Eigentlich ist es eine Scharade, doch es gibt keine richtige oder falsche Interpretation. Wer die 100 konkreten und abstrakten Exponate betrachtet, verarbeitet das Gebotene aus der eigenen Perspektive, sieht mit dem eigenen Herzen, ist im Einklang mit dem Angebot der Tänzer*innen oder auch nicht, ergötzt sich an der Ästhetik des Tanzes. Je näher die Uraufführug rückt, desto wärmer wird es im Probenstudio am Rennweg.Dass tatsächlich hundert Fragmente die Ausstellung füllen, zeigen die Tänzer*innen, indem sie Hände und Finger tanzen lassen. Wenn es auch manchmal scheint, als unterhielten sich die Fünf in einer Gebärdensprache, so ist die Ausstellung keineswegs stumm. Die Ohren werden mit sanfter Musik umschmeichelt, im Hintergrund erfüllt das Summen der Welt den Raum. Wenn dann Gavin Bryars, den Körper wohlig umhüllende Komposition The Sinking of the Titanic erklingt, sind wir nahezu am Ende des reziproken Rundgangs angekommen. Die ausgestellten Bilder sind flüchtig, wer sie gesehen hat, nimmt sie mit nach Hause.

Nikolaus Adler: Pale Blue, Wuk Saal, 27./ 28. / 29. / 30. Juni; Tickets
Tanz und Choreografie: Lea Karnutsch, Eva-Maria Schaller, Giorgia Scisciola, Vito Vidovič Bintchende, Xianghui Zeng Nikolaus Adler fotografiert von  Marija Jociute.
Nikolaus Adler ist der künstlerische Leiter von Pale Blue, das er gemeinsam mit den Tänzer*innen und choreografischen Mitarbeiter*innen Lea Karnutsch, Eva-Maria Schaller, Giorgia Scisciola, Vito Vidović Bintchende, Xianghui Zeng, Sophie Eidenberger, Stefanie Prenn und Fabian Tobias Huster entwickelt.
Probenfotos: © Corinne L. Rusch, Fabian Huster, Maria Fernanda