Die Jüngsten der Groupe Grenade in Eun Me Ahns Choreografie. © Cécile Marini

Groupe Grenade in Eun Me Ahns Choreografie. © Cécile Marini

Das Festspielhaus St. Pölten muss in den vergangenen Wochen einem Bienenstock geglichen haben, bis nach emsigem Summen, Brummen und Hupen (das tun Bienen tatsächlich, wenn sie mit einer Kollegin zusammenstoßen) der Plan für die Saison 2020 / 21 fertiggestellt war. Vorläufig, muss dazu gesagt werden, wenn nicht COV-19 den Vater des Gedankens wieder auf den puren Wunsch zurückdrängt. Mitte April jedoch sieht das Programm in allen Sparen vielversprechend aus. Neben dem dichten Musikprogramm von großen Orchesterwerken kommt auch der Tanz nicht zu kurz.Ou

Dass Bert Brecht mit seiner Ballade „Von der Unzulänglichkeit menchlichen Planens“ recht hat, wollen wir, die Tanzfreund*innen und Freund*innen von Jazz und Pop, Kammermusik und großen Symphoniekonzerten, nicht hoffen und fest daran glauben, dass der Plan funktioniert. Wie einst "Marie Antoinette" tanzt Malandain Ballet Biarritz im Schloss von Versailles. © Olivier HoueixDas Tonkünstler-Orchester, zu Hause im Festspielhaus Sankt Pölten, spielt nicht nur Brahms und Rachmaninow, Mozart und Bruckner, sondern begleitet auch so manche Tanzaufführung, etwa das Malandain Ballet Biarritz, das mit „Marie Antoinette“, einer Choreografie von Chef Thierry Malandain, der sich gern als einen der letzten „Neoklassiker“ bezeichnet, im Festspielhaus gastieren wird. Malandain, der auch mit dem Wiener Staatsballett gearbeitet hat, versetzt seine 22 Tänzer*innen zur Musik von Joseph Haydn und Christoph Willibald Gluck nach Versailles, um von Aufstieg und Fall der österreichischen Prinzessin und späteren Königin zu erzählen. Auch die Uraufführung des Balletts hat im März 2019 in Versailles stattgefunden, in der kleinen Opéra Royal du Château de Versailles, wo die Königin ihre aufwändigen Maskenbälle veranstaltet hat. Gluck war übrigens in Wien ihr Gesangslehrer, deshalb hat sie ihn auch nach Versailles geholt und ihn für jede Oper königlich entlohnt.

Malandain hat einen ziemlich sicheren Platz im Festspielhaus-Kalender erobert: Er wird mit seiner Compagnie das Publikum im Februar 2021 in Entzücken versetzen, auch wenn das Ende der vom französischen Volk so abrupt fallen gelassenen Königin ein überaus tragisches ist. Der Tiger Shir Khan zeigt seine Krallen: "Das Dschungel Buch", Musiktheater von Robert Wilson, CocoRosie. © Lucie JanschGar nicht tragisch ist das Eröffnungsstück, das der mit vielen Talenten ausgestattete amerikanische Bühnenkünstler Robert Wilson ein Jahr vor seinem 80. Geburtstag nach St. Pölten bringt. Gemeinsam mit dem Gesangsduo CocoRosie (das sind die Kosenamen der Schwestern Bianca und Sierra Casady, die 2012 ein Wochenende des Donaufestivals 2012 kuratiert haben) hat Wilson mit dem „Jungle Book / Das Dschungelbuch“ ein Musiktheater für alle ab 10 Jahren geschaffen. Es ist nicht das erste Mal, dass Wilson mit CocoRosie zusammenarbeitet, auch „Peter Pan“ und „Edda“ (basierend auf der altnordischen Mythologie, aufgezeichnet 1220 im Buch „Edda“, nacherzählt vom norwegischen Autor Jon Fosse) sind gemeinsam entstanden. Die Uraufführung des knalligen „Dschungelbuch“ war im April 2017 in Luxembourg, wenn die Grenzen wieder offen sind, findet die Österreichpremiere an drei Spieltagen, beginnend mit 26. September, statt. Hier wird geprobt und trainiert: Die Ecole Des Sable von Germaine Acogny. © Abdoul Mujyambere
Im Oktober wird Germaine Acogny, gern als „Mutter des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes“ bezeichnet (siehe „Das Jahrhundert des Tanzes“) erwartet. Zuletzt in der Saison 2015 / 16 im Festspielhaus Sankt Pölten zu Gast, zeigt „École des Sables“, von Acogny in Senegal gegründet, am 10. Oktober einen Doppelabend: „Das Frühlingsopfer / common ground[s]", entstanden aus einem Projekt mit der Pina Bausch Foundation. Wie der Titel ahnen lässt, steht im ersten Teil eine Bearbeitung von Igor Strawinskys aufregender Musik "Le Sacre du Printemps" auf dem Programm, nach der Pause ertanzen Germaine Acogny und Malou Airaudo, ehemalige Tänzerin des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch, mit der Neuschöpfung „common ground[s]“ ihre eigenen Geschichten, Gefühlswelten und die gemeinsame Basis. Mit  "A Simple Space" bringen die australischen Akrobat*innen der Company "Gravity & Other Myths" am 30. Oktober hohe Zirkuskunst auf die Bühne. ©  Chris HerzfeldAllerdings steht diese Premiere auf wackeligen Beinen, denn die Uraufführung hätte am 25. März in Dakar stattfinden sollen.
Im November (21., 22.) könnte es eine brandneue Choreografie von Angelin Preljocaj geben, von dem bereits vier Ballette, zuletzt, 2018, „Roméo et Juliette“ in St. Pölten zu sehen waren. „Schwanensee“ soll am 12. September 2020 in Aix-en-Provence, wo Preljocaj mit seiner Compagnie residiert, Premiere haben. Die Tänzer*innen werden mit Musik von Peter I. Tschaikowsky und anderen vom Tonkünstlerorchester begleitet. Mehr als vier Monate vor der Uraufführung gibt es aus gutem Grund noch keine Bilder.
Groupe Grenade: Quer durch Welt getanzt mit dem Puzzle "D'Ést en Ouest" / "Vom Osten nach Westen". © Cécile MartiniAm 5. Dezember wird fröhlich gehüpft, gedreht, mit den Hüften gewackelt, geturnt, geflogen und auch getanzt: Josette Baïz und ihre Groupe Grenade (das ist die französische Granatapfel-Compagnie: 30 Tänzer*innen zwischen 7 und 18) zeigen insgesamt sechs Stücke von ebenso vielen Choreograf*innen. Es ist die Einladung zu einer Reise von Ost nach West, vom Orient in den Occident, das steht schon im Titel: „D’Ést en Ouest, de Melbourne à Vancouver“. Die Herkunftsländer der renommierten Choreograf*innen spannen den Bogen. In alphabetischer Reihenfolge: Australien: Lucy Guérin; Bangladesch: Akram Khan, lebt in Großbritannien; Belgien: Wim Vandekeybus; Kanada: Crystal Pite; Südkorea: Eun Me Ahn; USA; Barak Marshall, lebt in Israel. Bei Reisefreiheit besteht für diese höchst abwechslungsreiche Familienvorstellung keine Gefahr: Die Groupe Grenade ist seit 2. Dezember 2018 von Frankeich aus auf Reisen. In "Dragons" von Eun Me Ahn tanzen 20jährige, die alle im Jahr des Drachens geboren sind.  © Sukmu YunDie Tänzerin und Choreografin Eun Me Ahn, von der die jungen Tänzerinnen der Groupe Grenade einen Auszug aus „Louder! Can You Hear Me“ zeigen werden, ist bald danach, am 29. Jänner 2021, mit ihrer Company selbst zu Gast in St. Pölten. „Dragons /Drachen“ heißt ihre neueste Kreation, die erst am 3. September in Seoul Premiere haben wird / soll. Daher aufmerksam bleiben. Tänzerinnen aus verschiedenen asiatischen Ländern, die alle im Jahre des Nicht nur singend bewegt sich die Sängerin Dobet Gnahore auf der Bühne. Geduld ist erforderlich, die Königin des Afropop kommt erst in einem Jahr, am 28. April 2021, nach St. Pölten. © Franck Olivier Drachens (nach dem Chinesischen Horoskop 2000) zur Welt gekommen und daher heuer gerade Mal 20 geworden sind, erzählen vom Bewahren der Tradition und dem Streben nach Neuem.

Alles, was sonst noch im Programm steht an Zirkus und Tanz und auch der Plan für die zweite Saisonhälfte 2021 sowie die Abo-Angebote (für Tanz und andere Bewegungen auf der Bühne werden 10 Vorstellungen angeboten), sowie Auskunft über abgesagte und verschobene Vorstellungen samt dem Musikprogramm sind auf der Website des Festspielhauses Sankt Pölten zu finden.

Festspielhaus Sankt Pölten: Vorschau mit Vorbehalt auf die Saison 2020/ 21. Auswahl der Tanzvorstellungen. Stand vom 15. April 2020.