Jeroen Verbruggen: Fragezeichen statt Dramaturgie
Was am Rhein als erfolgreiche gefeiert wird, kann in der Donau leicht untergehen. Da hilft es auch nicht, wenn der deutsche Theaterpreis Der Faust zugeschlagen hat. Beispiele dafür gibt es einige. Das letzte: Des belgischen Choreografen Jeroen Verbruggen Tanzstück Amor & Psyche? Genau mit Fragezeichen. Und in der Premiere von TanzLinz wären noch mehr anzubringen gewesen. Premiere war am 31.1. im Musiktheater.
Verbruggen, ein Jahrzehnt als Tänzer erfolgreich bei den Ballets de Monte Carlo, hat sein 2022 im Nationaltheater Mannheim uraufgeführtes Drama aufgewärmt und verlängert. Glaube ich den Bildern aus Mannheim, sind auch die Kostüme verändert, Frauen und Männer tragen Tarnanzüge, kanarigelbe winzige Badekleidung, durchsichtige Oberteile und viel nackte Haut. Angeblich soll tanzend über Liebe diskutiert werden. Psyche soll lernen, sich selbst zu lieben, um die wahre Liebe zu fühlen. Das entnehme ich dem Programmheft. 
Gesehen habe ich ein wirres, aggressives Männerstück, in dem Monster auf allen Vieren kriechen, heulen und bellen, Frauen an den Haaren, Armen und Beinen über den Boden gezogen werden und menschliche Wesen wie Hunde an der Leine geführt werden. Es ist Krieg. Nicht nur in der Welt draußen.
Ein diffuses Durcheinander des gesamten, und, es ist nicht laut genug zu sagen, hervorragenden, energiegeladenen Ensembles, wird durch wenige Pas de deux und einigen Solos aufgelockert.
Psyche, das griechische Wort für Atem, Hauch, Schmetterling und auch Seele, steht für das Denken und Fühlen, kurz gesagt, das Innenleben, eines Menschen. Das Paar Amor und Psyche, also der römische Gott der Liebe und die Personifikation dieser, auch Cupido genannt und das Seelchen ist vor allem ein Sujet der Bildenden Kunst in der antike und auch der Renaissance.Verbruggen hält sich an die in dem Roman Metamorphosen eingefügte Erzählung von Amor und Psyche des römisch-numidischen Schriftstellers Apuleius, aus dem 2. Jahrhundert. Inhalt ist die Liebesbeziehung zwischen dem Gott Amor und der sterblichen Königstochter Psyche, die von Venus aus Eifersucht verfolgt und von Amor getrennt wird.
Doch schließlich – wir wissen es alle, Caravaggio hat es 102 gemalt: Omnia vincit Amor – werden die liebenden vereint und Psyche wird in den Götterhimmel aufgenommen.Damit wir es wirklich verstehen, lässt Verbruggen die geläuterte Psyche auf den Schultern Amors balancieren. Seit der Renaissance hat das Paar Amor und Psyche Dichtung, Musik und bildende Kunst inspiriert. Sogar zum Namen eines Parfüms haben es die beiden gebracht, allerdings nur im Roman: Das Parfüm von Patrick Süskind. Das erste Ballett um Amor und Psyche wurde 1619 im Louvre aufgeführt.
1762 machte der Tänzer, Tanztheoretiker und Choreograf Jean Georges Noverre mit seinem Ballett Psyche et l’Amour in Stuttgart Furore. 1768 war das Ballett im Theater nächst der Burg in Wien zu sehen.
Die Handlung, die Verbruggen möglicherweise erzählen will, erschließt sich nicht. Es gelingt Verbruggen nicht, ein stringentes Konzept, eine schlüssige Dramaturgie oder einen erkennbaren Handlungsverlauf zu zeigen.
Es ist ein dauerndes Tohuwabohu auf der Bühne, den Tänzerinnen und Tänzern wird viel an Akrobatik und kräfteraubenden Bewegungen abverlangt, doch das Licht ist diffus, das silbrige Gesträuch im Hintergrund der sonst leeren Bühne ist von den davor wuselnden Menge aus Menschen und Monstern kaum zu unterscheiden. Die Musik klingt beliebig, beteiligt sind vor allem der Engländer Ralph Vaugham Williams (1872–1958) und der mehrfach preisgekrönte peruanische Komponist Jimmy Lopéz (*1978). Die Stimme der griechischen Sängerin Alkistis Protopsaltis (*1954) kann mit der bekannten Ballade I Sotiria tis Psihis (Die Rettung der Seele) wenige zauberhafte Minuten erzeugen. Das Ensemble trägt dazu die Darstellerin der Psyche mit dem stummen Mikro in der Hand über die Bühne. Der Chor der Musiker im Orchestergraben intoniert live die weniger zärtliche Ballade Kikloforo ki oploforo (Ich streife bewaffnet umher). Der Zauber ist beendet, doch Verbruggen kann nicht enden. Die Schlussszene, Apotheose der Psyche, wird mit der Komposition The Unanswered Question (Die unbeantwortete Frage) des Amerikaners Charles Ives (1874–1954) untermalt.
Da liegen Hören & Sehen im Krieg und Griechenland ist vergessen.
Dazu fällt mir ein Georges Balanchine zugeschriebenes Zitat ein:
Durch Ballett kann nicht alles vermittelt werden, nur das, was auf der Bühne gezeigt werden kann.
Gezeigt wurde und zu sehen war ein wie immer großartiges Ensemble von Tänzerinnen und Tänzern, die durch Nichts und niemanden lahmgelegt werden können. Selbst Choreograf Verbruggen muss zugeben, dass er einen (Tanz-)Marathon verlangt hat. Doch um überanstrengte Tänzerinnen zu sehen, bin ich nicht gekommen.
Jeroen Verbruggen: Amor & Psyche, ein Tanzstück zur Musik von Lukas Foss, Jimmy Lopez, Thomas Ades, Gabriel Fauré, Johann Paul von Westhoff (Outhere Music), Ralph Vaughan Williams, Alkistis Protopsalti, Charles Ives. Eine Produktion des Nationaltheaters Mannheim 2022.
Mit dem Bruckner Orchester Linz, geleitet von Ingmar Beck
Choreografie und Inszenierung, Dramaturgie, Bühne und Lichtdesign Jeroen Verbruggen, Kostüme Emmanuel Maria
Tanz und Performance: Ensemble von TanzLinz
Fotos: Philip Brunnader fotografierte die Hauptprobe am 22.1.2026
Premiere: 31.1. 2026. Weitere Vorstellungen bis Juni 2026.