Strumpfhosenballett zur Selbstermächtigung
Die Bühnenkünstlerin Marta Navaridas hat Igor Strawinskys Musik zum Ballett Der Feuervogel gehört und war begeistert. Doch ein Märchenballett, wie der Librettist Michel Fokine es sich erdacht hatte, wollte sie nicht auf die Bühne bringen. Hingegen zeigt sie gemeinsam mit fünf Tänzerinnen Once upon a Time in the Flames: Our Firebird Ballet. Eine Show, ab 23.1. im brut.
Als Choreografin und Regisseurin wollte Navaridas Strawinskys Komposition in eine Punkversion mit Gitarren und Schlagzeug verwandeln. Doch der mächtige Trust, der Komponisten Erbe verwaltet und dessen Rechte wahrt, war dagegen. Kompositionen von Igor Strawinsky (* 1882 in Oranienbaum, Russland; + 1971 in New York City) dürfen nur so aufgeführt werden, wie sie in der Partitur notiert sind. Davon kann auch Choreograf Andrey Kaydanovskiy ein Lied singen. Strawinskys Feuervogel-Musik ist ein Auftragswerk von Sergej Diaghilew für Les Ballets Russes.
Das zweiaktige Märchenballett wurde 1910 von den Ballets Russes in der Pariser Oper erstmals aufgeführt. Das Firebird Ballet von Marta Navaridas fand zum ersten Mal 2024 im Rahmen des sterischen herbst`statt.
Auch Navaridas teilt ihre Show in zwei Teile. Im aufwändigen, märchenhaften Bühnenbild, nachempfunden der Originalausstattung von Alexander Golowin, erinnern sich Veza Fernández, Stina Fors, Lau Lukkarila, Maja Osojnik, Denise Palmieri und Navaridas selbst an ihre Zeit in der Ballettschule und geben einen flüchtigen Eindruck der ursprünglichen Handlung mit Prinz und Prinzessin, bösem Zauberer und rettendem Feuervogel erzählt.
Die Kostüme von Annemarie Arzberger basieren auf den üblichen Ballettstrumpfhosen, wie sie vor allem Männer in klassischen Balletten tragen. Sie dienen nicht nur als Kleidungsstück, sondern sind, vor allem im zentralen zweiten Teil, Metapher und Maske, Zügel und Peitsche, Fessel und Sexspielzeug.
Anfangs geht es eher gesittet zu, Ballettposen werden geprobt, Hebungen, Drehungen und die Tänzerin Navaridas wird zur Stange getragen und wie ein Stück Fleisch darüber gehängt.
Wer weit genug links sitzt, sieht sie im Nebenraum minutenlang leblos über der Barre. Eindrucksvoll.
Der zweite Akt ist der freien Performance und der Selbstdarstellung der Tänzerinnen gewidmet. Im Programmheft wird mit dem Begriff Selbstermächtigung jongliert. Im ersten Akt waren erstklassige Tänzerinnen / Performerinnen zu sehen. Danach geht es nicht mehr um Tanz oder Performance, sondern nur um die Darstellerinnen selbst. Die Bühnendekoration wird umgelegt, weggeschoben, der Feuervogel ist vergessen. Selbstermächtigung?
So wirklich verstehe ich nicht, was sie mir mitteilen wollen. Dass die Ballettausbildung streng und mitunter auch grausam ist, wissen wir zur Genüge, spätestens seit Florentina Holzinger, und nicht nur sie, ihre Klagen auf die Bühne gebracht hat. Der Firebird-Company (der richtige Titel des Balletts, auf das referiert wird, ist französisch: L’Oiseau de feu) ist, wie vielen anderen engagierten Performerinnen, nicht bewusst, dass es, um auf der Bühne zu sprechen, mehr bedarf, als vor sich hin zu plaudern. Der griechische Redner Demosthenes hat sich Kieselsteine unter die Zunge gelegt, um sein Sprechen verständlicher und klarer zu trainieren. 
Ein ruhiges, schönes Bild entsteht, wenn sich die Strumpfhosen in Gesichtsmasken verwandeln und die Performerinnen zeigen, wer sie sind oder auch, wer sie sein wollen. Doch gleich danach werden sie alle zu ausgelassenen Teenagern, hüpfen als Nackerpatzeln singend, quietschend und kreischend im Kreis, sind liebevoll und auch gemein zueinander, die Strumpfhose wird zum Sextoy. Alle sechs haben richtig Spaß miteinander, lassen die Brüste hüpfen und das Hinterteil leuchten. Langweilig. Eine Show, die sich selbst genügt. Zur Selbstermächtigung. Das Publikum dient als Beifallspender.
Anmerkung: Zum Standardprogramm der Ballettcompagnien gehört Der Feuervogel nicht unbedingt, vor allem weil die beiden Akten nicht für einen ganzen Ballettabend reichen. In Wien war zuletzt eine Choreografie von John Neumeier zu sehen, der Strawinskys Feuervogel mit dem Ballett Daphnis und Chloë (Musik von Maurice Ravel) gepaart hat. Ab Jänner 1983 erreichte Neumeiers Version von Machtmissbrauch und Unterdrückung 29 Vorstellungen.
Was den oben zitierten Tänzer und Choreografen Andrey Kaydanovskiy betrifft, so hat er seinen Feuervogel in der Saison 2016 /17 in der Volksoper gezeigt. Ballettdirektor Manuel Legris gab Kaydanovskiy wie auch den Tänzern András Lukács und Eno Peçi den Auftrag, eine zeitgenössische Choreografie zu Werken von Strawinsky zu schaffen. Ohne Tänzerin hat die Komposition Strawinskys einen festen Plan bei vielen Radiosendern und im Konzertsaal. Es gibt drei Suiten, die in lizenzfreier Länge auch von der Werbung gern genutzt werden.
Marta Navaridas: Once upon a Time in the Flames: Our Firebird Ballet.
In Auftrag gegeben von steirischer herbst `24. brut 2026: 23., 24., 26., 27. und 28. Jänner.
Text & Performance: Veza Fernández, Stina Fors, Lau Lukkarila, Marta Navaridas, Maja Osojnik, Denise Palmieri
Musik: Igor Strawinsky; Live-Electronic & Sound Design: Manuel Riegler, Maja Osojnik
Kostüme: Annemarie Arzberger; Bühnenbild: Klüver-Pfandtner; Lichtdesign: Christina Bergner; Dramaturgie: Alex Deutinger
Foto: © Christine Miess, Clara Wildberger