Zum Hauptinhalt springen

Bad Actors – Miese Mimen im Slough House

Mick Herron: Geheimdienst auf der Schaufel. © fr.wikipédia

Die lahmen Gäule aus dem Sumpfhaus, die abgehalfterten MI5 Agentinnen und Agenten, galoppieren wieder, chaotisch und oft sinnlos, wie immer. Wir lesen den achten Band der englischen Slough House -Serie von Mick Herron. Auf Deutsch als Jackson Lamb-Romane bekannt. Glücklicherweise behält der Diogenes Verlag, die Originaltitel bei: Bad Actors ist die vorletzte Ausgabe der auf 9 Bände (und einige Novellen zwischendurch, die noch nicht übersetzt sind)  angelegten Serie.


Keineswegs ein bad Actor: Gary Oldman als Jackson Lamb in der Apple+ Tv-Serie. © filmozrout.czWährend Herron an Bad Actors geschrieben hat, ist eine Mixtur aus den ersten Bänden (Slow Horses, Dead Lions) als Fernsehserie entstanden. Der Autor schwört, sein Titel beziehe sich keineswegs auf die Darstellerinnen und Darsteller der Produktion, sie sind jedoch auch nicht im Sumpfhaus zu finden, sondern wohl im Park, dort wo der Autor den britischen Inlandsgeheimdienst (MI5) ansiedelt. Der Ort ist nicht aus der Luft gegriffen, tatsächlich war das MI5-Hauptquartier bis 1994 direkt am Regent’s Park im Norden Londons angesiedelt. Noch heute wird von „den Leuten im Park“ gesprochen. Der aktuelle Hauptsitz des MI5 in Thames House, Millibak im Zentrum von London. © wikipediaWenn Herron die Intrigen und Pannen, die Machtkämpfe, Rivalitäten und das Delegieren von Risiken im Secret Service beschreibt, so übertreibt er kein bisschen. Genug der realen Ausrutscher sind öffentlich dokumentiert. Wenn es um Habgier und Bösartigkeit, Narzissmus und Egoismus geht, so schlagen die hohen Tiere im MI5 die slow Horses um Längen.
Der Millibank-Eingang in da s denkmalgeschütze Thames House, Hauptquartier des MI5. © wikipediaNicht einfach lesbar, denn alle diese bad Actors reden gern. Jackson Lamb, Oberhaupt im Slough House, redet kaum mit seinen Untergebenen und hört ihnen auch nicht zu. Doch er hat spitze Bemerkungen, unpassende Vergleiche und allerlei Gemeinheiten in seinem Repertoire. Bad Actors ist, wie die vorangegangenen Bände, kein Bond-Zirkus. Der britische Autor Ian Fleming (1908–1964), Erfinder der Figur James Bonds, hatte nicht vor, den Service oder gar die britische Regierung zu kritisieren, er wollte spannende Unterhaltung bieten und ein wenig aus der Schule plaudern, die allerdings nicht wirklich intensiv war. Sein Vater, ein Politiker, wollte ihn im Außenministerium unterbringen, doch er bestand die Aufnahmeprüfung nicht und arbeitete als Reiseschriftsteller. Im Zweiten Weltkrieg war Fleming beim Marine-Nachrichtenabteilung der Royal Navy lediglich Verbindungsoffizier zur US-Marine. Thames House in voller Pracht. seit 1994 MI5 Headquarter. © wikipediaEr behauptete immer, dass die zwölf Bond-Romane zu 90 Prozent auf wahren Begebenheiten und eigenen Erlebnissen beruhen.
Mick Herron will mehr, kritisieren, karikieren, ironisieren, informieren und natürlich auch mit Spannung (und Humor) unterhalten. Weder mit dem britischen Innenministerium noch mit dem Geheimdienst hat er jemals beruflich zu tun gehabt. Dennoch klingen Herrons Spionageromane realistischer als der Spion im Kreise vollbusiger Damen. In Bad Actors sind die Bewohner des verkommenen Hauses im Sumpf der Aldersgate Street Menschen aus Fleisch und Blut, die wir, wenn sie nicht im Dienst getötet werden, ganz gut kennen und sogar mögen lernen. Das 1929 erbaute Thames House von der Themse aus gesehen. Erst 1994 ihat sich das MI5 Hauptquartier eingenistet. © mi5.gov.ukIm Slough House geht es zu wie in einem Taubenschlag. Die Bewohnerinnen kommen und gehen, doch einige einprägsame Frauen und Männer, liegen dem Autor besonders am Herzen, sie dürfen immer da sein. River Cartwright, Enkel einer Spionage-Legende, ist mir der Liebste, doch in Band 7, Slough House, muss auch River sterben. Ob dieser notwendige Tod auch Herron kränkt (oder gar Jackson Lamb, der aber würde es nie zugeben) oder ob der Autor einfach böse auf seine Heimat, deren Regierung und die Pandemie ist, lässt sich außerhalb Großbritanniens nicht feststellen. „Slough House“ ist nicht nur der Titel des 7. Bandes der Jackksn Lamb-Serie, sondern auch der Ort, wo die slow Horses untergebracht sind. Slough bedeutet Sumpf, unsicherer Boden.Jedenfalls ist Bad Actors ein giftiges Theaterstück in drei Akten und einem Intermezzo, in dem sich bösartige und unfähige Spione von allen Seiten tummeln, der russische Geheimdienstchef heimlich durch London schleicht und ein wichtiges Mitglied aus dem Büro des Premierministers verschwunden ist. Aufgescheucht wird der gesamte MI5 (im Park wie im Slough House), weil die verschwundene Sophie de Greer möglicherweise eine Spionin ist. Mit James Bond, den der Autor Ian Fleming (1908–1964) geschaffen hat, habenJackson Lamb und seine slow Horses nichts zu tun. © wikipediaSie muss sich verstecken, weil auch die Russen, und nicht nur sie, hinter ihr her sind. MI5, einige blind durch den Wald galoppierende Pferde und auch Mitglieder der Regierung suchen nach ihr.
Zum Gaudium der Leserin am völlig falschen Ort, wo eine Art Hauen und Stechen stattfindet, weil die verschiedenen Jäger Shirley Dander, schon ziemlich lange Mitglied im Slough House, mit Sophie de Greer verwechseln. Wenn Jackson Lamb jemanden versteckt, dann sollte meine seine Zeit nicht mit Suchen verschwenden.
Herron beginnt sein beklemmendes Theaterstück mit dem 2. Akt: Falsche Schlangen, der erste folgt danach: Affentheater.  Bevor der Vorhang fällt, ist im 3. Akt Elefantenscheiße zu durchwaten. Doch in der Präambel wird der Bösewicht vorgestellt, Sparrow, die rechte Hand oder eher Axt des Premierministers. Er bleibt im Hintergrund, schiebt andere vor und hat doch, so glaubt er wenigstens, die Fäden in der Hand. Der britische Autor John Carré (Pseudonym für avid John Moore Cornwell, 1931 - 2020) hat in seine Spionageromane eigene Erfahrungen einfließen lassen. Er hat sowohl im MI5 als auch im MI6 gearbeitet. Bekannt geworden ist er mit dem Roman „Der Spion, der aus der Kälte kam“. © wikipedia
In Bad Actors beschäftigt sich Herron weniger mit dem Leben und Sterben im House und dem Einsatz der wegen eines Fehlers Ausgemusterten, die trotz allem besser scheitern, als die mediokren Darsteller im Park.Im Zentrum stehen die unfähigen Sesselkleber innen und verantwortungslosen Karrieristinnen im Park, die vor keiner Lüge, keinem Betrug und keiner Gemeinheit zurückschrecken. Wie in jedem Fall für Jackson Lamb (neuerdings als Fall für die Slow Horses untertitelt) sorgen die Treffen von Jackson Lamb und der MI5-Chefin Diana Taverner am Themseufer Slough House ist in der Aldersgate Street (nahe Barbican) zu finden. Ebendort wurde auch die TV-Serie gedreht (im Bild: Jack Lowden, River Cartwright und Saskia Reeves, Catherine Standish. © secretldn.comund die Wortgefechte und Tagträume der Führungskräfte, aktiv oder als Pensionisten mit Sonderaufgaben betraut, für exzellentes Lesevergnügen. Da gilt der Dank wohl auch der Übersetzerin Stefanie Schäfer.
Kostprobe gefällig? Bitte sehr. Claude Whelan, der personifizierte MI4, ehemaliger MI5-Chef, der nach unten tritt und nach oben strebt, doch niemals für irgendetwas verantwortlich ist. Zu feig oder zu träge „nein“ zu sagen, hat er es übernommen, nach der verschwundenen Sophie de Greer zu suchen. Natürlich wird er die Arbeit nicht selbst machen. Nach einem Zusammentreffen mit seiner Nachfolgerin, Diana Taverner, schenkt er sich Tee ein, lehnt sich zurück und schließt die Augen, um zu sinnieren:

Mick Herron Actors: Bad Actors, bereits in der 2. Auflage. © Diogenes VerlagDiana glaubt, oder will mich glauben machen, dass sie denkt, ich würde in Wirklichkeit Waterproof auf den Zahn fühlen und nicht de Greer. Das heißt, entweder will sie, dass ich Waterproof untersuche, weil sie nicht will, dass ich mich mit de Greer befasse, oder sie will nicht will, dass ich Waterproof untersuche und gaukelt mir nur vor, dass sie glaube, ich würde es tun, um mir weiszumachen, es sei ihr egal.Also will sie entweder, dass ich mich nicht mit Waterproof befasse, oder dass ich nicht nach de Greer suche. 

Kommentar des Autors:

Klarheit zu haben war doch eine schöne Sache.

Mick Herrin: Bad Actors. Ein Fall für die Slow Horses, aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. 464 S., Diogenes, 2. Auflage 2025. € 19,60. E-Book € 15,99.