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Lieber übers Essen als über die Liebe sprechen

Yunko Takase. © Rana Shimada Kodansha

Sechs Romane hat die japanische Autorin Junko Takase, geboren 1988, bereits geschrieben, und alle wurden sie hochgelobt. Für den Roman, Richtig gutes Essen, erschienen 2022, den ersten, der ins Deutsche übersetzt worden ist, hat Takase den renommierten Akutagawa-Preis, die höchste Ehrung für Japanisch schreibende Autorinnen, erhalten. Der appetitliche Titel täuscht. 

Sushi und Shashimi, die in Euripa beliebten japaischem Vorspeisen © ab-in-den-Urlaub.deRichtig gutes Essen ist kein Kochbuch. Oishii gohan ga taberaremasu yō ni / Mögen Sie köstliche Mahlzeiten genießen können ist ein Roman, in dem die enge Welt des Büros für die japanische Gesellschaft steht, und von den Träumen und Sehnsüchten der Angestellten über die täglichen Mahlzeiten, im Büro, im Wirtshaus, dem noblen Restaurant und zu Hause erzählt wird.
Im Mittelpunkt steht Nitani der süchtig nach Instantnudeln ist, auch wenn er weiß, dass er gesunde Kost bevorzugen sollte. GTeetrinken ist in Japan eine Zeremonie, heitere Gelassenheit ist das Ziel. © ab-in-den-urlaub.deGesunde Kost bietet ihm seine Kollegin Ashikawa, die sich als Ehefrau anbietet. Denn das ist das Ziel japanischer Männer, neben dem Job, brauchen sie eine brave Ehefrau zu Hause und Kinder. Nitani lädt Ashikawa zu sich ein und steht später, während sie in seinem Bett liegt, auf, um sich die geliebten Nudeln einzuverleiben. Er geht auch lieber mit der fröhlichen und unkonventionellen Oshio aus, nicht ins Restaurant, lieber ins Beisel, wo die beiden intensiv dem Alkohol zusprechen und beraten, wie man die so perfekte Ashikawa loswerden kann. Onigiri mit Sesam: Kollegin Ashikawa bringt gern Süßes ins Büro. © ab-in-den-urlaub.de
Doch Ashikawa hat einen perfekten Trick, sie leidet an Migräne und darf mehrmals in der Woche  das Büro früher verlassen. Zum Ausgleich macht sie sich bei den Kolleginnen beliebt, indem sie die Ergebnisse ihrer Backleidenschaft ins Büro mitbringt. Nitani hasst das süße Zeug und wirft es heimlich in den Mistkübel. Der heimliche Kampf zwischen Oshio und Ashikawa geht anders aus, als gedacht. Oden: Fast Food aus dem Supermarkt, wie Nitani es liebt. © gemeinfreiAshikawa münzt ihre Schwäche zum Sieg um. Oshio muss das Büro verlassen. Nitani lässt im Gespräch mit Ashikawa das Wort Heirat fallen.
Takase beschreibt das tägliche Ritual im Büro und auch die Gedanken der Protagonistinnen in kühlem, protokollarischem Ton, doch wechselt sie ständig die Perspektive. Oshio führt ein imaginäres Tagebuch und mischt sich in die Beobachtungen von außen ein. Außer der Gier Nitanis nach Instantnudeln und seine Verachtung des sogenannt gesunden Essens, haben die Protagonistinnen keine Gefühle.  Es scheint, als würde sich die Autorin gar nicht für die Personen und ihre Geschichte interessieren. Ramen, die Nudelsuppe mit allerlei Einlagen, ist ein gern verzehrter Export aus Japan. © ab-in-den-urlaub.deKalt und interesselos wechselt der Büroalltag zwischen den abendlichen Unternehmungen der drei Hauptpersonen, Zuneigung und Begehren, Aggression und Eifersucht bleiben unter dem Esstisch. Angeklebt wie Kaugummi. Die Lebensentwürfe gelten nicht, alles wird dem üblichen Ritual, den öffentlichen Normen unterworfen und man ahnt, dass die gesamte Bürobelegschaft, nicht tut, was jede/r einzelne will, sondern was sie / er soll oder glaubt, zu sollen. Schutzumschlag der deutschen Ausgabe des Romans von Junko Takase. © DuMont Verlag
Wie schon bei der belgischen Autorin Amélie Nothomb die mehrere Romane über ihre Kindheit und Jugend in Japan geschrieben hat, ist die japanische Gesellschaft ähnlich beschrieben wie von Junko Takase in ihrem bisher einzigen ins Deutsche übertragenen Roman. Eine Gesellschaft voller Zwänge, von Anpassung, Unterordnung und Normierung geprägt; eine Gesellschaft, in der persönliche Bedürfnisse und Emotionen keine Rolle spielen.  Nitani, Ashikawa, Oshio und die anderen könnten auch KI-generierte Figuren sein. Avatare oder Androiden. Richtig gutes Essen ist jedoch weder Kochbuch noch aktuelle Fiction, sondern ein Japan hochgelobter Roman. In Europa (Wien) lässt er zu viele Fragen offen und die Leserin kalt.

Junko Takase: Richtig gutes Essen / Oishii gohan ga taberaremasu yō ni, aus dem Japanischen von Yoko Ann Hamann. 160 Seiten, DuMont 2026. € 23,70. E-Book € 19,60.