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Visionary Dances: Die Physik der Bewegung

In The Upper Room: Hanno Opperman, Giorgio Fourés, Timoor Afshar.

Dreiteilige Abende sind anstrengend, für die Tänzerinnen und fürs Publikum. Von den zweieinhalb Stunden der Vorstellung dreier Choreografien mit dem Titel Visionary Dance ist nahezu eine Stunde für die beiden Pausen reserviert. Als visionär stellt Ballettdirektorin Alessandra Ferri Choreografien von Wayne McGregor, Justin Peck und Twyla Tharp zu Kompositionen von Leonard Bernstein, Bohuslav Martinů und Philip Glass vor. Die Premiere am 28.3. bescherte allen Tänzerinnen und Tänzern ein Rollendebüt. 

„Heatscape“ von Justin Peck: Das Bühnenbild von Shepard Fairey überstrahlt die Tanzenden.Zum Auftakt ist lebhafte Neoklassik vom international renommierten Choreografen Justin Peck, Jahrgang 1987, zu sehen. Vor dem brüllenden Bühnenbild von Shepard Fairey laufen, zappeln, gleiten die Tänzerinnen in lockerer Tenniskleidung über einen durchsonnten Platz. Heatscape / Hitzelandschaft nennt er die 30 Minuten, die 2015 für das Miami City Ballet entstanden sind. Zum Konzert für Klavier und Kammerorchester Nr. 1 D-Dur von Bohuslav Martinů erfreut sich eine Gruppe junger Menschen des Lebens, vielleicht rennen sie bald an den Strand. In den ersten beiden lustig perlenden Sätzen des Konzerts erobert je ein Paar die Bühne, im dritten wird der Pas de deux zu einem Pas de trois. Die Halbsolisten Václav Lamparter und Rinaldo Venuti umtanzen Yo Nakajima, eine Corpstänzerin, die durch Sicherheit und Anmut auffällt. Peck kümmert sich nicht um Rangordnungen in der Compagnie, lässig mischt er Erste Solisten mit dem Corps. Getanzte Demokratie, Zsolt Török mit Milda Luckuté in „Heatscape“.möglicherweise tatsächlich visionär. Heatscape, der Tanz in der Hitze von Florida ist wegen der Geschwindigkeit der Bewegungen und der Dynamik der Gruppenformationen eine Herausforderung für die Tänzerinnen und Tänzer. Als Zuschauerin sehe ich rasant wirbelnde Energie, die mich in gute Laune versetzt. Ein Ballett zur Eingewöhnung, nett und sympathisch tut Heatscape auch Ballettneulingen nicht weh. Weh getan hat sich allerdings die Tänzerin auf der Bühne. Weder Lamparter noch Venuti konnten Nakajima erobern. Den Applaus konnte sie noch entgegennehmen, dann musste sie für weitere Auftritte entschuldigt werden. Tänzerinnenlos. 
In The Upper Room:  Mila Schmidt, Chiara Uderzo springen als Stompers.Was Yo Nakajima versäumt, ist ihre Rolle im Hauptstück des Abends: Von den zahlreichen großartigen Choreografien des tatsächlich visionären britischen Choreografen und mehrfachen Ehrendoktors der Wissenschaften Sir Wayne McGregor hat Ferri das stille Ballett Yugen, entstanden 2018 für das Royal Ballet, ausgewählt. Meine Begeisterung für diesen klugen, beweglichen Tänzer und Choreografen und im Besonderen für seine Choreografie Yugen zur Musik von Leonard Bernstein, gebietet mir, eine neue Seite aufzuschlagen, um der alten Dame Twyla Tharp nicht den ihr gebührenden Platz zu stehlen.  Mila Schmidt hat bereits die Jacke abgelegt. Die kräftigen Sprünge sind schweißtreibend.
Auch vierzig Jahre nach der Uraufführung 1986 beim Ravinia Festival in Highland Park / Illinois wird Twyla Tharps Ballett In The Upper Room bei der Premiere des Wiener Staatsballetts vor allem vom jungen Publikum freudig und lautstark akklamiert. Der Tanz der Gegensätze ist tatsächlich mitreißend, sportliche Bewegungen werden von Spitzentanz kontrastiert. Spöitzentänzerin als sanfte Bomb Squade: Francesca Cesaro , Gaia Fredianelli.Die für das Ballett von Philip Glass komponierte Musik besteht aus neun sehr unterschiedlichen Sätzen, die das von Tharp eingesetzte Motiv der Gegensätze hörbar unterstützen. Zwei Gruppen zu je drei Paaren wechseln einander ab, vermischen sich kaum, sind erst im Finale, dem IX. Satz vereint, um den Jubel entgegenzunehmen. Die Gruppe in flotten Trainingsanzügen mit Turnschuhen an den Füßen nennt die Choreografin „Stompers“ (Stampfende), sie tanzen energisch, kraftvoll, sportlich. Den Kontrast bilden die drei Paare der „Bomb Squad“ Stompers in Aktion. Chiara Uderzo, Duccio Tariello.(Bombenentschärfungskommando), sie gehören dem klassischen Ballett an. Die Damen in roten Spitzenschuhen schrauben sich mit ihren Partnern senkrecht in die Höhe, wirbeln im Stakkato über die Bühne, folgen der anschwellenden Minimal Music in ebensolcher Rasanz. Tharp beharrt jedoch nicht auf der Dichotomie, sondern sieht die unterschiedlichen Tanzvokabel durch ein gemeinsames Band verbunden:

Die Elemente stehen nicht im Gegensatz, sie verstärken einander. Das eine unterstützt das andere, das eine geht dorthin, wo das andere nicht hingeht. Es ist kein GegensAus dem Repertoire des Miami City Ballets: „In The Upper Room“ von Twyla Tharp. © Twyla Sharp / Miami City Baletatz, sondern eine Ergänzung. 

Die 40 Minuten des Balletts vergehen im wahrsten Sinn des Wortes im Flug. Kraft kontrastiert mit Anmut, hohe Sprünge wechseln mit eleganten Hebungen und jeder Schritt muss in höchster Präzision ausgeführt werden. Wenn das Premierenfieber abgeklungen ist, wird der gewollte visuelle Eindruck noch deutlicher hervortreten. Allerdings hat dieses faszinierende, mitreißende Ballett auch bei der Premiere seine Wirkung entfaltet. Daran ist Philip Glass nicht unbeteiligt. Durch die Rasanz der Bewegungen im Fluss der Musik entsteht ein Sog, der den Zuschauerinnen den Atem nimmt und ihnen ein Glücksgefühl beschert.

Visionary Dances: Justin Peck: Heatscape; Wayne McGregor: Yugen; Twyla Tharp: In The Upper Room. Premiere des dreiteiligen Abends mit dem Wiener Staatsballett in der Staatsoper am 27.3.2026. Weitere 8 Vorstellungen.
Heatscape
Choreografie: Justin Peck, Musik: Konzert für Klavier und Kammerorchester Nr. 1 D-Dur von Bohuslav Martinů; Musikalische Leitung: Gavin Sutherland: Piano: Yoko Kikuchi
Bühne: Shepard Fairey; Kostüme: Reid Bartelme & Harriet Jung; Licht: Brandon Stirling Baker;
Yugen
von Wayne McGregor; Musik: Chichester Psalms von Leonard Bernstein siehe hier .
In The Upper Room
Choreografie: Twyla Sharp; Musik: Philip Glass; Kostüme: Norma Kamali; Licht. Jennifer Tipton;
Fotos: Ashley Taylor / Wiener Staatsballett.