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Wayne McGregor: Yugen, Tanz in die Tiefe

Yugen: Cassandra Trenary gehoben von Davide Dato.

Im Rahmen des dreiteiligen Ballettabends Visionary Dances leuchtet Wayne McGregors 2018 für das Royal Ballet entstandenes Ballett Yugen als glühender Stern. Zu Leonard Bernsteins Chorwerk Chichester Psalms fließen Kraft und Harmonie durch die Körper der elf Tänzer*innen, die sich im sanften Licht auf der vom Keramiker und Autor Edmund de Waal gestalteten Bühne  bewegen. 

Das Ensemble auf der von Edmund de Waal ausgestatteten Bühne.Der Titel, ein Begriff aus der japanischen Ästhetik, will erklärt werden. Yugen (auch Yügen / 幽玄), was nicht ganz einfach ist. Die Vielfalt der japanischen Begriffe für erlebte Gefühle werden Europäerinnen kaum jemals begreifen. Da müssen Zitate herhalten, wie auch Wikipedia sie verwendet: „Yugen verweist auf eine dahinter liegende Dimension, welche das Angedeutete und Verborgene höher schätzt als das offen zu Tage Liegende und klar Exponierte. Der Choreograf Wayne McGregor, längst mit Sir anzureden, mit Ehrendoktoraten britischer Universitäten überhäuft und einer Liste von Preisen, für die ein A4 Blatt nicht reicht, ist sensibel genug, um sich in die „Stimmung, die sich für jene Andeutungen eines Transzendenten offen hält“ einzufühlen und,  inspiriert von Bernsteins sakraler und zugleich profaner Musik, ein Werk zu schaffen, in dem die Zeit aufgehoben zu sein scheint, die Stille choreografiert wird und die sanfte Melancholie zu einem warmen, tröstlichen Gefühl wird. victro Caixeta gelingt eine Elevation.
Meine Katze gibt mir Bilder, um darin zu versinken und das zu sehen, was dahinter ist: „Ein verschneiter Garten, das Rauschen eines Flusses im Dunkeln, Der Nebel über dem herbstlichen Berghang …“  Der Theater-Theoretiker und -Schauspieler Zeami Motokiy (1363–1443) hat das Yugen zum künstlerischen Hauptprinzip des No-Theaters ( ) erhoben. Vielleicht kann mit diesem Wissen verstanden werden, dass iden Genuss dieses ruhigen, auf jeglichen Effekt verzichtenden, nahezu romantischem Meisterwerks, nahezu geheiligt gefühlt habe.
McGregor überrascht mit den anmutigen, nahezu ätherischen Tanzkörpern, denen es auch  nicht Energie und Ausdruckskraft mangelt. Sind doch seine früheren Werke eher durch seine digitalen Interessen und Forschungen gekennzeichnet. Kantig und rau sind die Bewegungen, hereinbrechende Lichtströme, ein buntes Feuerwerk und irritierender Sound machen es den Zuschauerinnen schwer, sich genüsslich zurückzulehnen und „schööön“ zu seufzen. Geseufzt wird auch in Yugen nicht, denn dazu fesseln die sanften, auch erotischen Bewegungen, die direkt aus der Musik fließen, zu sehr. Das Ballett dauert knappe 20 Minuten, doch für mich füllt es einen ganzen langen Abend.
Cassandra Trenaey schwebt mit dem Gesang.McGregor wurde für diesen Einakter zu Ehren des 1918 geborenen Komponisten bei den National Dance Awards 2018 als Bester klassischer Choreograf nominierten. Leonard Bernstein ist im Oktober 1990 verstorben, doch der 100. Geburtstag ist weltweit gefeiert worden. Yugen ist ein Teil des Bernstein Celebration Abends im Royal Opera House konzipiert worden. Logisch. McGregor ist seit 20 Jahren Resident Choreographer am Londoner Opernhaus.
Bernsteins eklektisches Werk für gemischten Chor und Knabenstimme, Chichester Psalms, 1965 komponiert für die Kathedrale von Chichester, besteht aus Psalmtexten die hebräisch gesungen werden. Yo Nakajima, die Premiere verletzungs bedingt nicht tanzen konnte. Ihr Partner, Lars Philip Gramlich, muss sich auf eine kollegin umstellen.Christliche Kirchenmusik, Broadway-Jazz, Rhythmen, die an Tanzmusik erinnern, die hebräischen Texte geben der Musik einen nahezu archaischen Klang. Lautstarke Chöre wechseln mit lyrischen Passagen, dramatische Abschnitte folgen auf friedliche Instrumentalpartien. Im Mittelsatz der drei Sätze ertönt eine zarte Knabenstimme, Scheinbar vom Himmel herab hört man den jungen Sänger (Dominik Weber) begleitet von einer Harfe, den bekannten 23. Psalm Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. / Er weide mich an einer grünen Aue und führt mich zu frischem Wasser.  Die reine des Textes und der Musik geht auf die Tänzer*innen über und setzt sich auf der Bühne fort.
Sanft gehoben, eng umschlungen: Cassandra Trenary, Davide Dato.Es war McGregors Wunsch, dass Edmund de Waal, der Keramikkünstler und Autor , die Bühne gestalte. Wie Bernstein stammt auch de Waal aus einer jüdischen Familie und kennt sich auch mit japanischer Ästhetik aus, hat er doch zwei Jahre in Tkoyo das Töpferhandwerk studiert und auch in einem Studio gegearbeitet. Reduktion, Einfachheit und Tiefe sind sein Metier. Für MacGregors Choreografie hat er 2 m hohe beleuchtete Glaskästen bauen lassen, in denen anfangs Tänzer bewegungslos stehen. Dann treten sie heraus, wenn der Chor beginnt. Für mich ist da ein Hau Ironie zu sehen. Die Leuchtkästen könnten auch Sammelobjekte in einem Museum beherbergen, doch die Objekte sind lebende Menschen, Tänzer*innen, die nach vorne schauen und dem Museum den Rücken kehren.  
Vollendet wird das visionäre Werk, in dem die Künste zu einem einzigen einheitlichen Kunstwerk verschmelzen auch durch die Lichtregie von Lucy Carter, die immer wieder mit McGregor arbeitet, die sanftes Weinrot gehaltenen Kostüme hat Shirin Guild entworfen. António Casalinho , Victor Vaixeta: Zwei Erste Solisten im zarten Pas de  deux.Auch wenn die Chichester Psalms von biblischen Texten ausgehen, hat McGregor nicht die Absicht, Tänzer*innen und Publikum in eine Kathedrale zu locken. Schwerfällige, tranig Religiosität hat er nicht im Sinne. Wie seine frühen Ballette ist auch Yugen leicht und luftig, diesmal auch romantisch und sanft lyrisch. Yugen lässt mehr an Engelsflügel denken als an auf den Knien rutschende Sünderinnen.
In die Musik geschmiegt, die Musik sichtbar gemacht, haben: Benjamin Alexander, Natalya Butchko, Victor Cagnin, Victor Cixeta, António Casalinho, Davide Dato, Lars Philipp Gramlich, Milda Luckuté, Yo Nakajima (sie hat die Generalprobe getanzt jedoch wegen einer Verletzung in Heatscape nicht die Premiere) eine Kollegin hat ihren Part übernommen), Rosa Pierro, Cassandra Trenary. Wie in den beiden anderen Stücken des Visionary-Abends gibt es keine Hierarchie, Erste Solisten und Corps Tänzerinnen gleichermaßen gefordert.  

Wayne McGregor: Yugen, Ballett in einem Akt, Premiere im Rahmen des dreiteieligen Abends Visionary Dances am 28.3.2026.
Konzept, Inszenierung & Choreografie: Wayne McGregor;
Musik: Chichester Psalms von Leonard Bernstein; musikalische Leitung: Gavin Sutherland; Arnold Schoenberg Chor, Knabenstimme: Dominik Baumgartner
Bühne: Edmund de Waal;
Licht: Lucy Carter; Kostüme Shirin Guild; Principal Coaching: Antoine Vereecken;
Fotos: Ashley Taylor / Wiener Staatsballett.