Kino im Kopf, Carolina Cappelli im brut
Der Film ist fast fertig, nur die Postproduktion, also der letzte Schliff, fehlt noch. Doch die Filmemacherin Carolina Cappelli brennt darauf, ihren Film zu zeigen. B-Movies heißt er und befasst sich mit der Rolle weiblicher Nebenfiguren, die viel zu oft unbeachtet bleiben. Es dauert eine Weile, bis der mit Esprit und geistreicher Komik ausgestattete Film auf der Leinwand erscheint. Doch dann nimmt das Staunen und Lachen kein Ende.
Stummfilm vice versa, Kino reziprok.
Die Kriterien des Stummfilms sind bekannt: Auf der Kinoleinwand wird eine Handlung gezeigt, die Darstellerinnen agieren sprachlos. Für die Ohren geigt und trommelt ein Orchester, live im Saal, begleitet die tonlose Handlung, simuliert den emotionalen Teil des Geschehens. Cappellis Film verblüfft durch umgekehrte Vorzeichen.
Keine Videowand, keine Dekoration, kein Orchester, keine Besetzung, nur Carolina Cappelli.
Sie ist die Orte und alle die darin auftreten, sie ist die Kamerafrau und die Handlung und die Szenen sie ist das Pferd und die erste Leiche. Carolina Cappelli ist der Film.
Anfangs jedoch ist sie die Gastgeberin und Moderatorin für das geladene Publikum. Ein durch Stottern und zahllose Patzer, Wiederholungen samt einer schier endlosen Liste an zu Bedankenden und Ehrenden. Sie findet das Mikro nicht und muss deshalb ständig fragen, ob man sie auch hört und schreckt ein Blitz das schon etwas genervte Publikum auf. Die Filmemacherin hat mit ihrer dauernd an den Lippen hängenden Wasserflasche einen Kurzschluss produziert.
Zum Glück ist ein Techniker im Raum, repariert die Sicherungen und versucht das Publikum auf die Notausgänge aufmerksam zu machen. Endlich beginnt der Film.Die Verwirrung und das Mitleid mit der ungeschickten Ansagerin löst sich in Wohlgefallen auf. Die Vorführung– eine Irreführung. Der Vorhang bleibt geschlossen, das Licht wird nicht gelöscht, der Film entsteht auf der Bühne und in den Köpfen der Zuschauerinnen.
Die weiblichen Nebenfiguren, an die wir uns kaum erinnern, sind diesmal im Zentrum und es wird klar, die Stars brauchen diese nur kurz durch die Szenen huschenden Frauen, ohne sie sind auch die Hauptfiguren nichts.
Doch Cappelli ist nicht nur viele Figuren, sondern auch das Thema und die Entstehung, sie ist die Dekoration und das Mobiliar, die Kamera und führt die Regie. Sie ist sogar die berühmte Darstellerin der Tierrollen und zeigt, wie diese, die auch mit weltbekannten Darstellern und Regisseuren auf der Leinwand zusehen war, das Pferd war, das eines Nachts ihre Großeltern besucht hat. Da wird die Fiktion zur Realität, um dann mit einem Knall zu kippen und zum Horrorfilm zu werden. Ein Messer blitzt auf, Schatten geistern über die Wände, der Bürosessel bewegt sich von selbst, Blut tropft von der Decke und dem weiblichen Vampir aus dem Mund.
Das Publikum hat die Wahl. Will es die dümmliche Blonde sein, die gleich in der ersten Szene zur Leiche erstarrt, oder das lebenslustige Girl, das erst nach einem kurzen Leinwandleben sterben muss? Nur wenige entscheiden sich für die dritte weibliche Rolle, der ein Filmtod erspart wird. Noch einmal blitzt das riesige Messer auf, dann hat auch dieser schaurig-schöne Horror ein Ende. 
B-Movie von Carolina Cappelli ist ein Film, der gar nicht da, aber dennoch zu sehen ist. B-Movie ist eine originelle, bestens getimte und dramaturgisch perfekt abrollende Vorstellung, Kino und Theater zugleich, lebendig und lustig, real und irreal, echt und falsch und köstlich eindrucksvoll.
Carolina Cappelli: B-Movies, Filmpräsentation, Performance. Uraufführung im Rahmen von imagetanz im Studio brut, 23.3. Folgevorstellungen: 24., 25., 26. März 2026.
Konzept, Performance & Regie: Carolina Cappelli
Dramaturgie & dramaturgische Beratung: Carolina Cappelli, Heneliis Notton, Teresa Barbagallo, Philippe Riéra ; Lichtdesign: Martin Schwab; Sounddesign: Tony Wagner; Kostümdesign: Rosa Wiesauer.
Eine Produktion von Carolina Cappelli, mit freundlicher Unterstützung von Italian Council 2024 Ambito 3, Italian Ministry of Culture, Italian Cultural Institute in Vienna, Bears In The Park, Kinkaleri, OHT, Blickle Raum und scuola piccola zattere.
Fotos: © Neven Allgeier