Enrique Vila-Matas: Seiltanz der Wörter
Realität oder Fantasie, Wahrheit oder Hirngespinst? Wem gehört die Literatur, was ist ihr erlaubt, was verboten? Neuerdings suchen Autorinnen wieder nach einer Antwort. Was darf, was tut ein Autor und ist er überhaupt wichtig? Darüber wurde und wird immer wieder geschrieben. Die Literatur wird zur Metaliteratur, der Roman zum Metaroman, weil sie sich selbst thematisieren. Auch in Enrique Vila-Matas’ Buch Este Bruma insensata / Dieser sinnlose Nebel, 2019 auf Spanisch erschienen, jetzt von Petra Strien-Bourmer für den Wallstein Verlag übersetzt, ist das Schreiben und das Lesen das eigentliche Thema.
Seit die Literatur, auf Pergament gemalt oder auf Holzfasern gedruckt, das leben bereichert, lebt sie vom Wellenschlag im Meer der Wörter und Sätze, dreht sich im Kreis, und unterhält Lesepublikum wie Philosophierunden mit einem Auf und Ab von Fiktion und Wirklichkeit, die es, wie man längst weiß, ohnehin nicht gibt. Wirklichkeit / Wahrheit sind Ergebnisse der Perspektive. Wenn sie gewechselt wird, ist die Wirklichkeit eine andere. Auto- und andere Biografien, Bekenntnisse, Vergangenheitsaufarbeitung werden zwischen Buchdeckeln zur Wirklichkeit, doch aus der Perspektive der Leserin wird die Fiktion sichtbar. Um die Nebelschwaden aufzureißen, beginnt die Literatur mit der Autorin / dem Autor über sich selbst zu plaudern, ihre Gesetze und Ansichten klarzumachen. Metaliteratur liegt zurzeit im Trend und
bietet köstliches Lesevergnügen. Wenn sich die Literatur über sich selbst unterhält, sich auch lustig macht, sich vordrängt und aus dem Kontext heraustritt, verschwinden Theorien, Genres und Jurorinnen und die Leserinnen müssen sich selbst zurechtfinden.
Schon vor gut 250 Jahren war diese Metaliteratur üblich. Der Philosoph Friedrich Schlegel (1772–1829) klassifizierte die Methode als „romantische Ironie“. Der multitalentierte Schriftsteller E. T. A. Hoffmann lieferte mit dem verwirrenden satirischen Roman Die Lebens-Ansichten des Katers Murr (1819,18219 ein Schulbeispiel dafür.
Der spanische Autor Enrique Vila-Matas liebt Figuren, die auf dem Seil tanzen, unter sich die Leere fühlen und sich dem Abgrund nähern. Wenn Literatur über sich selbst erzählt, dann scheinen auch die Leserinnen auf einen Abgrund zu zusteuern, der sich immerwährend in sich selbst spiegelt.
M
ise en abym heißt dieses unendliche, sich selbst reproduzierende Bild, das als Meta-Literatur in Worte gefasst ist. In seiner nach einer schweren Erkrankung 2007 aufgelegten Kurzgeschichtensammlung Exploradores del abismo (Erforscher des Abgrundes, auf Deutsch nicht erhältlich) vermischen sich Fiktion und Realität während der Autor über das Schreiben als Lebensform reflektiert. Auch Dieser sinnlose Nebel ist ein Werk über das Schreiben und die Rolle des Autors. Diese Rolle hat Simon Schneider, ein Übersetzer, inne, als Erzähler erinnert er sich an drei Tage im Oktober 2017, während des verbotenen Referendums über die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien.
Doch Simon interessiert das eher nicht, er ist unglücklich, weil er kein richtiger Autor, sondern nur Vorübersetzer ist. Er markiert die schwierigen Stellen in Texten, damit der richtige Übersetzer sich leichter tut. Der wahre Autor ist sein jüngerer Bruder Rainer, der mit seinen oberflächlichen, knalligen Romanen einen Erfolg nach dem anderen einheimst. Doch während ich mich lesend dem Abgrund nähere, muss ich mich fragen. „Ist das so?“ Denn mehr und mehr taucht der Verdacht auf, dass es Rainer gar nicht gibt. Gern macht er sich unsichtbar und imitiert damit den geheimnisvollen Künstler. Nicht der Streetart-Artist Banksy ist gemeint, obwohl auch der das Versteckspiel beherrscht. Es muss ein Schriftsteller sein, natürlich ist es der englische Autor Thomas Pynchon. Die in New York untergetauchte Rainerfigur behauptet auch, Pynchon schon begegnet zu sein.
Doch das behaupten viele. Wenn aber nun dieser Rainer nur im Kopf von Simon existiert und Simon nicht nur ein schlecht bezahlter Vorübersetzer ist? Die Zitate lieferte er dann sich selbst? Ohne Bezahlung. Rainer, wenn er denn existiert, gibt ihm wenigstens ein Almosen und zeigt ihm seine Verachtung. Weiter nachzudenken, wäre gefährlich, ich könne dem Abgrund zu nahe kommen. Daher stoppe ich jetzt lieber die Gedankenspirale und lasse den Schein das Sein sein. Echt jetzt: Simon liefert Rainer Zitate aus den Katalogen der Bücher und ihrer Schöpfer, die man gelesen haben soll und kennen muss. Mit der regelmäßigen Lieferung berühmter Worte putzt Rainer dann seine Romane auf. Das wiederum gibt dem realen und gut sichtbaren Autor Vila-Matas Gelegenheit, allerlei Autoren (an die Erwähnung von Autorinnen erinnere ich mich nicht) von Kafka bis Perec auftreten zu lassen. 
Zwischen dem Fischerdorf Cadaqués an der Costa brava und Barcelona wandelt Simon als Traumtänzer umher, vergleicht sich mit dem japanischen Malergenie Hokusai (1760–1849) und hält alle, die ihm ins Labyrinth folgen, zum Narren. Dauernd widerspricht er sich selbst, immer wieder stellt er eben Gesagtes infrage, behauptet das Gegenteil sei die Wahrheit. Der reale Bruder Rainer scheint gar nicht zu existieren, im entfernten New York geistert Simons Doppelgänger, den manche für Pynchon halten, durch die Straßen. Am Ende jedoch macht uns Simon weis, dass Rainer aus seinem geheimen
Aufenthaltsort zurück in die Heimat gekommen ist, und er ihm begegnet, im Nebel (oder er ist selbst total vernebelt), sodass er den von der Fangemeine Großer Bros genannten Bruder, der ihn konsequent per Sie anspricht und ihm sonderbare Kosenamen verpasst, gar nicht gleich erkennt. Simon vermutet, dass Rainer auf Geld aus der Hinterlassenschaft der verstorbenen Eltern aus ist, doch Rainer ist auf Simons Leben aus. Er will keine Romane mehr schreiben, sondern ein Sachbuch über Simons letzte drei Tage und schlägt auch vor, dass dieser auch den vom Schreiber dieser dreitages Biografie erwünschten Tod tatsächlich stirbt. Denn die Fiktion ist tot, es leben die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. 
So ernst muss das nicht genommen werden, denn wenn es nach dem Philosophen Roland Barthes (1915–1980) ginge, wären alle Autoren schon längst tot. Also seit 1967, denn da ist Bartes’ theoretischer Essay Tod des Autors erschienen. Doch das ist graue Theorie. Autorinnen und Autoren leben und schreiben. Zum Beispiel übers Schreiben wie es auch die gut 30 Jahre jüngere Kollegin von Vila-Matas, Marta Pérez-Carbonell mit Nichts könnte trügerischer sein / Nada más ilusorio ebenso wunderbar und ebenso dem Abgrund entgegen tanzend, getan hat.
Enrique Vila-Mata: Dieser sinnlose Nebel / Esta bruma insensata, aus dem Spanischen von Petra Strien-Bourmer, 237 Seiten, Wallstein 2026. € 26,70. E-Book € 19,99