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Sammelband: Die Philosophie des Tanzens

„Die Schule von Athen", die Gründerväter der Philosophie. Gemäde von Raffael, 1511.

Tanz ist eine Bewegung des Körpers. Philosophie, aus dem Altgriechischen: Liebe zur Weisheit, eine Bewegung des Gehirns. In dem Band Die Philosophie des Tanzens versuchen Choreografinnen, Philosophinnen, Tänzerinnen, Journalistinnen und Tanzwissenschaftlerinnen (und ihre Kollegen) über das Tanzen nachzudenken. URSina Tossi, Choreograph*in, Tänzer*in, Autor*n, und der Journalist Maximilian Probst haben 14 Autorinnen / Autoren  gefunden, die erzählen, was für sie die Faszination des Tanzens ausmacht.

PTanzen ist ein Vergnügen oder eine Profession. © freepikEine Philosophie des Tanzens kann es nicht geben, denn jede Tanzende, Choreografierende, Zusehende oder sich denkend mit dem Tanzen Beschäftigte entwickelt ihre eigene Sicht. So sind auch die 15 Beiträge höchst unterschiedlich, stilistisch wie inhaltlich. Manche sind trocken und emotionslos, andere lesen sich als Einreichung zum Klagenfurter Bachmannpreis. Eisernes Festhalten an der Theorie wird ebenso geboten wie persönliche Erlebnisberichte auch  Ausritte in die Esoterik fehlen nichts
Der Band scheint mir jedenfalls nicht aus dem Bedürfnis von Tänzerinnen und Choreografinnen, sich der Philosophie hinzugeben, entstanden zu sein. Für die Ballerina ist Tanzen Profession.© freepicDie Philosophie des … ist eine Reihe im mairisch verlag. Übers Kochen und Laufen, übers Klettern und Radfahren wird da philosophiert. Herausgeber Probst hat mit einem Essay über Die Philosophie des Radfahrens eine n Preis errungen. Das kann ich mir gut vorstellen, denn Radfahren bleibt Radfahren, ob bergauf, bergab oder gerade aus, ob mit Hilfsmotor oder ohne. Tanzen ist so vielfältig wie die Individuen, die den Tanz im Blut haben. Und das, ob man's glaubt oder nicht, sind wir alle. Das Tanzen ist in unseren Genen, die Bewegung zur Musik ist dem Menschen angeboren.  schon Säuglinge bewegen die Arme oder nicken mit dem Kopf, wenn ihnen eine bestimmte Musik vorgespielt wird. Man kann alleine, zu zweit oder in der Gruppe tanzen; man kann auf der Straße nach der Musik im Kopf tanzen oder beim Rave gemeinsam die Arme schwingen und laut mitsingen.
Dass der Tanz in der westlichen Kultur an letzter Stelle aller Künste steht, erklärt Oliver Marchart, Universitätsprofessor für politische Theorie an der Universität Wien, mit einfachen Worten. Beim Tanzen steht der Körper im Mittelpunkt, Tänzerinnen arbeiten mit dem Körper und das  wird auch im Alltag nicht so hochgeschätzt, wie Professionen, bei denen man die Muskeln nicht anstrengt, die Hände nicht schmutzig macht, die Füße nicht deformiert“, wie es beim Ballett der Fall ist. „Die Mitglieder des Corps de Ballet sind gleichsam die Proletarier der darstellenden Künste“, formuliert Marchart. Gerade am Ballett ist die Feststellung leicht zu überprüfen. Alle großen Opernhäuser leisten sich auch eine Ballettcompagnie, doch selbst in Paris, wo der Spitzentanz seinen Ursprung hat und zwei Opernhäuser zur Verfügung stehen, rangieren Ballettaufführungen hinter den Opernabenden. In Wien haben in Jüngster Zeit Operndirektoren ihr mangelndes Interesse, am Tanz, das mitunter in Abneigung gipfelt, öffentlich kundgetan. Selten hört man auch aus der Gemeinde der Zuschauerinnen, auch wenn sie nur selten Bühnenwerke genießen, dass sie Musik oder Operngesang nicht verstünden. Doch bei Tanzaufführungen, ob von Freien Gruppen oder Ballettensembles, wird das Fernbleiben oft mit „davon verstehe ich nichts“ begründet. Doch gerade der Tanz spricht, eben wegen seiner Körperlichkeit, direkt zum Menschen, weckt Gefühle und wirkt durch die Spiegelneuronen auch die Tanzlust in jeder Zuschauerin. Der georgisch-amerikanische Choreograf George Balanchine (1904–1983) hat einmal gesagt: „Ballett ist wie eine Rose, er ist schön, und du bewunderst ihn, doch du fragst nicht, was er bedeutet.“ Der Tanz, meint Balanchine, könne nicht alles vermitteln, keine Synonyme, Metaphern und Diskussionen, er könne nur zeigen, was wir auf der Bühne sehen. Der Tanz, ob aktiv oder passiv erlebt, wirkt vor allem auf die Rechte Gehirnhälfte, die für Emotionen, Musik und Bewegung zuständig ist. Dieses Erleben wird auch in vielen Beiträgen geschildert. Marchart zitiert auch andere Choreografen, und  Tänzerinnen, die sich ähnlich zum Tanzen geäußert. haben.
Verzichten sollte die Leserin auf das Vorwort von URSina Tossi und Maximilian Probst, die Die Philosophie des Tanzens herausgegeben haben. Hochgestochen bis unverständlich wird da der Schluss gezogen, dass die Philosophie dem Verständnis und der Liebe für das Tanzen nicht wirklich gut tut. Über das Buch wird gesagt:

Entstanden ist dabei ein immer neu ansetzendes Pas de deux (sic!) von Philosophie und Tanz, das (sic!) hoffentlich die vielfachen Verbindungen dr beide Phänomene, die nicht auf einen Begriff zu bringen sind, anschaulich werden lassen.

Abgesehen davon, dass es „der“ Pas de deux (der Schritt / le pas) heißt, meine ich, dass die unterschiedlichen Beiträge mehr der Selbstdarstellung der Autorinnen und Autoren dienen, als einer Horizonterweiterung oder gar dem Wecken oder einem Vertiefen der Liebe zum Tanzen. Philo-sophie heißt Liebe (zur) Weisheit; Choreografie (altgriechisch χορεία) meint das Erfinden und Einstudieren von Bewegungen. Hauptsächlich im Tanz, doch jegliche Bewegung kann choreografiert werden. Sowohl am Theater als auch beim Film arbeiten an der Seite von Regisseurinnen (Regisseuren) auch Choreografinnen (Choreografen), So könnte man diesen im Vorwort genannten Pas de deux auch Choreosophie taufen. Ein Verzeichnis der  erwähnte Namen und Begriffe im Anhang, würde auch Freude machen. Die Kurzbeiografien der Autorinnen / Autoren sind unter den entsprechenden Texten zu finden. Sie gesammelt am Ende anzufügen wäre hilfreicher.  
Eine Empfehlung für überanstrengte Leserinnen: Carl Maria von Webers Klavierstück Aufforderung zum Tanz, anhören. Hector Berlioz hat das Rondo brillant orchestriert und Michail Fokine hat für die Ballets Russes einen Pas de deux geschaffen. Le spectre de la Rose / Der Geist der Rose ist von Vaslav Nijinsky und Tamara Karsawina aus der Taufe gehoben und in vielen Ballettrepertoires auch heute noch präsent. Das Wiener Staatsballett hat die Aufforderung zum Tanz zum letzten Mal 2025 gezeigt. Eszter Ledán war das vom Prinzen träumende junge Märchen, der dann als Rosengeist, verkörpert von Mihail Sosnovschi, auch erschienen ist. Für diesen Pas deux braucht es weder Theorie noch Philosophie.

Maximilian Probst, URSina Toss (HG): Die Philosophie des Tanzens, 232 Seiten, mairisch Verlag, 2025. € 24,70. E-Book 19,99.