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un_endlich, Tanz im Spannungsfeld der Gegensätze
Ein Festival der besonderen Art findet seit nahezu 40 Jahren im Tirolerland statt. Von der Galerie St. Barbara in Hall veranstaltet, bietet das Osterfestival Tirol unter der künstlerischen Leitung von Hannah Crepaz ein vielfältiges Programm, einem gesellschaftsbezogenem Motto folgend. Heuer heißt es un-endlich. Das edes Jahr mit Bedacht gewählte Motto stellt die Auseinandersetzung mit Vergangenheit in den Mittelpunkt und lässt auch über andere scheinbar unüberwindliche Gegensätze nachdenken.
Das Osterfestival Tirol im Salzlager von Hall und in der Dogana in Innsbruck ist keine Veranstaltung, zu der Menschen kommen, um gesehen zu werden, das treue Publikum kommt, um selbst und aktiv zu sehen, zu hören und mitzudenken. Schließlich findet der Kern des Festivals in der vorösterlichen Zeit statt und endet am Ostersonntagmit einer Tanzveranstaltung in Innsbruck (5. April).
Wie gewohnt, lockt auch das 38. Festival mit dem Vorprogramm – 40 Orte und OrgelSPIEL bereits am Aschermittwoch begonnen.
Die Beziehung zum Anderen ist eine Beziehung zur Unendlichkeit. Der Andere entzieht sich jedem Versuch, ihn vollständig zu begreifen oder zu besitzen. Seine bloße Gegenwart verpflichtet mich.
Diese These hat der litauisch-französische Philosoph Emmanuel Levinas (1905–1996) aufgestellt.
Im Osterfestival wird sie dem Motto untergeordnet, denn „auch im Spannungsfeld von Alt und Neu – zwischen Uraufführungen, Renaissance- und Barockmusik – begegnen wir dem Anderen.“ Eröffnet wird das Festival am 21. März minimalistisch: Musik von Steve Reich, Gavin Bryars und Philip Glass stehen auf dem Programm im Salzlager / Hall.
Schon am Donnerstag, 26. März, ist mit Come Back Again ein erster Höhepunkt zu verzeichnen. Die junge Bühnenkünstlerin Doris Uhlich steht gemeinsam mit der über 80-jährigen ehemaligen Solotänzerin an der Wiener Staatsoper Susanne Kirnbauer auf der Bühne. Eine Performance über den Mut, den eigenen Körper neu zu entdecken und im Alter ungewohnte Wege zu gehen. Ein unvergesslicher Abend der Bewunderung für die Wiener Ballerina, deren Heimat die Bühne ist.
Am Samstag, 28. März, ist die algerisch-französische Tänzerin und Choreografin Nacera Belaza mit ihrer Compagnie im Salzlager zu Gast. La Nuée / Die Wolke nennt sie ihre Choreografie, die aus zwei Elementen besteht: dem Kreis und dem Rhythmus. Der Kreis, der seine Bahn um einen unveränderlichen Mittelpunkt zieht, und der Rhythmus, der sich in die Zeit einschreibt und die Körper emporhebt, um ihnen die Freiheit zu schenken. Zu erklären gibt es kaum etwas, man muss den Tanz mit und in den Wolken erleben. 
In Unfolding an Archive entfaltet Zoë Demoustier ein Bildarchiv aus 20 Jahren Kriegsberichterstattung. Hinter der Kamera ist ihr Vater, Daniel Demoustier, gestanden. Die Suche nach einer Beziehung zu den Bildern von Weltgeschehen, mit denen sie aufgewachsen ist, gleicht einer Bewegung zwischen Ferne und Nähe. Nach und nach entsteht eine Choreografie aus Posen und Gesten in einer gebrochenen Zeitachse physischer Erinnerungen. Die globalen Bilder begegnen privaten Erinnerungen. Schon 2024 hat Zoë Demoustier mit ihrem Gruppenstück What Remains / Was bleibt das Publikum im Osterfestival begeistert.
Unfolding an Archive ist ihr erstes Solo, entstanden 2021, zwei Jahre später hat sie mit Kindern und alten Tänzerinnen What Remains erarbeitet. (1. April, Kulturlabor Stromboli / Hall)
Nach Konzerten und Tanzperformances, nach Filmen und Diskussionen im Club, nach Vorträgen und Lesungen wird das Osterfestival Tirol wie üblich am Ostersonntag mit einer großen Ballettvorstellung beendet. Diesmal ist es die Natürliche Ordnung der Dinge, die Guy Nader und Maria Campos mit ihrer Compagnie GN/MC wieder herstellen wollen. Natural Order of Things ist eine Ode an das Leben, in der die Beziehung von Mensch und Natur erkundet wird. Mit zeitgenössischem und klassischem Vokabular, akrobatischen Elementen und geometrischen Formen loten die Tänzerinnen die Schwerkraft aus.
Das Choreografie-Team möchte durch Schönheit und Harmonie einen Weg finden, sich wieder mit der Natur zu verbinden, ein Gleichgewicht herzustellen. Schon 2024 haben die zehn Tänzerinnen das Publikum bei der Tanzbiennale von Venedig mit Natural Order of Thing begeistert. (Ostersonntag, 5. April, Congress (Dogana) / Innsbruck).
38. Osterfestival Tirol: un_endlich. 21.3. bis 5.4.2026, Hall in Tirol und Innsbruck.
Das gesamte Programm finden Sie auf der Festival-Website.