Marc Elsberg: Wenn das Sterben beginnt
Der österreichische Autor Marc Elsberg erreicht mit seinen Wissenschaftskrimis Millionenauflagen. Auch der neue Roman, Eden – Wenn das Sterben beginnt, wird die Leserinnen erschüttern, doch geschehen wird nichts. Die Gletscher schmelzen, die Meere erhitzen sich, die Eisbären sind ebenso dem Tod geweiht wie die Meerestiere und die Menschen werden verhungern. Das Sterben hat schon begonnen. Wen schert’s?
Elsberg fantasiert nicht, er recherchiert akribisch und ist in seinem Roman so nahe an der Realität, dass die Gänsehaut wehtut. Am liebsten hätte ich nach dem ersten Kapitel die Lektüre wieder beendet. Der Autor ist mehr Wissenschaftler als Literat, mit einer sanften Liebesgeschichte und einem vom hübschen jungen Influencer erfundenen Miniaturflusspferd, dem „süßen Hippo, das die Follower in einfacher Sprache vor dem sicheren Untergang warnt, schmiert der Autor duftendes Öl in die düsteren Zukunftsaussichten für diesen Planeten.
Die Grundidee des Romans ist ein funktionierendes KI-System, das die Folgen der Klimakrise berechnen und voraussagen kann. Die Prognosen, aus den weltweit gesammelten Daten entwickelt, werden meist von der erschreckenden Realität eingeholt. Tiefseefische, wie Riesenkraken, steigen an die Oberfläche weil es unten keine Nahrung mehr gibt, bedrohen auch die Menschen. Das gibt dem junge Linus, „Typ Surferboy, Handy im Gesicht, Hirn im Stand-by“, zu denken. Wenn die Riesenkraken ihre Arme um Menschenbeine schlingen und die Strände nicht mehr sicher sind, ist der Spaß vorbei. Linus wird erwachsen und ändert seinen Blog, um vor der Katastrophe zu warnen.
In Elsbergs neuem Roman geht es nicht mehr nur um die Folgen des Klimawandels, sondern um den Zusammenbruch des gesamten Systems, ökologisch, wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich. Das süße Hippo wird zum Feind jener, deren wirtschaftliche Interessen bedroht sind. Investmentunternehmen schrecken vor nichts zurück, sie wollen nicht nur das digitale Hippo eliminieren.
Die Politiker denken an die nächste Wahl und nehmen die Warnungen nicht ernst, auch wenn die toten Fische an die Ufermauern von Triest klatschen und nicht nur die Fischer plötzlich ohne Einkommen sind. Um das Lesen der 700 Seiten zu erleichtern, sind die Wissenschaftlerinnen, Aktivistinnen und verständnislosen Politikerinnen und auch aus Eigeninteresse Leugnerinnen der wissenschaftlichen Erkenntnisse personalisiert. Man lernt sie kennen und hat bald eine reale Person im Kopf, die all diese erfundenen ersetzt. Der Autor und sein Lektorat müssen erkannt haben, dass zu viele Schauplätze und Personen Leserinnen verwirren können. Vorsichtshalber
ist ein Verzeichnis aller Orte und auftretenden Personen angehängt. Ich hab's gebraucht.
Dass das gesamte Fundament der Menschheit am Bröckeln ist, kann man auch ohne Roman schon jetzt in den Nachrichten erfahren: Landwirte klagen über mangelnde Ernte, weil sie den Boden ausgebeutet haben und Schnee und Regen ausbleiben; die Meere sind längst leergefischt und der Wildwuchs an Algen nimmt ihnen den Sauerstoff, Sandstürme sind nicht nur in Asien an der Tagesordnung, sondern werden auch in Europa häufiger. Als Binnenländerinnen machen wir uns um die Meere keine Sorgen,
noch ergießen sich die Urlauber an die südlichen Strände. Doch die Meere sind die Lebensader der Weltbevölkerung. Wenn der Kreislauf nicht mehr funktioniert, verdorrt das Paradies. Das Sterben hat schon längst begonnen.
Marc Elsberg stellt neben den zum Paulus gewandelten Linus die engagierte Meeresbiologin Sarah. Erfahrene Leserinnen wissen, die beiden werden inmitten lebensgefährlicher Abenteuer Zeit für innige Umarmungen haben.
Elsberg schafft es, wissenschaftliche Erkenntnisse, die Möglichkeiten einer künstlichen Intelligenz und gesellschaftliche Strömungen verständlich und faszinierend darzustellen, doch durch die Menge der Personen und auch Schauplätze ist konzentriertes Lesen erforderlich.
Eden – Wenn das Sterben beginnt ist ein überaus komplexer Roman mit unterschiedlichen, doch realitätsnahen Themenschwerpunkten.
Ich scheue mich, das Werk einen Thriller zu nennen, das klänge mir zu sehr nach Unterhaltung. Vieles, was Elsberg erzählt, ist gar nicht mehr fiktional, es ist die bittere Realität. Der Autor macht klar, dass Gier und die Blindheit all derer an den Hebeln der Macht das gesamte globale System in den Abgrund treiben. Das süße, schlaue Hippo erinnert mich an Kassandra, die, hellsichtig wie eine KI, ihre Warnungen in den Wind gesprochen hat. Troja ist untergegangen. Die griechische Mythologie, auch ein Thriller mit wahrem Kern.
Marc Elsberg: Eden – Wenn das Sterben beginnt, 768 Seiten, Blanvalet 2026. € 28,80. E-Book € 24,99.