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Joachim B. Schmidt: Kalmann schweigt, fast ein Krimi

Mit dem Roman Kalmann schweigt vollendet Joachim Schmidt die Trilogie über den einzigartigen Bewohner von Raufarhöfn, Kalmann Óðinsson. Auch wenn im Mittelpunkt eine Leiche im trockenen Whirlpool sitzt, ist der letzte Band, wie auch die beiden vorangegangenen Bände, kein richtiger Krimi, sondern eher ein Schelmenroman aus einem dem Großteil der Leserinnen unbekannten Land hoch oben im Norden des europäischen Kontinents.

Joachim B. Schmidt, in Island lebender, Island liebender Autor, kennt den Kalmann aus Raufarhöfn (sprich: Reuwarhöbb) ziemlich gut und liebt ihn sehr. Er wohnt nicht weit von ihm. Weil Kalmann nicht lügen kann, lässt er ihn immer selbst von seinem Leben und seinen Abenteuern erzählen. Kalmanns Erzählung ist subjektiv, sein Blick auf die Realität ist naiv, wie Parsifal fühlt er sich berufen, die kleine Welt von Raufarhöfn zu retten. Immerhin trägt er einen Cowboyhut und einen Sheriffstern. Kalmanns amerikanischer Vater kümmert sich wenig um den Sohn, die Mutter, wohnt in der nächsten Stadt und wird gerufen, wenn Kalmann mit dem gefundenen Revolver fuchtelt. Dann bleibt er ein paar Tage bei ihr in Akureyri, wird gewaschen und aufgepäppelt und sehnt sich nach seiner Hütte in Raufarhöfn, bis ihn die Mutter wieder zurückbringt. Einmal hat ihn der Vater in seine Heimat mitgenommen und ist mit ihm nach Washington gereist. er ist mitten in einen Tumult geraten und im Gefängnis gelandet. Amerika hat Kalmann nicht wirklich beeindruckt. Was ihn beeindruckt, ist der Schatz, den er samt einem Revolver und einer Flasche mit Brennivin gefunden hat. Das Geld, so meint er, stammt von einem Raubüberfall, an dem Großvater in jungen Jahren beteiligt war, doch der gesamte Fund bringt Kalmann kein Glück. Dass er nicht mehr weiß, ob er die Schuld daran träg, dass der Hüpfburg die Luft ausgegangen ist, bereitet ihm überdies schlaflose Nächte. Kalmann hat Herz und Gehirn eines Kindes, doch er ist inzwischen 40 Jahre alt, es hält ihn nichts mehr in Raufarhöfn, er macht sich auf den Weg, um zu seinem verstorbenen Großvater zu finden und auch seinen Frieden. Der Abschied, der Leserinnen von Kalmann und Kalmanns von der Welt ist endgültig.
Zu hoffen ist, dass sich die Leserinnen nicht auch von Joachim B. Schmidt verabschieden müssen, zu bereichernd ist die Lektüre seiner Romane, die zum großen Teil in Island spielen und sowohl historische Persönlichkeiten als auch reale Ereignisse berühren. Kalmann nimmt die Welt, wie sie ist, sein Gehirn arbeitet speziell, mitunter ganz langsam, wörtlich, Metaphern liegen ihm fern, er kann sie nicht entschlüsseln, dann aber wieder chaotisch, schnell wie ein Wirbelwind. Gekonnt bindet Schmidt die Umwelt, die dörfliche Gesellschaft, die wirtschaftlichen und ökologischen Veränderungen in seine Geschichte ein.
Kalmann ist ein Simpel, ein Verwandter von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch, der sein Leben und seine Abenteuer aufgeschrieben hat. Das barocke Prosawerk Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch, heute auch Simplicius Simplicissimus betitelt, ist um 1668 erschienen und berichtet vom Zustand der Welt und hält ihre den Spiegel vor. Allerdings tut Simplicius dies ganz bewusst, das unterscheidet ihn von Kalmann der nicht hinter die Oberfläche blickt und die Welt auch nicht kritisiert.
Joachim B. Schmidt lebt zwar in Island, hat aber seine Kunst zu beobachten, zu erzählen, zu schreiben und zu beschreiben nicht verlernt. Nicht nur Kalmann, der liebenswerte Kalmann, wird in seinen Berichten lebendig, auch die Menschen rund um ihn, die ihn mögen oder auch nicht ernst nehmen, sind keine starren Romanfiguren. Ich bin sicher, bei einem Besuch in Raufarhöfn wurde ich ihnen allen leibhaftig begegnen. Doch ich müsste mich warm anziehen, denn in Raufarhöfn, nahe dem Polarkreis, ist es auch im Sommer ziemlich kalt und windig.
Der Autor, 1981 in Graubünden gebürtig, lebt seit 2007 mit seiner Frau Der Schweizer Autor Joachim B. Schmidt lebt mit seiner Ehefrau Kristín Rögnvaldsdóttir und den zwei gemeinsamen Kindern, Heiðdís und Rögnvald, in Reykjavík. Heinz Storrer hat die Familie Schmidt für den Tagesanzeiger besucht und ein 2022 lebendiges, beeindruckendes Porträt des Autors veröffentlicht. Ich erlaube mir, daraus ein Zitat zu kopieren. „Ihn lockte schon immer das Fremde, die Ferne, das Weite. Und Island hatte es ihm besonders angetan. Schon in der Schule. Die Vulkane. Die Gletscher. Die Geschichte. Die Landnahme durch die Wikinger. Das Weite, Wilde, Karge. Das Land, in dem die Flüsse noch nicht kanalisiert sind, sondern noch fliessen (sic) können, wie sie wollen.“

Joachim B. Schmidt: Kalmann schweigt, 320 Seiten, Diogenes 2026. € 25,70. E-Book: 21,99.
Der Autor bei Diogenes, eine Bereicherung jeder Bibliothek: Tell, Moosflüstern in Island, Ösmann, Fährmann und Poet.