Ballettchefin Mei Hong Lin holt Kresnik nach Linz. © dowzr.com.

Ballettchefin Mei Hong Lin holt Kresnik nach Linz. © dowzr.com.

Mit einer richtigen Attraktion wird die Tanzsaison 2018/19 am Linzer Musiktheater eröffnet. Ballettchefin Mei Hong Lin konnte den Pionier des Tanztheaters, Johann Kresnik, gewinnen, seine 1988 in Heidelberg uraufgeführte Version das Shakespeareschen Dramas „Macbeth“ mit ihrer Compagnie zu rekonstruieren. Am 13. Oktober 2018 ist Premiere.

Choreograf Johann Kresnik, 2012 in Heidelberg  © StefanKresin / metropolnews.infoJohann Kresnik, der auch kurz vor seinem 79. Geburtstag noch auf der (Linzer) Probenbühne stehen wird, scheint tatsächlich der „Berserker“ zu sein, als den ihn der deutsche Tanzkritiker Jochen Schmidt einst voll Respekt, bezogen auf seine unmittelbare, oft brutale Tanzästhetik, bezeichnet hat. Das Epitheton ist zum Markenzeichen des Tänzers und Choreografen, der neben seiner Ausbildung in Graz auch Werkzeugmacher studiert hat, geworden. Vom klassischen Ballett hat sich Kresnik, der als Solotänzer in Köln George Balanchine so beeindruckte, dass er ihn zu einem Gastauftritt zum New York City Ballet eingeladen hat, bald gelöst, um sein eigenes Tanzvokabular zu entwickeln. "Maacabeth" choreografisches Theater von Johann Kresnik, Bühnenbild, Kostüme von Gottfried Helnwein. © Volksbühne Berlin, 1995

1967 schuf er sein erstes „Choreografisches Theater“, wie er selbst seine Inszenierungen bezeichnet, in Köln: „O Sela Pei“ zu Texten von an Schizophrenie erkrankten Menschen. Ein Jahr später, er war noch keine 30, wurde Kresnik als Ballettmeister ans Theater Bremen engagiert, wo junge Regisseure wie Peter Zadek oder Rainer Werner Fassbinder für Furore sorgten. Kresnik war bald dabei. Das Choreografische Theater wurde zum politischen Instrument, zur Waffe: „Ballett kann kämpfen“, war und ist immer noch seine Parole. Von negativen Reaktionen ließ er sich nicht beeinflussen, das Publikum stand stets auf seiner Seite, besuchte die Vorstellungen in Bremen, Heidelberg, Berlin und oder in Bonn, um sich erschüttern zu lassen. „Das Theater“, postuliert er, „hat die Funktion politisch und gesellschaftskritisch aufmerksam zu machen.“ Zumindest für einen Abend gelingt das bei Kresnik immer wieder, ob er, wie in „Familiendialog“ (1980) „Sylvia Plath“ (1985) oder „Frieda Kahlo“ (1992,) von der existenziellen Misere der Frauen oder, wie in „Macbeth“, von Machtmissbrauch, Gier und Mord erzählt. Szene aus "Macbeth",  1988  © Gottfried Helnwein, Buhnenbild und KostümeDas Publikum „hat das Gefühl, mit dem Vorschlaghammer auf den Kopf geschlagen zu werden“, schreibt Jochen Schmidt. Und die Tänzerinnen und Tänzer? Die tanzen, als ginge es um ihr eigenes Leben, vollführen völlig neue Bewegungen, strapazieren ihren Körper bis zum (scheinbar) Unmöglichen. Für das Publikum und die Darsteller*innen ist jedes Stück von Johann Kresnik nicht nur ein Schlag auf den Kopf, sondern auch tief in die Magengrube.Marie Anoinette, 10 Jahre,  tanzt mit zweien ihrer Brüder, 1765 gemalt von Johann Georg Weickert. © Wikimedia Commons, gemeinfrei

Die Rekonstruktion von Johann Kresniks choreografischem Theater „Macbeth“ ist nicht die einzige Premiere im Linzer Musiktheater. Mei Hong Lin selbst inszeniert ihre Sicht auf „Marie Antoinette“, ohne Blut und Vorschlaghammer. Lin befasst sich nur am Rand mit der Geschichte der französischen Revolution, der die Königin von Frankreich zum Opfer gefallen ist, sondern fragt wer diese Prinzessin war, die mit 14 Jahren an den französischen Thronfolger verschachert worden ist, und wer die Königin, die 24 Jähre später auf der Guillotine sterben musste. Mei Hong Lin zeichnet das Porträt einer Frau, die an den Umständen gescheitert ist. Die Uraufführung ist am 30. März 2019.

Vom indisch-australischen Choreografen Ashley Lobo stammt das Tanzstück „Yama“, mit dem das Premieren-Terzett in Linz vervollständigt wird. Yama, die Titelfigur, heißt der hinduistische Gott des Totenreiches. Doch er beherrscht nicht nur die Unterwelt, sondern auch das lichtdurchflutete Land dahinter, das Paradies. Ashley Lobo gilt als Star der indischen Tanzwelt, der dem Publikum auch durch mehr als 20 Bollywood-Filme* bekannt ist. Sein Tanzvokabular ist eine Mischung aus Bewegungstechniken des westlichen Tanzes und der von ihm entwickelten, auf der Yoga-Atmung beruhenden, „Prama-Paint-Technik“. Premiere ist am 25. Mai 2019.

* Mein Korrektor macht mich darauf aufmerksam, dass der Begriff "Bollywood" für den HIndi-Unterhaltungsfilm nicht mehr korrekt ist, setzt er sich doch aus Bombay und Hollywood zusammen. Bombay heißt seit 1996 Mumbai. Also müsste man Mollywood-Film sagen und schreiben. Da aber der Begriff nun einmal eingeführt ist (und ohnehin eine ganze Generation nicht mehr weiß, woher der Spitzname kommt), werde ich mich nicht in die Nesseln setzen.

Musiktheater Linz / Tanz: Vorschau 2018/19.
Johann Kresnik: „Macbeth“ Rekonstruktion, choreografisches Theater nach William Shakespeare. Musik von Kurt Schwertsik, Bühne und Kostüme: Gottfried Helnwein. Ab 13. Oktober 2018.
Mei Hong Lin: „Marie Antoinette“, Tanzstück. Musik: Walter Haupt, Bühne und Kostüme: Dirk Hofacker. Dirigent des Bruckner Orchesters: Marc Reibel. Ab 30. März 2019.
Ashley Lobo: „Yama“, Tanzstück in der Black Box. Ab 25. Mai 2019,
Aufführungen im Musiktheater Linz.