Teresa Vittucci, halbnackt. © Nelly Rodgriguez

Teresa Vittucci, halbnackt. © Nelly Rodgriguez

Mit einem Rückblick auf die vergangene, recht erfolgreiche Saison, starteten die beiden Verantwortlichen für performing arts im Foyer des WUK die Schau auf die nächste Saison. Kurz und knapp in nahtloser Doppelkonferenz haben Esther Holland-Merten (künstlerische Leiterin) und Ulli Koch (PR & Marketing) am 12. September 2018 gleich die erste Vorstellung eingeleitet. Eine perfekte Mischung: Rückschau, Vorschau, Echtzeit-Schau mit Elisabeth Tambwé im Foyer und Teresa Vittucci auf der Bühne.

Draußen, im Eingangsbereich vor dem Foyer zum großen Theatersaal ist zeitgleich über Kopfhörer das Hörspiel „Fortuna. Sport, Kunst, Politik“ des Performers Otmar Wagner für das Impulse Theater Festival, seit 25 Jahren vom NRW KULTURsekretariat als Plattform für das Freie Theater ausgerichtet, 2018 als Auftragsarbeit entstanden. Die thematische Vorgabe umreißt auch den Inhalt: „Wie gelingt der Spagat zwischen lokaler Identität und überregionalem / internationalem Erfolg – im Fußball wie in der Freien Szene?“

Elisabeth Tambwè hält ihre Lecture Performance © Ulli KochElisabeth Tambwé hat zur Lecture performance „Focus: new perspectives“ im nebligen Setting eingeladen. Der Nebel hat gestunken, gesehen habe ich nichts, obwohl mithilfe einer als Maske gestalteten Spezialbrille die Künstlerin als Videobild erschienen ist, stehen sollte ich auch, ich flüchte mich in den lauen Sommerabend, zitiere deshalb Tambwés Intention: „Der Körper verabschiedet sich von einem möglichen narrativen, historischen oder sozialen Klima, um einfach an der bloßen Tatsache seiner Präsentation festzuhalten. Die Lecture performance ist die Frage nach dem Körper als Ort des Widerstands.“ Die Performance war eine Einführung, die Premiere der Aufführung wird im brut stattfinden. Tambwé ohne Perücke, doch im Nebel © Ulli Koch

Kurze Pause für ein Bier oder einen G’spritzen, die Septembernacht ist sonnenwarm, der Hof des WUK vibriert von ernsten Gedanken und seichtem Gelächter. Danach vibriert die in der Schweiz lebende Wienerin Teresa Vittucci auf ihrem verspiegelten Podest und das Publikum vor Wonne. Denn die Tänzerin / Performerin hat sich in ein Cam-Girl verwandelt, ist eine junge Frau mit freigelegtem Unterkörper, rotem Pullover oben, die sich via Webkamera aller Welt darbietet. Wer den von ihr geöffneten Chat-Kanal einschaltet, kann sehen, was sie zu bieten hat, und das ist nicht wenig, Ansichten, Einsichten und viel Fleisch, und auch mit ihr sprechen. Teresa Vittucci : Venus am Keyboard.  © Nelly RodriguezTeresa Vittucci bietet sich schamlos dar, einem doppelten voyeuristischen Publikum, jenem, meist männlichem im Internet und diesem, gendergemischtem im Theatersaal. Daher ist auch sie eine Doppelte – Performerin, die etwas mitzuteilen hat, Camgirl, das etwas herzuzeigen hat.

Die Frage, die sie ohne Wort, aber mit dem Körper, mit Musik und Gesang stellt, ist: „Wer hat die Macht?“ Die geilen Gaffer(*innen) im Internet? Die Kunstgenießer*innen – sie sind doch zu performing arts gekommen – , oder womöglich Vittucci selbst? Wer ist Voyeur*in und wer Exhibitionist*in? Fragen, die sich im Kreis drehen, denn alle, die zum Schauen gekommen sind oder den Bildschirm aktiviert haben, sehen, aber werden nicht oder nicht als identifizierbares Individuum gesehen; die, die zur Live-Show angetreten ist, wird gesehen, sieht aber selbst nichts und niemanden, lenkt jedoch durch ihr geschicktes Spiel mit den Zuschauer*innen, mit dem Körper und den Antworten auf die sinnentleerten Bemerkungen der Chatter (schon deren Namen sind eine Show für sich) das Geschwätz und die Aufmerksamkeit ihrer Anhänger*innen. „Manchmal denke ich“, sagt Vittucci, „den voyeuristischen Blick hat die Performerin selbst.“ Die großartige, tiefsinnige, intime und amüsante Show trägt den Titel „All Eyes On“, ist mit dem Tanzhaus Zürich co-produziert worden und war leider in Wien, obwohl zum Ersten Mal in Österreich, im WUK nur zwei Mal, 18., 19.9.2018, zu sehen.  Teresa Vittucci ist nicht nur Körper, auch Kopf, Gesicht und Mimik. © Nelly Rodriguez

Das aber, die kurze Aufführungszeit, soll nicht die Regel sein, verspricht Holland-Merten, und nennt Toxic Dreams, die die als erste Produktion im neuen Zyklus, „Real Fiction“, eine Sitcom mit dem Titel „The Bruno Kreisky Lookalike“ ab November 2018 gut zwei Wochen lang zu sehen ist.
Auf den Zirkus-Schwerpunkt im Jänner 2019 möchte ich auch noch hinweisen. Der neue Zirkus hat von Frankreich und Kanada aus die Tanz-/Performance-Welt erobert. Artistik wird mit den Ausdrucksformen von Tanz, Theater und auch bildender Kunst vermischt, um so der staunenswerten, aber inhaltslosen Akrobatik auch Tiefgang zu verleihen. Rund um die Vorführungen wird ein Rahmenprogramm gestaltet, das vor allem mit Bildmaterial die Bandbreite des zeitgenössischen Zirkus für das Publikum erfahrbar machen soll. Ein weiter Schwerpunkt ist der AI / KI, der Artificial Intelligence / Künstliche Intelligenz gewidmet. Mit der Produktion „U. G. A. I.“ werden Maschinen die Bühne entern und ihre Rechte fordern. Der Titel steht für „Union of Global A.I:“

Es gäbe noch viel mehr anzukündigen, neben den Bühnenshows auch Künstler*innen-Gespräche, Koproduktionen, Kollaborationen, Vermittlungsprogramme, Konzert-Performances, wobei die Musik im Zentrum steht, die Bewegung kommt dazu, Party- und Comedy-Abende. In Ruhe zu Hause gelesen kann / soll das Magazin mit Informationen zu den Stücken und Interviews mit Künstler*innen.

Teresa Vittucci im Spiegel ihrer Bühne.  © Nelly RodriguezNicht untergehen soll in der kursorischen Vorschau die Bemerkung über die Geschlechteraufteilung der Personen, die in der ersten Saison von Esther Holland-Merten (2107/18) künstlerisch oder organisatorisch an den Events beteiligt waren: 141 w zu 148 m, also nahezu ausgeglichen. Das ist höchst erfreulich und soll auch so bleiben. Dabei fällt mir auf, dass jetzt ein Großteil der Häuser. in denen Freier Tanz und Performance regelmäßig oder sogar hauptsächlich Platz findet, von Frauen geführt werden. In alphabetischer Ordnung: brut: Kira Kirsch, Dschungel: Corinne Eckenstein, Tanzquartier: Bettina Kogler, WUK: Esther Holland-Merten. Im Dschungel und im Tanzquartier ist auch die kaufmännische Direktion weiblich besetzt. Noch sind solche Vergleiche wichtig, bald soll die 1:1-Mischung von Frau und Mann Normalität sein, dann muss sie nicht mehr erwähnt werden.

WUK/ performing arts: Bilanz und Programmvorschau 2018/19 am 12. September 2018 mit anschließender Performance.
Elisabeth Tambwé: „Focus: New Perspectives“. Konzept und Performance E. B. Tambwé, Audio-Visual Artists: Nicolas Spencer, Eduardo Trivino Cely. 12., 13.9. 2018, WUK.
Teresa Vittucci: „All Eyes On“, Konzept und Performance: Teresa Vittucci; Raum Jasmin Wiesli; Technische Leitung: Lukas Sander; Video, technischer Support: Alper Yagcioglu. 12., 13.9. 2018, WUK.
Otmar Wagner: „Fortuna. Sport | Kunst | Politik“, Konzept, Text: Otmar Wagner mit Originalstimmen und Sprecher*innen. 12., 13.9. 2018, WUK.
Eröffnungsvorstellung: PCC #7: „What A Joke!“, 8. Oktober 2018, WUK